Männerfußball und illegales Streaming
von Konstantin Hitscher
23.06.2026

Ästhetische und andere Normverstöße

Eigentlich stellt das Streaming von Männerfußball auf nicht-autorisierten Internetseiten nur die Lösung für ein simples Problem dar: Sportstreaming-Anbieter sind teuer und haben die Preise insbesondere in den vergangenen Jahren deutlich angezogen – das Unlimited-Plus-Abo von DAZN kostet beispielsweise mittlerweile (Stand 05.05.2026) 54,99€. Außerdem sind auch einzelne Wettbewerbe zwischen mehreren Anbietern aufgeteilt. Selbst wenn man die circa 60€ für ein Abonnement zahlt, kann man nicht alle Spiele schauen, ohne weitere Abos zusätzlich zu buchen. Nicht-autorisierte Streamingseiten kosten im Gegensatz dazu nichts. Außerdem findet man auf ihnen annähernd alles, was übertragen wird; auf diesen Websites gibt es auch Spiele, die weniger bekannt sind (etwa Vitesse Arnheim gegen FC Den Bosch aus der Keuken Kampioen Divisie, der zweiten niederländischen Liga).

Ohne es zu beabsichtigen verschieben Internetseiten wie livetv.sx – im Folgenden das Beispiel, das stellvertretend für die nicht-autorisierten Internetseiten dienen wird – aber auch die Wahrnehmung der Spiele. Das Interface, in dem die Übertragungen präsentiert werden – also sozusagen ihr neuer Paratext – ändert ihren kompletten Charakter. Die Multi-Millionen-Euro-Events bekommen plötzlich fast etwas Subversives und Geheimnisvolles; ansonsten hingenommene Autoritäten werden in Frage gestellt.

Livetv.sx ist im deutschsprachigen Internet eine anerkannte Größe unter den Anbietern für nicht-autorisierte Streams. In einem Überblicksartikel bezeichnet vpnoverview.com die Website etwa als „eine der besten kostenlosen Sport-Streaming-Seiten“. Laut der Web-Analytics-Seite similarweb.com ist Livetv die am 340. häufigsten aufgerufene Website in Deutschland (Stand 05.05.2026). In einem Monat verzeichnet sie etwa 15 Millionen Aufrufe.

Früher war die Seite unter dem Domainnamen livetv.ru abrufbar, inzwischen wurde sie mehrmals umbenannt – vermutlich eine Taktik, um DNS-Blocking zu umgehen. Von der Livetv-Startseite aus lassen sich die Unterseiten für einige Spiele über eine Liste am linken Rand der Website anwählen. Für andere Spiele muss man vorher die Subpage der jeweiligen Sportarten öffnen, dort sind dann die internen Links aufgelistet.

Dieses Konstrukt liefert den Rahmen, in dem die Liveübertragungen schließlich geschaut werden. Obwohl Gérard Genettes Paratext-Überlegungen auch bei der Analyse von Phänomenen aus dem Internet eine ziemliche Karriere hingelegt haben, lässt sich das Konzept nicht eins zu eins übertragen. In der Forschung (etwa Birke und Christ 2013) wird dafür wiederholt eine implizite Vorannahme Genetts verantwortlich gemacht: Er geht vom Text in Buchform aus.

Um Genettes Ideen für Internetseiten nutzbar zu machen, schlägt Gavin Stewart (2010) vor, digitale Paratexte in Off-Site und On-Site zu unterteilen – je nachdem, ob sie die Domain des Textes teilen oder nicht. Als eine Unterart der On-Site-Paratexte führt er zudem die In-File-Paratexte ein, also Paratexte mit der exakt gleichen URL.

Die Startseite von Livetv ist der On-Site-Paratext, der die meisten Klicks vom tatsächlichen  Stream entfernt ist. Sie liefert einen Zugang und ist so mit einem Buchcover oder einem Inhaltsverzeichnis vergleichbar. Dem dort präsentierten Design bleibt die ganze Internetseite treu. Der Look von Livetv bricht dabei mit der Ästhetik, die man online mittlerweile gewohnt ist; die Website wirkt eher wie eine 20 Jahre alte Internetseite – der Zeit, als sie vermutlich zum ersten Mal ans Netz ging. Ein Besuch auf Livetv fühlt sich so ein bisschen wie eine Zeitreise in das Internet der frühen Nullerjahre an.

