Das Kunstjahr 2022
[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 22, Frühling 2023, S. 90-94]
Theyʼll be looking over all the people and picking the ones that will survive. Itʼs when the people will either become part of the future or part of the past.
Andy Warhol
Das Jahr 2022 brachte, wen wundert es, Rekorde am Kunstmarkt. Nicht nur die Umsätze der großen Auktionshäuser erreichten historische Höchstwerte, auch Andy Warhol wurde im Mai wieder an die Spitze der Verkaufs-Charts katapultiert. Nach einigen Jahren des abnehmenden Interesses und der sinkenden Preise ersteigerte der Gallerist Larry Gagosian »Shot Sage Blue Marilyn« für unglaubliche 195 Millionen Dollar. Für so viel Geld wurde noch nie ein Bild des 20. Jahrhunderts verauktioniert! Nur schnell zur Erinnerung: Das Budget der Documenta 15 betrug insgesamt 42,2 Millionen Euro.
Kurz zuvor hatte die Netflix-Serie »The Andy Warhol Diaries« schon die weiteste Beachtung gefunden und womöglich den Schätzwert des genannten Bildes aus dem Jahr 1964 in die Höhe getrieben. Neben vielen anderen trat auch Gagosian in der Dokumentation von Andrew Rossi als Experte und Zeitzeuge auf. In der Serie, mit der die notorischen, 1989 zum ersten Mal veröffentlichen Telefon-Aufzeichnungen der letzten Lebensjahre bebildert werden, kommt einem der alternde Künstler erstaunlich nahe: »Warhol privat, der Mensch, der Liebende, das leidende Genie« (»FAZ«). Es handelt sich wieder einmal – so müsste man wohl sagen – um einen Kanonisierungsversuch, diesmal in Form eines Melodrams in sechs Folgen und drei Liebesgeschichten. Wie nebenher wird die letzte Dekade der Karriere, in der Warhol sich nun wirklich für gar nichts mehr zu schade war, mit neuen Wertungen und Etiketten versehen. Die digitale Erzählstimme tut das ihre, den farbigen Bilderbogen zu personalisieren. Das ist ziemlich informativ und überaus unterhaltsam – so meint zumindest die internationale Qualitätspresse und findet das Verhältnis Warhols zu Jean-Michel Basquiat bewegend geschildert, berührend gezeichnet auch die Anteilnahme, die der Künstler dem an AIDS erkrankten Liebhaber Jon Gould entgegenbringt. Die sentimentalische Wiederaufführung der ebenso glamourösen wie kaputten 1980er Jahre scheint das große Publikum zu faszinieren. Die Epoche wird in rekursiven Selbstbeschreibungsschleifen neu vermarktet. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist das aktuelle Interesse an Nan Goldin, die es mit ihren frühen Fotoserien und Werkgruppen wie »The Ballad of Sexual Dependency« oder »The Other Side«, an die Spitze der Top 100 der Zeitschrift »Monopol« gebracht hat. Das für die Documenta verantwortliche Künstlerkollektiv Ruangrupa kommt nur auf Platz zwei; anders übrigens als im »Power 100«-Ranking der »ArtReview«, wo die Gruppe die erste Stelle einnimmt. »Lumbung will continue!« Aber warum eigentlich?
Will man das hier angedeutete New-York-Panorama der 1980er Jahre mit einer weiteren Perspektive bereichern, lohnt sich ein Blick in die 2021 erschienenen Memoiren John Luries. »The History of Bones« konfrontiert den Leser nicht nur mit drastischen Schilderungen der sexuellen Obsessionen und den irgendwann dann alltäglichen Drogenexzessen des Autors, sondern darüber hinaus mit einer Stadt, die am Abgrund steht, geprägt von Gay Cancer und Crack. Doch aus den schlimmen Zuständen und persönlichen Katastrophen führt die Lektüre einen immer wieder in die schöpferischen Höhen kreativer Zirkel zurück. Lurie malt mit Jean-Michel Basquiat, bevor der berühmt wird, man hört gelungene Konzerte der Lounge Lizards und wird auch mitgenommen auf exklusive Dinner-Partys, an denen neben Andy Warhol auch Jim Jarmusch und Wim Wenders teilnehmen können. Während Jarmusch sich, wen wundert es, als problematischer Charakter entpuppt und überaus unsympathisch daherkommt, entwickelt der Autor für Andy Warhol einen »soft spot«, ganz wider Erwarten; der Künstler strahlt etwas Schönes, ja etwas fast Religiöses aus, wie Bob Marley oder Martin Luther King: »There was something genuinely spiritual about the man«. Aussagen wie diese lassen den leisen Verdacht aufkommen, bei den Rekapitulationsversuchen könne es sich nach vierzig Jahren darum handeln, die eigene Position im Getriebe des damaligen Aufmerksamkeitswahnsinns nachjustieren zu wollen, um eben nicht »part of the past« zu werden und damit dem kulturellen Vergessen anheimzufallen. Sicher wären da einige Dinge zu korrigieren, andere neu zu gewichten, aber bitte! Nicht ganz ohne Grund taucht Lurie in der einschlägigen Literatur nicht auf und wird auch in Blake Gopniks monumentaler Warhol-Biografie aus dem Jahr 2020 übergangen.
