15 Jahre »Missy Magazine«
[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 23, Herbst 2023, S. 101-107]
Seit der ersten Ausgabe des »Missy Magazine« sind viele feministische Zeitschriftenprojekte mit unterschiedlichen Ambitionen und Backgrounds gekommen und gegangen: »F-Mag« (ein kommerzielles Magazin-Projekt, das Absolventinnen der Henri-Nannen-Journalistenschule als kleine Schwester der »Brigitte« bei Gruner + Jahr untergebracht hatten), »Queerulant:in« (ein ehrenamtliches Magazin-Projekt zu queeren Politiken und Theorien, zuletzt unterstützt unter anderem von diversen AStAs sowie der Magnus-Hirschfeld-Stiftung und nun auf unbestimmte Zeit pausiert), »Die Preziöse« (»eine Zeitschrift für die Frau, die sich wider der Heteronormativität definiert«, wie es in der erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne zum Jahreswechsel 2012/2013 hieß). So schön es wäre, aus einer breiten Auswahl aktueller feministischer Zeitschriften auswählen zu können – die genannten Titel sind inzwischen Fälle fürs Archiv. Nur »Missy« hat sich auf dem Zeitschriftenmarkt durchsetzen können. Zumindest für den Moment.
Es ist mit einem gewissen Augenzwinkern zu sehen, dass sich das queerfeministische »Missy Magazine« zu seinem 15. Geburtstag ausgerechnet ein binäres Heft schenkt. »Missy«-Ausgabe 3/2023 ist ein Wendeheft: Von der einen Seite gelesen handelt es 53 Seiten lang von Genuss, von der anderen Seite gelesen in fast identischem Umfang von Verzicht. Jeweils gibt es alles, was zu einer Zeitschrift gemeinhin dazugehört, ein Cover, ein Impressum, ein Editorial, ein Inhaltsverzeichnis. Es folgen die »Missy«-Rubriken »Lieblingsstreberin« zu einer coolen Frauen-Figur aus der Popkultur und das Streetstyle-Foto-Format »Styleneid«, der Rezensionsteil, reichlich Werbung und so fort, einmal mit besagtem Schwerpunkt Genuss (Gutes Essen! Guter Sex! Opulente Looks!), dann – umgedreht und auf den Kopf gestellt – fokussiert auf Verzicht (Endometriose! Prekäres Arbeiten! Streik!). Inhaltlich deckt die Redaktion multiperspektivisch ab, was Leserïnnen interessieren könnte, die sich vom Untertitel »Pop, Politik & Feminismus« angesprochen fühlen – der Auflage nach potenziell 30.000 plus ungezählte Mitleserïnnen.
Längst ist der Zeitschriftentitel zur Marke geworden, egal, ob vom »Missy«-Magazin die Rede ist, oder ob die englischsprachige Version bemüht wird, die auf dem Titel steht. Auch über Insiderkreise hinaus ist mittlerweile bekannt, dass das Projekt für einen intersektionalen Feminismus steht, einen Feminismus, der Mehrfachdiskriminierungen mitdenkt und sich nicht exklusiv auf vermeintliche Girlbosse konzentriert. Das Berliner Magazin bemüht sich um die Repräsentation marginalisierter Positionen und Personen auf Augenhöhe – versuchsweise auch jenseits von Berlin. Hier ist nach dem einstigen Start in Hamburg seit geraumer Zeit zweifelsohne das Zentrum, um das die Zeitschrift kreist. Daneben lassen Werbeanzeigen und Veranstaltungsankündigungen auch Interessierte, weil Adressierte, in Ruhrgebiet, Münsterland oder etwa Stuttgart vermuten. Dass auch die tiefste Provinz erreicht wird, erklären die abgedruckten Leserïnnenbriefe, die dieser Tage wohl vor allem digital übermittelt werden.
Zwischenzeitlich kam die Zeitschrift ohne Untertitel aus, anschließend probierte sie es mit einem sehr langen: »Musik, Film, Kunst, Politik, DIY, Sex & mehr«. Vor 15 Jahren, ganz zu Beginn, war die Ansprache im Untertitel enger gefasst. Der Untertitel lautete »Popkultur für Frauen«. Die Auflage war nur halb so groß, die Veröffentlichungsfrequenz geringer. Im ersten Editorial hieß es, man wolle den vorwiegend über Männer berichtenden Pop-Magazinen ein feministisches Pendant zur Seite stellen. Hier ging es um Titel wie »Spex« (1980-2018) und »Intro« (1992-2018), die vor allem von Männern bespielt wurden.