Dieser Mangel an professionellem, up-to-date Webdesign lässt sich generell auf Seiten für nicht-autorisiertes Sport-Streaming beobachten – ein weiteres Beispiel hierfür ist etwa die Website myp2ptv.org. Schon von Anfang an ist so unübersehbar, dass man sich nicht auf DAZN oder einer ähnlichen Seite befindet. ‚Nicht-autorisiert‘ wird so unbewusst mit einem Verstoß gegen ästhetische Normen gleichgesetzt; die Verstöße gegen eine gewisse, von großen Unternehmen geprägte Ästhetik werden gleich in einen moralischen Mangel übersetzt und beim Besuch auf der Internetseite auch als Indizien für Zwielichtigkeit lesbar.

Das Design der Seite ist nicht auf intuitive Funktionalität abgestellt. Ins Positive gewendet lässt sich sagen, dass die Seite daraus ihren Charme zieht: Da sie sich nicht direkt erschließt, muss man sie viel bewusster wahrnehmen, mehr herumprobieren und mit ihr so letztlich stärker interagieren. Gleichzeitig speist sich diese geschärfte Wahrnehmungsbereitschaft auch aus einer (leichten) Angst: Gerade bei fehlendem technischen Wissen versucht man während des Absuchens der Internetseite permanent zu erkennen, wo eventuelle Viren lauern könnten.

Dass sich die Seite veraltet anfühlt, liegt an unscheinbaren Kleinigkeiten: Als Social Share Buttons werden Facebook, Twitter und Google+ (sic!) angeboten. Außerdem ist die Website nicht responsive designt; ihr Layout passt sich also nicht, wie bei im Prinzip jeder neueren Website automatisch an die Bildschirmgröße an. Stattdessen muss man teilweise umständlich nach links scrollen, um einen bestimmten Link zu finden. Die Internetseite macht es einem ungewohnt schwer.

Aber auch im Größeren ist der Unterschied deutlich: DAZN setzt auf die Hintergrundfarbe Schwarz, die einzelnen Spiele werden auf bunten Kacheln beworben, teilweise mit dynamischen Bildern. Livetv ist im Gegensatz dazu von der Farbe Weiß dominiert, nur einzelne Elemente sind in Rot und Blau gehalten. Außer Vereinswappen und Werbebannern gibt es auf der Startseite fast keine Bilder. Die Spiele werden stattdessen über einen Link angewählt, der aus den Namen der Mannschaften und einem kleinen Piktogramm für den jeweiligen Wettbewerbs besteht.

Eigentlich wird keinem Spiel verstärkte Aufmerksamkeit verschafft; man muss schon im Vorfeld wissen, was man schauen möchte. Und trotzdem fühlt sich die Website überladen an: Neben den Werbebannern liegt das daran, dass die komplette Internetseite mit Text in Helvetica oder Arial bedeckt ist. In den meisten Fällen ist die Schrift nicht größer als 12-Punkt.

Ellen McCracken (2013) unterscheidet im Digitalen zwischen centrifugal paratexts und centripetal paratexts. Während erstere die Rezipient:innen vom Text ablenken und von ihm wegführen, verstärkt die zweite Kategorie die Hinwendung zu ihm – McCrackens Beispiel hierfür ist die Möglichkeit, am Kindle Schriftgröße, Schriftart, etc. zu verstellen. Livetv.sx ist von einem Mangel an centripetal paratexts geprägt. Die Werbanner versuchen auf der Seite am aggressivsten Aufmerksamkeit zu generieren – und als centrifugal paratexts die Nutzer:innen von der Website wegzuführen. Selbst die den Text anmoderierenden Elemente auf der Unterseite der einzelnen Spiele sind so generisch, dass sie die Funktion von centrifugal paratexts mehr vortäuschen als wirklich erfüllen: „Two teams looking to leave their imprint will engage in an intense battle in this matchup. Every minute on the field could be crucial, whether it’s during a high-stakes playoff, a prestigious cup competition, or the regular season […]“ Diese Beschreibung lässt sich auf jeder Unterseite einzelner Streams finden, auch bei vollkommen anderen Sportarten. Das, was zum Schauen des Livestreams motivieren soll, kippt so in sein Gegenteil: Der mangelnde Einsatz betont den Paratext und lenkt so vom eigentlichen Text ab.

