Die Loops von TikTok
von Tilman Baumgärtel
28.07.2026

Kontrolle und Agency im Angesicht der Überforderung

[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 23, Herbst 2023, S. 97-100]

Ich weiß nicht mehr, wie wir auf TikTok kamen. Im Seminar ging es eigentlich um etwas ganz anderes, aber ein Student erwähnte die Social-Media-App, ich fragte nach, und plötzlich wurde aus einer vorher eher untertourigen Seminardiskussion eine wilde Debatte. Zu TikTok wollten alle etwas loswerden.

Das war nicht immer so. Wenn ich vor zwei, drei Jahren das Videoportal zur Diskussion stellte, winkten die meisten Studierenden ab: Das sei halt was für Teenies oder gleich für Kinder. Tanz-Videos, Schminktipps, Streiche, pubertäre Kurzansagen, also nichts für Menschen, die immerhin schon die Hochschulreife erreicht hatten. Es war fast peinlich, das Thema überhaupt anzuschneiden. Die Studierenden, die mir sonst oft dabei halfen, neue Medien- und Internet-Trends zu verstehen, die sich mir aus meiner ›Erwachsenen-Perspektive‹ nicht mehr erschlossen, stellten sich beim Thema TikTok stur: Damit wollten sie nichts zu tun haben.

Dabei interessierte mich TikTok brennend: Es war nicht nur ein neues Social-Media-Phänomen. Seine Besonderheit besteht darin, dass die auf der Plattform veröffentlichten Kurzvideos automatisch so lange wiederholt werden, bis man zum nächsten Video weiterklickt oder die App schließt. Die typische TikTok-Rezeptionshaltung – das hatte ich bei meinen Kindern beobachtet, die auf Nachfragen aber mit der passiv-aggressiven Kommunikationsverweigerung reagierten, die man als junger Mensch an den Tag legt, wenn Erwachsene unerwünschten Einlass in den eigenen, popkulturellen ›safe space‹ zu erlangen versuchen –  sieht so aus, dass man durch einen Feed von sich ewigen wiederholenden Videoclips scrollt, manche wieder und wieder durchlaufen lässt, andere schon vor ihrem immer nur kurz bevorstehenden Ende abbricht und zum nächsten weiterwischt. Doch jedes Video-Fitzelchen für sich wiederholt sich ad ultimo. Das fand ich faszinierend, denn mit »Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops« hatte ich 2015 darüber ein Buch geschrieben – ein Versuch, die verschiedenen ästhetischen Gründe zu durchleuchten, aus denen man Klänge oder bewegte Bilder nochmal und nochmal (und nochmal und nochmal ad nauseam) wiederholt.

Genau das passiert nun auch bei TikTok, wenn man es lässt – eine Methode, die es von seinen Vorläufern Vine und musical.ly übernommen und weiter radikalisiert hat. Wiederholungen, das war der Ausgangspunkt meiner Überlegungen, sind das Wesen der Technologie, und nur durch diese Wiederholungen nehmen sie – von der Dampfmaschine bis zum Computerprozessor – uns Arbeit ab. Kunst, die mit Technologie arbeitet, interessierte mich besonders dann, wenn sie diese Eigenschaft nutzte und thematisierte.

Aber irgendwie schienen die ganzen Gründe, die ich in meinem Buch für den Einsatz von Loops aufgezählt hatte, nicht zu greifen. Ich hatte Loops als eine Abkehr von der Fortschrittsmaxime der Moderne beschrieben. Als eine Methode, den besonderen Moment hervorzuheben, aber auch, diesen seiner inhärenten Bedeutung zu entleeren, bis in der Wahrnehmung andere Aspekte eines Soundbites oder eines Videoschnipsels in den Vordergrund treten. Gerade weil Loops ursprünglich aus technologischen Beschränkungen in puncto Speicherkapazität bei Aufzeichnungsmedien wie dem frühen Kino, dem Sequencer oder den ersten digitalen Samplern erwuchsen, überschritten sie in meiner Argumentation diese Logik der mechanischen, maschinellen Wiederholung, weil sie den Zuhörer oder Zuschauer in einen Zustand versetzten, der es paradoxerweise erlaubt, aus dieser streng regelgebundenen Repetition in einen Zustand vollkommener Freiheit zu wechseln. Die maschinelle Wiederholung konnte so ein Ausgangspunkt für die Produktion von Differenz werden.

Nichts davon traf auf TikTok zu. Nur wenige der Videoclips, die ich dort fand, machten sich die Möglichkeiten der Wiederholung zu eigen, die ich auf Buchlänge und ebenso am Beispiel von kanonischen wie weitgehend unbekannten Kunstwerken analysiert hatte. Es gibt zwar gelegentlich tatsächlich ›closed loops‹, also Videos, die am Ende zu ihrem Anfang aufschließen. Aber nichts von dem, was ich bei TikTok sah, erzeugte bei mir diesen Zustand von Zeitlosigkeit, Unabgeschlossenheit, Unendlichkeit, den ich aus Werken der merkwürdig zusammengewürfelten Truppe der ›Looper‹ kannte, deren Werke ich in meinem Buch analysiert hatte: Elvis, Karlheinz Stockhausen, Andy Warhol, Terry Riley, Steve Reich, Peter Roehr, Ken Kesey, die Beatles und andere.

