Der Boykott der Ziege
von Nicolas Pethes
09.06.2026

Zur Fußball-WM 2022

[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 22, Frühling 2023, S. 63-68]

Der moderne Wettkampfsport vereinigt zwei divergierende Zeitstrukturen: Auf der einen Seite ist er in Gestalt der Jagd nach immer neuen Siegen, Titeln und Rekorden vorwärtsgewandt. Jedem Erfolg wohnt in dem Moment, in dem er errungen wurde, der Appell inne, ihn zu wiederholen, zu verteidigen oder zu überbieten. »Weiter, immer weiter!«, lautete das entsprechende Mantra des ehemaligen Fußball-Nationaltorwarts Oliver Kahn, das er in jede TV-Kamera brüllte, wenn ihm jemand nachlassende Motivation und Erfolgssattheit attestieren wollte. Dieses Mantra artikuliert deutlich die Paradoxie, dass ein sportlicher Triumph wertvoll immer nur so lange scheint, bis er erreicht wurde. Auf der anderen Seite ist dasselbe Sportsystem aber auch auf das Äußerste rückwärtsgewandt und traditionsbewusst: Denn auch wenn individuelle Sportler oder Mannschaften weiter, immer weiter streben, werden all ihre Siege, Titel und Rekorde mit Unterstützung von Print- und Bildmedien im kollektiven Gedächtnis bewahrt und die Sportgeschichte als Abfolge von Sternstunden, die in den Pantheon der Olympiagsiegerïnnen und Weltmeisterïnnen führt, erzählt und inszeniert.

Diese zeitliche Polarität illustriert seit einigen Jahren anschaulich die insbesondere in Sozialen Medien verbreitete Etikettierung herausragender Sportler als G.O.A.T., nämlich ›greatest of all time‹. Ursprünglich als Selbstbezeichnung für die Boxlegende Muhammad Ali reserviert (und ja bei semantisch exaktem Gebrauch ohnehin nur einmal zu vergeben), ist das Label inzwischen omnipräsent, auch in der Form des Emojis einer Ziege, für die die Buchstabenfolge ›goat‹ ja ebenfalls steht. Die Rede vom größten Boxer, Tennisspieler oder Fußballer aller Zeiten steht dabei sowohl im Zeichen der vorwärtsgewandten Rekordsucht des Sports als auch in demjenigen seines rückwärtsgewandten Geschichtsbewusstseins – und führt beide Zeitdimensionen zusammen, indem sie die Vorstellung eines Endes aller Geschichte vorwegnimmt, von deren Standpunkt aus das Votum endgültig zu fällen sein wird. Die Ziegen des Weltsports beginnen erst mit der einbrechenden Dämmerung zu meckern.

Dass diese Rede bei der jüngsten und am hitzigsten diskutierten Fußball-Weltmeisterschaft in Katar besondere Konjunktur hatte, ist kein Zufall: Der in den Advent verlegte FIFA World Cup 2022 war das mutmaßlich letzte Turnier der beiden seit fast zwei Jahrzehnten um das Etikett ›G.O.A.T.‹ wetteifernden Protagonisten, des zum Zeitpunkt des Turniers noch in Diensten von Manchester United stehenden Portugiesen Cristiano Ronaldo (37) und des für den von Katar gesponserten Club Paris Saint Germain spielenden Argentiniers Lionel Messi (35). Und letzterer entschied obendrein im Finale von Lusail gegen seinen mutmaßlichen Nachfolger als bester Spieler der Welt, seinen Vereinskollegen Kylian Mbappé, in einem Spiel, dessen Dramaturgie den vermeintlichen Mannschaftssport Fußball in die Nähe eines Duells zweier Individualisten rückte, die beide – erstmals in einem WM-Finale – den Ball dreimal ins Netz beförderten. Aber auch abseits dieses hochdramatischen Showdowns stand die WM 22 im Zeichen der Ziege: Während seine Landsleute den Traum vom sechsten Titel im Elfmeterschießen gegen Kroatien verloren, drang aus einem Krankenhaus in São Paulo die Nachricht, dass derjenige, der aller Voraussicht nach am Ende der Fußballgeschichte als Größter aller Zeiten durchs Ziel gehen wird, Brasiliens Nationallegende und dreifacher Weltmeister Pelé, mit dem Krebs rang. Und nur elf Tage nachdem Lionel Messi seine seit achtzehn Jahren auf nahezu konstantem Niveau absolvierte Karriere inklusive einer eindrücklichen Turnierleistung gekrönt hatte, starb Pelé.