In seinem Zentrum gibt Livetv einen offiziellen Stream wieder – von DAZN, Sky oder Amazon Prime, aber auch von Anbietern aus anderen Ländern. Die Streams werden über Links auf den Subpages der einzelnen Spiele gestartet. Die Sprache der jeweiligen Übertragung zeigt eine kleine Flaggen neben dem Link an. Außerdem steht dort eine Prozentzahl, die – in der Theorie – angibt, wie zufrieden die Nutzer mit dem jeweiligen Stream sind. In den meisten Fällen bleibt sie allerdings fest bei 95 stehen.

Unter dem über die Links geöffneten Stream gibt es, als In-File-Patatext, eine kaum genutzte Kommentarfunktion – meist finden sich hier einfache nur Links zu anderen Streaming-Seiten. Davon abgesehen gibt es verschiedene In-File-Paratexte, die sich direkt in den Text einschreiben und über das Bild der Liveübertragung legen. Vor dem Bild öffnen sich so etwa wegklickbare Werbefenster – momentan vor allem für den Wettanbieter „Boomerang Bet“. Gelegentlich wird das Senderlogo mit einem eigenen Logo überdeckt, zusätzlich gibt es in manchen Streams permanente Werbeschriftzüge.

Damit findet sich ein Phänomen, das es schon im linearen Fernsehen gab, auch auf Livetv wieder: Wie Laura Désirée Haas (2024) feststellt, wird der Text im Fernsehen von fremden Elemente wie Senderlogos oder Werbefenster geradezu infiltriert und zerstückelt. Dieses textfremde Beiwerk wird in der Rezeption als Teil des Ganzen wahrgenommen – die bei Genette so wichtige Autorenintention spielt eine deutlich geringere Rolle. Stattdessen gewinnt die Absicht der Akteur:innen, die an die Stelle der Herausgeber:innen treten, an Gewicht. Die Paratexte der Website infiltriert nicht nur die Übertragung, sondern auch die schon vorhandenen Paratexte – das Phänomen wird also noch einmal gesteigert. Der neue Paratext verstärkt so, dass Text und Beiwerk aus der offiziellen Übertragung als eine Einheit wahrgenommen werden.

Sowohl quantitativ als auch qualitativ unterscheiden sich die neuen Elemente von den in der Übertragung schon vorhandenen: Sie sind mehr und wirken weniger professionell. Statt als textzugehörig, als Teil des Livestreams, werden sie so eher als Teil der Internetseite wahrgenommen – auch im Stream kann man ihnen nicht entkommen. Der Paratext lässt einen nicht vergessen, was man gerade macht: nämlich die Liveübertragung nicht in ihrem eigentlichen Umfeld schauen.

Die Qualität des Streams hat einen ähnlichen Effekt: Im Vergleich zu der offiziellen Übertragung des jeweiligen Anbieters ist sie immer mangelhaft. Der Stream läuft nicht flüssig, die Auflösung ist immer schlechter. Manchmal bricht der Stream ab; der Bildschirm wird schwarz oder eine kurze Sequenz des Spieles wird plötzlich geloopt.

Das Nicht-Autorisierte bleibt so präsent. Gleichzeitig wird der Fakt, dass es sich nur um eine Übertragung und nicht das Spiel selbst handelt, betont. Die Logik, nach der das Spiel als Entertainment auf Knopfdruck in bester Bildqualität verfügbar ist, greift nicht. Stattdessen muss man hoffen, dass der Stream nicht abbricht. Passiert es doch, muss man das aufwendige Ritual (neu laden, Stream auswählen, Werbung wegklicken) starten. Weil das tatsächliche Spiel dabei nicht wartet, bekommt die Live-Komponente im Sinne von Jetzt-Und-Nur-Jetzt eine neue Wichtigkeit; besonders da Zurückspulen auf Livetv nicht möglich ist.

Um einen flüssigen Stream zu finden, muss man meistens auch den Link wechseln. Wenn man das Spiel deswegen in der Übertragung eines anderen Senders weiterschaut, ändert sich vieles. Senderlogo und Werbefenster sehen anders aus; manchmal ist die Grafik mit dem Spielstand an einer anderen Stelle positioniert. Potentiell haben sich auch die Kommentator:innen und – falls man sich für eine Übertragung aus einem anderen Land entschieden hat – die Sprache geändert. Die Mängel in der technischen Infrastruktur von Livetv zwingen Zuschauer:innen zu einem Perspektivwechsel, den Livetv – vor allem bei großen Spielen – mit der Vielzahl von Übertragungen aus verschiedenen Ländern erst ermöglicht.