Die Rolle, die Warhol in den 80ern mehr und mehr übernimmt und die er offenbar bis in die Gegenwart hinein zu spielen hat, ist die des Reputationsverstärkers. Als »reisender Auftragskünstler« absolviert er Auftritte in eigener Sache, wo immer es ihn hin verschlägt: Partygast, Celebrity-Model oder Werbeikone, Absolut Vodka oder Diet Coke, vollkommen egal, alles was Geld bringt und Beachtung generieren kann, wird mit- und aufgenommen. »Sagt mir, was ihr wollt, und ich mache es.« All die anderen versuchen von der Nähe zu profitieren und schmücken sich mit Warhol, allein die Nennung des Namens reicht in den meisten Fällen aus. In den verschiedensten Zusammenhängen werden die Mechaniken von »Andy Warhol’s Fifteen Minutes« reanimiert, und das bis heute. Aktuelle Beispiele gibt es hinreichend: Am 18.11.2022 gegen 11 Uhr morgens kapern Klimaaktivistïnnen der »Ultima generazione« die Ausstellung »Andy Warhol: La Pubblicità della Forma« in Milano. Acht Kilo Mehl werden verwendet, um einen 1979 vom Künstler in nur achtundzwanzig Minuten bemalten BMW M1 werbewirksam in neue Form zu bringen. Der Versuch, sich an den Scheiben des Sportwagens festzukleben, scheitert zwar, doch geht der gefasste Plan insofern auf, als sich umgehend die erwünschte ›pubblicità‹ einstellt. Die internationale Öffentlichkeit nimmt Anteil an der Aktion, schaut Videos, liest Kommentare und schenkt dem Vorgang ungefähr fünfzehn Minuten Aufmerksamkeit. Dabei ist es natürlich nicht das Kunstwerk selbst, das die Botschaft transportieren muss, sondern es wird der langverstorbene Künstler bemüht, von dem man glaubt, dass sein Name, der doch eigentlich wie kein anderer für die Amalgamierung von Kunst und Kommerz steht, überhaupt für den über alle Maßen affirmierenden Umgang mit der modernen Konsumgesellschaft, die eigenen Ansichten transportieren könne. Schon am 9.11.2022 hatten Mitglieder der Gruppe »Stop Fossil Fuel Subsidies« Andy Warhol als Werbefigur und Aushängeschild benutzt, als sie sich in der National Gallery of Australia in Canberra an dem Werk »Campbell’s Soup I« festklebten, einer Serie von zehn Siebdrucken, die Warhol 1968 in einer Auflage von 250 hatte anfertigen lassen, das Museum besitzt die Nummer 150.
Auffällig an den Aktionen der Klimaaktivistïnnen, die den Artefakten mit Tomatensuppe, Kartoffelbrei, Farbe, Öl und allerhand Klebstoffen nahe zu kommen versuchen, ist die fehlende Sensibilität gegenüber Form und Inhalt der Werke. Die Gegenstände werden nicht wegen ihrer ästhetischen Wirkung aufgesucht, sondern nach Bekanntheitsgrad ausgewählt. Je berühmter ›art or artist‹ sind, desto mehr ›attention‹ verspricht die Vandalisierung.
Man wünschte sich mehr Selbstironie und Subversion von den jungen Menschen, überhaupt mehr Respekt vor dem kritischen Potenzial der historischen Positionen, diejenige Warhols eingeschlossen. Vielleicht sollte man den Aktivisten den Vorschlag unterbreiten, sich beim nächsten Mal doch bitte an einer Arbeit Olafur Eliassons festzukleben, diesem »Bob Ross der Lichtkunst« (Artnet). Das hätte den Vorteil, die Klimakrise gleich in doppelter Weise thematisieren zu können. Politische Wut und ästhetische Sanftmut würden zur Deckung gebracht werden und könnten der Bewegung mehr gesellschaftliche Akzeptanz verleihen, vielleicht auch zu Bildern führen, die sich für den guten Zweck und die gerechte Sache vermarkten ließen. Dass die »Klimakleber und Breiwerferinnen« es im »Monopol«-Ranking auf Platz 19 gebracht haben, erschließt sich einem erst dann, wenn man bemerkt, dass Olafur Eliasson – aus welchen Gründen auch immer – nicht vertreten ist. Bemerkenswerterweise verhält es sich in den »Power 100«-Charts der »ArtReview« genau umgekehrt: Nachdem man sich über die »Monopol«-Auswahlkriterien hat wundern müssen, bemerkt man mit Genugtuung, dass die kunstfernen Randalierer hier unbeachtet geblieben sind, man dafür aber »the voracious mingling of art, architecture, ecology and new technology« für so wichtig hielt, Eliasson und sein Team, wie im Jahr zuvor, auf Rang 15 zu platzieren. Der Grund – Power. Ausstellungen und Projekte in der ganzen Welt: Florenz, Seoul, Madrid, Los Angeles, Katar usw. usf.