Anliegen war es also zunächst einmal, weiblichem Kulturschaffen eine Plattform zu bieten, und zwar nicht nur produktionsseitig. Auf dem Cover wechselten sich längst breiter wahrgenommene, internationale Pop-Akteurinnen wie Peaches und Kate Nash mit solchen ab, die bis dahin vermutlich eher ein Indie-Publikum angesprochen haben dürften. Dabei ging es nie bloß um Pop-Musik, immer schon auch um Performance Art, Bildende Kunst, Comics, Film, Care oder auch Politik in all ihren Facetten. Das Star-Potenzial der abgebildeten Protagonistïnnen war nie auf ein bloßes Anhimmeln ausgerichtet. Die Perspektive ist einem Empowerment verpflichtet. Präsentiert werden positive Vorbilder, die den Horizont erweitern können, auch für das eigene Tun. Die »Missy«-Macherïnnen haben inzwischen wohl selbst den Status als Rolemodels.
Das Heft bewegt sich zudem längst jenseits der eingangs nach vorn gestellten Binarismen, die ohnehin nie als exklusiv positioniert worden sind. Und es sind nicht bloß marketingstrategische Lippenbekenntnisse. Queere Identitäten und Lebensweisen sind präsent in Redaktion, Berichterstattung und Publikum.
Themen, die feministische Bewegungen schon seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, beschäftigen, werden immer wieder nach vorn geholt und neu auf ihr emanzipatorisches Potential hin befragt: Hexenkult, Sex-Arbeit, Barbie. Man darf an dieser Stelle nun nicht unbedingt von Einigkeit ausgehen. Mit der Tatsache, dass die Antworten auf manche Fragen eher kompliziert sind, haben sich Autorïnnen wie Leserïnnen längst abgefunden. Insofern wäre vielleicht von Aushandlungsmacht statt von Diskursmacht zu reden. Die Zeitschrift gibt sich nicht als unhinterfragte Autorität, wenn sie auch die Irritation als Mittel der Wahl durchaus schätzt. Der kleinste gemeinsame Nenner, wie er sich in Slogans wie »Trans Rights Are Human Rights« und »My Body, My Choice« offenbart, ist trotzdem immer allen klar.
Die Blattlinie findet sich dann im Dossier genau so wieder wie in den Kolumnen. Die letzte Seite, die für lange Zeit einem kurzen Comic vorbehalten war, wird aktuell etwa von Vina Yun bespielt, die nach langem feministisch-publizistischen Wirken in Wien zeitweise die »Missy«-Redaktion in Berlin vervollständigte. Nach ihrem Weggang bleibt sie der Zeitschrift nun eben als Food-Kolumnistin erhalten, frei nach dem Motto: Das Kulinarische ist politisch. Sie zeigt, dass sich Diskussionen um Fragen nach Herkunft, Authentizität, Globalisierung, Gentrifizierung hervorragend entlang von Phänomenen wie Foodtrucks, ›Asia-Shops‹ oder Dinner mit der Wahlfamilie diskutieren lassen.
Das »Missy Magazine« weiß um seine Großtanten mit Namen wie »Brigitte« oder »Emma«, leugnet die historischen Fluchtlinien nicht, will aber auch nicht, dass die Weitergabe von Ideen und der Austausch nur in eine Richtung funktioniert. »Missy« muss auch nicht mehr den Namen einer Frau tragen, die stellvertretend als Typus für seine Leserinnen steht. »Missy«, das können alle sein. Es wundert nicht, dass es diesen Sommer mit Lastesis auch ein feministisches Kollektiv aufs Cover geschafft hat. Die Community darf nicht nur eine imaginierte sein, sie muss sich auch materialisieren.