Das Zusammenfallen von Messis Triumph und Pelés Tod ist aber nur eine symbolische Koinzidenz für den Zusammenprall, für den das Winterturnier in der Wüste insgesamt steht: Vergangenheit und Tradition auf der einen Seite, Gegenwart und Zukunftsorientierung auf der anderen Seite. Die von Korruptionsverdacht überschattete Vergabe des Turniers an Katar wurde als Traditionsbruch gebrandmarkt – auf der arabischen Halbinsel gebe es keine gewachsene Fußball- und Fankultur, die Ausrichter verfolgten nur kommerzielle Interessen und beuteten Gastarbeiter aus und überdies sei das Gesellschaftssystem des Gastgeberlandes von Repressionen gegen Minderheiten geprägt. So berechtigt diese Kritikpunkte sind, so sehr verbirgt sich hinter ihnen nur notdürftig der Definitionsanspruch Europas und Südamerikas für dasjenige, was als Fußball Geltung beanspruchen darf. Obwohl seit 1930 ausdrücklich so genannte ›Welt‹-Meisterschaften stattfinden, verteilen sich die seither vergebenen 22 Titel auf acht Nationen – drei aus Lateinamerika und fünf aus Europa –, und mit Ausnahme von 1994, 2002 und 2010 fanden auch alle Turniere in diesen beiden Weltgegenden statt. Und nun also erstmals in der Wüste, erstmals in einer islamischen Kultur, erstmals nicht zur Zeit des mitteleuropäischen Sommers und erstmals ausschließlich in eigens für die Veranstaltung hochgezogenen Stadien, die nach vier Wochen Nutzung ihren Zweck erfüllt hatten.

Das alles klingt nach und ist vermutlich auch viel Fassade. Ob allerdings der mittlerweile seit Jahrzehnten von russischen, arabischen und US-amerikanischen Milliardären querfinanzierte europäische Fußball noch die Fahne einer antikapitalistischen Graswurzelbewegung hochhalten kann, ist ebenso fraglich. Dennoch schien vielen Fußballfans in Deutschland der Unterschied so markant, dass sie sich zu einem Boykott ihrer Lieblingssportart entschieden und die Einschaltquoten der Fernsehübertragungen der Spiele in der Folge tatsächlich erheblich unter die sonst üblichen Werte sanken – mit dem erfreulichen Begleiteffekt, dass am Jahresende das EM-Finale der Frauen das Spiel mit den meisten TV-Zuschauerïnnen war.

War der Boykott also erfolgreich? Nach innen, also in die deutsche Gesellschaft hinein, ohne Zweifel. Er brach mit dem unerschütterlich scheinenden Verhaltensmuster, einer Fußball-WM für vier Wochen sämtliche anderen Lebensinteressen unterzuordnen, schuf ein Bewusstsein für das Leiharbeiter-Problem einer globalen Wirtschaft und rückte die gesellschaftliche und rechtliche Ungleichstellung queerer Menschen in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit. Nach außen allerdings wurde der heroische deutsche WM-Verzicht einmal mehr als Sonderweg wahrgenommen, und obendrein als einer, der mit erhobenem Zeigefinger anderen Kulturen ihre ethischen Verfehlungen vorhielt – eine Geste, die insbesondere in der Folge der halbherzigen Versuche der deutschen Mannschaft, im Vorfeld ihres ersten Spiels gegen Japan Symbole für Diversität zu setzen, in der arabischen Welt als anmaßend, intolerant, wenn nicht gar rassistisch verurteilt wurde. Der Versuch von FIFA-Präsident Gianni Infantino, dem etwas entgegenzusetzen, indem er in einer leicht exaltierten Ansprache kurz vor Turnierbeginn bekannt gab, er fühle sich heute als Katari, Araber, Afrikaner, Homosexueller, Behinderter sowie Wanderarbeiter, war allerdings ein mindestens ebenso problematischer Akt kultureller Aneignung. Dennoch fiel auf, dass in anderen europäischen und zumal außereuropäischen Ländern keine vergleichbare Boykottbewegung zu beobachten war. Eher im Gegenteil: Blickt man auf die Feierlichkeiten in Saudi-Arabien nach dem Auftaktsieg gegen Argentinien wie auf diejenigen der Argentinier am Ende des Turniers oder auch auf den Stolz, mit dem marokkanische Fans das gönnerhafte Kompliment zurückwiesen, der Einzug der Mannschaft ins Halbfinale sei die größte Überraschung des Turniers, wird man feststellen, dass auch die vermeintliche Plastik-WM in Katar vielerorts begeistern und mitreißen konnte.

Das muss noch kein Beleg für die wiederum von Präsident Infantino noch vor Turnierende gegebene Einstufung der WM als »best world cup ever« sein – zumal er diese Einschätzung im Sinne des ›weiter, immer weiter‹ vier Jahr zuvor wortgleich noch der hinsichtlich ihres politischen Umfelds nicht wesentlich erfreulicheren WM 2018 in Russland zugesprochen hatte und das nächste Turnier in Kanada, Mexiko und den USA zweifellos wiederum das G.O.A.T. gewesen sein wird. Durchaus aber bleibt der Eindruck, dass die in Katar aktiven Spieler und Mannschaften jede Anmutung eines Boykotts boykottierten, und zwar indem sie sich sportlich gänzlich unbeeinflusst von den Debatten im Vorfeld zeigten: Es war eine, ›horribile dictu‹, sportlich herausragende Weltmeisterschaft, die – insbesondere im Fall der Argentinier, Brasilianer und Engländer – hohes Pressing und Tempo sowie finessenreichen Angriffsfußball bot bzw. dort, wo Mannschaften wie Marokko oder Kroatien aufs Verteidigen angewiesen waren, eindrucksvolle Demonstrationen taktisch präziser Teamorganisation ablieferten. Dazwischen agierten Teams wie Frankreich und die Niederlande, die schwer berechenbar zwischen beiden Optionen abwechselten und die Spiele daher – im Vergleich zum bei großen Turnieren sonst oft üblichen Sicherheitsfußball – als torreiche Spektakel mit überraschenden Wendungen gestalteten, so im Fall der beiden Viertelfinalpartien England-Frankreich und Argentinien-Niederlande und natürlich vor allem im Finale.