Ich erklärte mir das damit, dass TikTok-Videos keine formal durchkomponierten Kunstwerke sind, die ihren Betrachter oder Zuhörer alternative Sichtweisen oder Seinszustände eröffnen sollten, wie es die Kunst der Moderne wie der Postmoderne versprochen hatte, sondern dass die Wiederholungen der Plattform einer unaufmerksamen, mit Reizen und ›content‹ überfütterten Rezeptionshaltung entgegenkommen, die unsere Mediengegenwart charakterisiert, einer Form der Präsentation von ›Inhalten‹, welche die Konsequenz gezogen hat aus Multi-Tasking, Second Screens, nie endenden Social-Media-Feeds, ›bottom-less‹ Streaming-Angeboten, dem sozio-kulturellen und medialen Status quo unserer medialen Gegenwart. Mein Umfeld – meine Kinder und meine Studierenden, die sich in der Vergangenheit oft als so erkenntnisreiche wie aufklärerische Informanten betätigt hatten – bot auch keine besseren Erklärungen. Und sowieso nutzte niemand, der etwas auf sich hielt, TikTok – warum sollte ich also etwas zu einer Debatte beitragen, die niemand für notwendig zu halten schien?

Dann kamen die Pandemie, die Lockdowns, die endlosen Zoom-Meetings, die Langeweile in einer Eingeschlossenheit, die man nur noch zum Einkaufen verlassen konnte oder für Erlebnisse, für die man sich auf irgendeiner Website anmelden musste. Plötzlich nutzten nicht nur meine Studierenden TikTok, sondern jeder, mit dem man überhaupt noch einen informellen Kontakt hatte – um Zeit totzuschlagen und die Langeweile zu bekämpfen.

Und dann ebenjenes Seminargespräch (mittlerweile wieder vor Ort, wenn auch noch mit der Pandemie geschuldeten Einschränkungen), das meinen Blick auf TikTok vollkommen verändert hat. Nachdem allerhand Beobachtungen über TikTok ausgetauscht worden waren, meldete sich eine Studentin in der letzten Reihe zu Wort, um eine gänzlich andere Interpretation von TikTok vorzutragen. Für sie war TikTok weder Unterhaltung noch Ablenkung, noch Mittel der Reduktion von Differenz. Für sie waren TikTok und seine Loops ein Mittel der Kontrolle in einer Zeit, in der ihr die Kontrolle über ihr eigenes Leben entglitten war. Die endlosen Wiederholungen waren für sie weder langweilig noch nervtötend, noch Anlass zum Weiter-Wischen, sondern ein kurzes (oder auch nicht so kurzes) Equilibrium in einer Situation, in der sie sich anderer Handlungsoptionen beraubt fühlte. Mit TikTok könne man quasi die Zeit anhalten; die Wiederholungen erlaubten es, eine Situation so oft zu wiederholen, bis deren Neuigkeit ihren Schrecken verloren hätte und man sich wieder als Herrin der Lage fühlen konnte.

Ich habe selten in einer Diskussion im Seminarraum so eine einvernehmliche Reaktion erlebt. Das war es! Wenn man sich selbst fühlt wie ein Zitronenfalter, der mit Stecknadeln in einem Rahmen festgepinnt ist, dann kann es offenbar die pragmatischste Reaktion sein, anderen Zitronenfaltern bei repetitivem Zappeln zuzusehen. Die endlosen Wiederholungen à la TikTok waren auf einmal keine dumpfe Repetition mehr, sondern ein Akt der Selbstvergewisserung, dass andere genauso festsitzen. Eine komische, aber offenbar wohltuende Form von Agency.

Die auf TikTok global viral gegangenen Pesto Eggs oder die Baked Feta Pasta sind Hybride genau dieser Art von (Selbst-)Kontrolle und Agency im Angesicht von Überforderung und der daraus entstehenden Verwirrung wie Selbstbehauptung. Diese Schleifen erlauben die Reduktion von Komplexität auf ein Minimum; sie schaffen ein Gefühl der Kontinuität und Vorhersehbarkeit und können dazu beitragen, dass der Betrachter in einen Flow-Zustand gerät, indem er gezwungen wird, sich auf eine bestimmte Handlung oder ein bestimmtes Ereignis zu konzentrieren. Je öfter man den Ziegenkäse-Batzen in die Cherrytomaten plumpsen sieht, denselben dummen Spruch wiederholt oder den Tanzmove vorgeführt bekommt, desto gewohnter erscheinen diese Geschehnisse. Und alles, was wir als Gewohnheit ausüben (oder beobachten), verliert seinen Schrecken.

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