Vorbild für das feministische Magazinprojekt waren vor allem die US-amerikanischen Publikationen »Bust« (seit 1993) und »Bitch« (1996-2022), zwei Titel, die sich jeweils aus der Riot-Grrrl-nahen Zine-Subkultur der frühen 1990er Jahre zum Hochglanztitel entwickelt hatten. Dort wollten die »Missy«-Gründerinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Stefanie Lohaus ohne Umschweife und mit einem kleinen Preisgeld für das von ihnen entwickelte Zeitschriften-Konzept als Starthilfe auch hin. Das ist gelungen, wenn auch immer entlang jener prekären Selbstausbeutung, die Arbeit für emanzipatorische Medien so oft mit sich bringt. Daraus hat die Redaktion auch nie einen Hehl gemacht. Im »Kleinerdrei«-Blog erklärte 2015 die damalige Chefredakteurin Katrin Gottschalk – inzwischen stellvertretende Chefredakteurin der »taz« –, dass sie sich gerade einmal 900 Euro brutto im Monat auszahle. Viele der freien Autorïnnen, Illustratorïnnen und Fotografïnnen überlegen jedes Mal, ob sie einen Auftrag zu ähnlich geringem Honorar – zuletzt wurde das immerhin ein bisschen angehoben – bei »Missy« annehmen können. Darüber berichten sie im Jubiläumsheft, in der Verzicht-Hälfte.
Man kann sich gut vorstellen, dass sich die »Missy«-Macherïnnen zur Quinceañera mit dem Wendeheft auch selbst ein kleines verspieltes Geschenk gemacht haben. Das Ergebnis ist so experimentell, wie es vor dem Hintergrund von gedruckter Magazin-Chronologie und ›muss in den Aufsteller an der Bahnhofsbuchhandlung sowie in die Briefkästen unserer Abonnentïnnen passen‹ eben geht. Coverstar ist beide Male der Hund von Redaktionsmitglied Hengameh Yaghoobifarah, ein Chinesischer Schopfhund namens Giovanni Fiorucci, kurz Gigi. Das Hündchen ist bei allem Star-Potenzial alles andere als das, was man im Magazinkontext als ›klassische Cover-Schönheit‹ beschreiben würde – zumindest nicht im Non-Haustier-Segment. Aber gephotoshoppte Standard-Titel waren noch nie die Sache beim »Missy Magazine«. Zwischen allen Ikonen, die über die Jahre das Titelblatt zierten – Peaches, Sleater-Kinney und Roxane Gay etwa, aber auch Stefanie Sargnagel, Magda Albrecht und Fatma Aydemir – lassen sich immer mal wieder auch eher ungewöhnliche Cover ausmachen. Zum zehnjährigen Jubiläum sind es bloß bubbelige Comic-Ziffern, und als 2022 Beyoncé anlässlich ihres siebten Studioalbums »Renaissance« Titelthema ist, gibt es wider Erwarten kein Foto des Weltstars. Ein eigenes hätte man wohl eh kaum produzieren können, aber es ziert dann eben auch kein Stock- oder Presse-Foto wie sonst schon mal den Titel, sondern eine neonlastige Themenliste gruppiert um den Schriftzug zum Superstar. Über Erfolg und Misserfolg eines solchen fotolosen Covers am Kiosk – immerhin mit prominentem Buzzword – lässt sich an dieser Stelle nur spekulieren. Das durchgestylte Hündchen Gigi sorgt vermutlich für mehr Aufmerksamkeit. Heimliches Highlight sind ohnehin die Zeitschriftenrücken. Sammlerïnnen kommen beim Aneinanderlegen der Ausgaben über die Monate und Jahre hinweg inzwischen in den Genuss mehrerer Bilder, ganz ähnlich dem »Lustigen Taschenbuch«, nur, dass hier dann eben nicht Donald Duck nett dreinschaut, sondern sich (halb-)nackte Körper im Regal räkeln und den regelmäßigen Kauf dekorativ belohnen.
Überhaupt ist der Look der Zeitschrift ein wichtiges Element. Besonders die langjährige Art-Direktorin Daniela Burger hat dem »Missy Magazine« in Print- und digitaler Ausgabe zu Wiedererkennungswert verholfen. Bildmaterial und Texte dürfen in kürzeren Formaten knallen und auch mal produktiv irritieren. Längere Formate zeichnen sich derweil dadurch aus, dass sie wirken dürfen, indem sich Illustration und Text von einfarbigen Flächen abheben können, die in anderen Zeitschriften vielleicht der Werbung gewichen wären.