Ist der ketzerische Gedanke erlaubt, dass diese Spitzenleistungen etwas damit zu tun haben könnten, dass das Turnier in Katar erstmals nicht am Ende einer kraftraubenden Saison stattfand, sondern nach deren erstem Drittel und damit zu einem Zeitpunkt, zu dem die Akteure bereits gut ein-, aber noch nicht überspielt waren? Und wenn man diesen mit allen Traditionen brechenden Gedanken zulässt: Warum war dann die deutsche Mannschaft auf diesem Niveau nicht konkurrenzfähig? Dieser Eindruck lässt sich bestimmt nicht allein auf die Skepsis gegen die WM-Vergabe zurückführen. Aber vielleicht doch in Teilen auf die mangelnde Konsequenz zwischen dem Protest gegen das Veranstalterland, der im Vorfeld des Turniers durch das Tragen einer Regenbogen-Kapitänsbinde artikuliert werden sollte und dann nach Strafandrohungen seitens der FIFA zu einem Mannschaftsfoto mit zugehaltenen Spielermündern abgemildert wurde, und dem nichtsdestotrotz ausgegebenen Ziel, um den Titel mitspielen zu wollen. Spielerische Überlegenheit ist immer auch Ergebnis eines mannschaftlich geschlossenen Auftretens, an dessen Stelle für das deutsche Team ein Spagat zwischen sportlichem und moralischem Anspruch stand, in dem am Ende keiner von beiden erfüllt werden konnte. Dabei hatte die Mannschaft gegen Spanien sehr ordentlich unentschieden und gegen Costa Rica zwar fahrig, aber am Ende erfolgreich gespielt. Und selbst im Auftaktmatch gegen Japan standen den acht Minuten, in denen zwei Ersatzspieler, von denen einer ausgerechnet beim VfL Bochum unter Vertrag steht, Ausgleich und Siegtor gegen all die Bayern-, Dortmund-, Madrid-, Chelsea- und Manchester City-Akteure erzielten, ein ansprechender Offensivfußball in der übrigen Spielzeit entgegen. Dass es aber zu diesem Acht-Minuten-Blackout kommen konnte, war nicht einfach nur Pech, sondern der eigentliche Traditionsbruch des Turniers in der Wüste: Aus traditioneller Perspektive waren deutsche Teams zwar selten die spielerisch glänzendsten, aber immer ergebnisorientiert und effizient unterwegs – ein Mythos, der sich insbesondere aus dem gegen fußballerisch weit überlegene Franzosen gewonnenen Halbfinale 1982 in Spanien speiste. Daher rührte das Bewusstsein, eine ›Turniermannschaft‹ zu sein, und Turniermannschaften definieren sich nicht darüber, ob sie im Großen und Ganzen doch eigentlich recht ordentlich agiert hätten, sondern darüber, auch vermeintlich beiläufige acht Minuten nicht aus der Hand zu geben. Mehr noch als das – letztlich nur – eine Spiel hat die deutsche Mannschaft in Katar diesen Nimbus verloren.

Aus dieser Perspektive besteht der eigentliche Skandal der WM 2022 darin, mit der Autorität der Tradition gebrochen und vorgeführt zu haben, dass der Fußball sich tatsächlich auch dann noch weiter in die Zukunft entwickelt, wenn er unter vermeintlich vollständig fußballfremden Bedingungen gespielt werden muss. Vielleicht wird man sogar gezwungen sein, es umgekehrt zu sehen und einzugestehen, dass es ein einigermaßen paradoxes Unterfangen ist, eine Sportart, die auf ihre Fortsetzung in die Zukunft und den Sieg der Besten ausgerichtet ist, über einen Bezug auf die Vergangenheit zu rechtfertigen. Die Ziegen grasen, wo die Wiese am saftigsten ist, nicht wo die Halme am längsten blühen, und sei es im Wüstensand. Und doch ist es gerade unter diesen Vorzeichen durchaus versöhnlich, dass am Ende Lionel Messi, vom Emir persönlich in ein traditionelles arabisches Festgewand gehüllt, den Pokal in die Höhe recken durfte: als bester Spieler nicht nur des Turniers, sondern auch der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte – wenn nicht sogar, wenn Pelé und Maradona gestatten, aller Zeiten.

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