Die Frage, ob sich eine solch globale Präsenz als klimaneutral zertifizieren ließe, kann und darf hier gerne ungestellt bleiben. Es geht um etwas anderes, um ›awareness‹ generierende Wirkung, um einen kritischen Standpunkt also, der sich auch und vor allem über das ästhetische Erleben erschließen lässt. Das ist eine Qualität, die vielen Positionen der Gegenwartskunst abgeht und durch die sich auch die Documenta 15 – wie jeder mitbekommen hat – nicht zuerst auszeichnen konnte. Es wirkt wie ein Kommentar auf die Krisen der Zeit und die eben darauf reagierenden Großausstellungen des verflossenen Jahres, wenn sich das »Kunstforum« »nach fast 15 Jahren« in der aktuellen Ausgabe wieder mit dem Thema »Schönheit« auseinandersetzt. Schönheit nicht verstanden als Heilmittel oder Luxusgut, sondern als etwas, das denen, die sich dafür empfänglich zeigen, »Freude, Halt und Zuversicht« bieten kann. Ein wenig von oben herab klingt es, wenn der Herausgeber alle, die sich in Zeiten der Krisen und des Handlungsbedarfs für das Schöne interessieren, von dem Vorwurf der Verantwortungslosigkeit freispricht. Mit dem »Plädoyer für ein eigensinniges Phänomen« soll dem drohenden Verlust an Lebensqualität begegnet werden.
Sehr viel weniger naiv klingt da der Rat von Johannes Stahl, der in derselben Ausgabe über das nur Annehmliche hinausweist und in seinem Artikel »Schöne Aussichten, schöne Einsichten« folgende Empfehlung ausspricht: »Auf der Suche nach dem Wahren, Schönen, Guten sollte man sich auf Spaziergänge begeben und an weniger frequentierten Orten umschauen.«
Den Rat möchte ich mir angelegen sein lassen und zugleich die Frage beantworten, welches Kunstereignis des letzten Jahres denn wirklich bleibenden Eindruck hat hinterlassen können. Für mich war es die am 4.9.2022 eröffnete Ausstellung »Controlled Burn« von Julian Charrière in der Langen Foundation Neuss, kuratiert von Dehlia Hannah und Nadim Samman, die noch bis zum 6.8.2023 zu sehen ist. Im starken Kontrast zu dem, was man in Kassel oder Venedig zu gewärtigen hatte, war der Besuch auf der Raketenstation entspannt, ja geradezu beschaulich, ein ›genüsslicher‹ Spaziergang an kaum frequentiertem Ort. Kein Gedränge, kein Gerede, kein Geknipse, vielmehr ästhetische Konzentration, befördert durch die immer wieder bezaubernde Architektur Tadao Andos. Ein Besuch lohnt sich und sei hiermit empfohlen, denn »Controlled Burn« übersetzt den Wahnsinn der »Pyromoderne« in beeindruckende Bilder. Während die »Klimakleberinnen und Breiwerfer« sich der ›publicity‹ wegen an verbürgte Werte heften, werden hier neue Perspektiven eröffnet, die den medialen Schnelllebigkeiten und Oberflächenreizen der jetztzeitigen Aufmerksamkeitsökonomie mit analytischen und ästhetischen Angeboten entgegenstehen. Das ist insofern nachhaltig, als die Arbeiten nicht nur aufklärende Wirkung entfalten, sondern einen dazu bewegen wollen, den notwendigen Veränderungen im Großen jene im Kleinen, das heißt bei sich selbst, vorangehen zu lassen. Weniger heizen, mehr stricken und zum nächsten Jahreswechsel bitte keine Pyrotechnik! Natürlich gehören das Wahre, Gute und Schöne zurück ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten, aber 2022 hat wieder einmal gezeigt, dass zum Schluss doch immer Andy Warhol recht behält: »Kunst ist, womit man durchkommt.«