Das Blatt zeichnet sich immer schon durch großzügige Bildstrecken aus. Reproduktionen von Kunstwerken zeigen mal Abschlussarbeiten von der Kunsthochschule, mal Werke bereits etablierter Künstlerïnnen. Die Fotostrecken sind im besten Fall unter der Regie der Redaktion originär produziert worden, oder sie sind so ausgewählt, dass sich eine möglichst breite Range der Leserïnnen in all ihrer Diversität im Magazin wiederentdecken kann. Jüngst werden fotorealistische Darstellungen auch gern von digitaler Kunst ersetzt. Auch hier lebt »Missy« irgendwie den Widerspruch als analoges Magazin, das in der Print-Ausgabe auf digitale Impulse setzt.
Apropos digitale Impulse: Längst sind es nicht mehr nur die alle zwei Monate in fünfstelliger Auflage gedruckten »Missy Magazines«, die raum- und zeitübergreifend, also in nicht-linearen Konsum-Zusammenhängen, Gemeinschaft konstituieren. Es sind auch die Social-Media-Accounts (mit mehr als 25.000 Followern auf Twitter und mehr als 80.000 auf Instagram im Sommer 2023) und ein wöchentlicher Newsletter (mit immerhin 7.000 Abonnentïnnen, Tendenz steigend), die Leserïnnen ansprechen, informieren und einbinden sollen. Veranstaltungen wie die Geburtstagsparty im Berliner HAU – Hebbel am Ufer Anfang Mai lassen die angesprochene Szene sichtbar werden. Unter dem Titel »Feminist Pleasure Night« traten u.a. Berlin Strippers Collective und Com Chor – BIPoC Community Chor auf.
Dass nicht immer jede Idee nachhaltig funktioniert, wissen die »Missy«-Macherïnnen längst. Ein zu Beginn der Corona-Pandemie gelaunchtes Podcast-Format mit dem wenig subtilen Namen »Pissy« wird zwar in den aktuellen Mediadaten noch mitgeführt, nach etwa anderthalbjähriger Laufzeit aber schon seit längerem nicht mehr bespielt. Für ein Jahr gab es 2018/2019 sogar ein queerfeministisches Video-Format, das Lydia Meyer mit dem »Missy Magazine« für »funk«, den Online-Jugendkanal von ARD und ZDF, entwickelt hatte: »Softie«. Der langfristige Erfolg blieb aus.
Im Vergleich zu 2008 ist die (pop-)feministische Perspektive aber selbstverständlicher geworden, ohne auf das hinauszulaufen, was Andi Zeisler, Gründerin des bereits erwähnten »Bitch Magazine«, als »Marketplace Feminism« bezeichnet, einen komplett entleerten Feminismus, der sich nur noch auf popwirksame Zeichen und deren Konsum konzentriert und emanzipatorische Inhalte vernachlässigt. Was vor 15 Jahren noch eher gegenöffentlich verhandelt wurde oder in der breiten Öffentlichkeit vor allem dem Spektakel diente, ist inzwischen salonfähig geworden: Rappende Frauen, die ihre Sexualität zum Thema machen (neben Lady Bitch Ray gibt es jetzt prominent etwa Schwesta Ewa und Shirin David), das Anprangern sexistischer Ausfälle und sexualisierter Übergriffe findet Gehör und Täterïnnen müssen Konsequenzen fürchten (#Aufschrei, #metoo), die körperliche Selbstbestimmung von Frauen, die inzwischen schon mindestens drei sogenannte Frauenbewegungen beschäftigt, ist einen Mini-Schritt weitergekommen (§ 219a StGB, der die Informationen zu einem Schwangerschaftsabbruch durch Gynäkologïnnen als Werbung unter Strafe stellte, wurde unter der Ampelkoalition endlich ersatzlos gestrichen). Das ist natürlich nicht allein dem Wirken des »Missy Magazine« zuzuschreiben. Aber seit 2008 arbeiten seine Macherïnnen eben konsequent mit daran, dass feministische Anliegen eine größere Bühne haben.