Damit führt die Seite vor Augen, wie viele Perspektiven es auf ein Spiel tatsächlich geben kann und wie international die Sportereignisse sind. Diese spürbare Internationalität ist sogar noch eindrücklicher, wenn man die Sprache der jeweiligen Kommentator:innen nicht mehr versteht und die letzte Konstante das Spiel und bestimmte Spielernamen sind. Es wird vorgeführt, welch große Community Fußball erschafft.

Zusätzlich verkompliziert auch das Hin- und Herschalten – wie schon die ungewollten Freeze Frames im Stream – die Gleichsetzung von Spiel und Übertragung. Man schaut tatsächlich eher das Spiel als eine einzelne Übertragung; die Frage nach Text und Paratext stellt sich so noch einmal neu. Was ist Beiwerk und was ist der Kern, um den es geht?

Wenn man den Paratext-Begriff ernst nimmt, setzt er a) einen Text voraus, in dessen Umfeld Peri- und Epitext erst entstehen können und b) eine Autorinstanz, die diesen Text geschaffen hat – und für Genette insofern wichtig ist, als die Parataxe ihrer Intention entsprechen sollen. Die Literatur, die die Theorie ins Digitale überträgt, weicht diese beiden Prinzipien wenigstens auf: Gavin Stewart argumentiert mit Verweis auf Peter Lunenfeld, dass die Unterscheidung von Text, Paratext und Kontext im Digitalen instabiler wird. Ellen McCracken zeigt zudem, dass im Digitalen immer mehr Instanzen Paratexte produzieren können.

Es ist schwer zu beantworten, was Text und Autor im Falle illegalen Streamings sind. Antwortmöglichkeiten, die bei der regulären Übertragung gute Chancen hätten, werden von den nicht-autorisierten Streams untergraben: das von den einzelnen Anbietern Ausgestrahlte und die jeweils verantwortlichen Regisseur:innen. Dieser Text rutscht durch die Aufwertung des live stattfindenden Spiels aber eher in die Rolle eines rahmenden Paratexts – nur bricht durch diese Aufwertung dann auch der Text weg. Ein bestimmtes Fußballspiel, das an Tag X in Stadion Y stattfindet, scheint die Bedingungen eines erweiterten Textbegriffs nur schwerlich zu erfüllen – etwa in puncto planvoller Aneinanderreihung von bedeutungstragenden Elementen durch einen einzelnen Akteur.

Das Spiel steht stattdessen unangefochten im Mittelpunkt, die Bedeutungsaufladungen werden zurückgefahren. Etwas zugespitzt könnte man sogar sagen, dass Livetv das verkitschte Versprechen für beispielsweise Champions-League-Fußball, das Lays und Mastercard in ihren Werbespots vor den Spielen entwerfen, vielleicht nicht einlöst, ihm aber zumindest im Vergleich zu DAZN und Co. deutlich näher ist. Livetv macht dabei die Internationalität der einzelnen Sportveranstaltungen deutlich. Dass man das Gefühl hat, nicht nur ein durchgestaltetes Produkt zu konsumieren, liegt aber sicherlich auch daran, dass man nichts bezahlt – und die Regeln, die das Produkt vorgibt, schon auf dieser Ebene nicht akzeptiert.

Literatur

Birke, Dorothee & Christ, Birte. (2013). Paratext and Digitized Narrative: Mapping the Field. Narrative. 21. 65-87.

Genette, Gerard (1997). Paratexts: Thresholds of Interpretation. (J. E. Lewin, Trans.). Cambridge: Cambridge University Press.

Haas, Laura Désirée (2024): Der Paratext und das Populäre. In: Thomas Hecken (Hg.): Gezählte Beachtung. Theorien des Populären. Berlin, S. 193–213.

McCracken, Ellen. (2013). Expanding Genette’s Epitext/Peritext Model for Transitional Electronic Literature: Centrifugal and Centripetal Vectors on Kindles and iPads. Narrative. 21. 105-124.

Stewart, Gavin. (2010). The Paratexts of Inanimate AliceThresholds, Genre Expectations and Status. Convergence: The International Journal of Research Into New Media Technologies. 16. 57-74.

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