K-Pop und Covid-19
von Lukas Brennecke
25.10.2021

Alles beim Alten 

Der Ausbruch von Covid-19 war für viele eine Zäsur und ist bis heute mit einschneidenden Veränderungen verbunden. Eine Sache, die sich auf den ersten Blick kaum verändert hat, sind K-Pop-Musikvideos. Wo zwar Konzerte abgesagt wurden und Performances vor leeren oder zumindest sehr begrenzten Zuschauerrängen stattfanden, produzierten die südkoreanischen Entertainment Companys und Hit-Gruppen weiterhin am laufenden Band Songs, Alben und Musikvideos im altbewährten Stil: Idols in bunten Outfits singen, rappen und tanzen dynamische Choreografien, veröffentlichen einen Pop-Hit nach dem anderen – und verbleiben darin relativ still, was die Pandemie betrifft. 

Dennoch gibt es ein paar K-Pop-Songs und -Musikvideos, die sich des Themas angenommen haben. Neben der Kollaboration einiger Künstler*innen unter dem Namen „Be The Future“, welche die Hygiene-Regeln an eine junge Zielgruppe vermitteln sollte, und einem Auftritt der Super Group SuperM mit ihrem Song „With You“ beim „One World: Together at Home“-Konzert, bei dem sie typische Lockdown-Aktivitäten darstellten, gibt es allerdings nur wenige Beispiele, in denen Covid-19 explizit narrativ aufgegriffen und verarbeitet worden ist. 

TOMORROW X TOGETHER – „We Lost The Summer“ (12.11.2020)

„We Lost The Summer“ von TOMORROW X TOGETHER (TXT) thematisiert den Lockdown und dessen Auswirkungen. Beginnend beim Ausbruch der Pandemie wird der Fokus darauf gelegt, wie der Alltag geprägt von Social Distancing und Isolation aussieht. Die Lyrics charakterisieren diesen Alltag als „endlosen Winter“, da die Pandemie bereits im Frühjahr 2020 begann und entgegen der anfänglichen Erwartungen nicht schon im Sommer durchgestanden war, sondern bis in den nächsten Winter hinein andauerte: „First day on my calendar / then countless more first days / […] Stuck in the winter / Cause we lost the summer.“

 

„We Lost The Summer“ ist ein typisches K-Pop-Musikvideo: Eine narrative Ebene, die das Leben im Lockdown erzählt, wechselt sich mit einer Performance-Ebene ab, die TXT beim Tanzen einer Hip Hop Choreografie zeigt. Einerseits sieht man die Mitglieder der Gruppe in fiktiven Rollen als voneinander getrennten Freundeskreis, dann aber auch zusammen als Idol-Performer, die unabhängig von der Storyline des Videos singen, rappen und tanzen. Der Bruch zwischen den Ebenen verdeutlicht, dass die Performance und die Idols selbst als Träger der Geschichte fungieren. Auf der narrativen Ebene wird in Kombination mit den Lyrics das bedrückende und aussichtslos erscheinende Leben im Lockdown beschrieben. Shots von TXT auf einer Flugzeugstartbahn bringen den Wunsch zum Ausdruck, endlich wieder abheben zu können. Die Lyrics transportieren die vielfach auch in den Medien und im Alltag vieler Menschen geäußerte Sehnsucht nach einem richtigen Sommer: „Cause we lost the summer / When we lost each other / Give me back my season.“

Doch anders als die vorletzte Einstellung vermuten lässt, in der TXT mit den Köpfen beieinanderliegt, setzt das Ende des Musikvideos der düsteren Vorstellung auch eine düstere Realität gegenüber. Die gemeinsame Szene erweist sich als Foto auf einem Smartphone, das auf einem von Schnee bedeckten Tisch liegt, wo TXT zuvor noch Zeit zusammen verbracht hat. Es ist eine bedrückende Konklusion und Bestätigung des „endlosen Winters“, was den poppigen Charakter des Songs kontrastiert: Ein klassischer K-Pop Sommer-Hit über einen verlorenen Sommer.

BTS – „Life Goes On“ (20.11.2020)

„Life Goes On“ von BTS hingegen bricht mit der typischen Struktur von K-Pop Musikvideos, bleibt in seiner Inszenierung bodenständig und ruhig und macht den Schmerz dadurch greifbarer. Zunächst beschreiben die Lyrics bildhaft den Stillstand, den die Pandemie auf der ganzen Welt mit sich brachte und das damit verbundene Verschwinden von jeglichem gewöhnlichen Leben: „One day the world stopped / Without any warning / […] Streets erased of footprints.“

Es wird die Aussichtslosigkeit verarbeitet, der unerfüllte Wunsch, der viel beschworenen „neuen Normalität“ entfliehen zu können. RM drückt dies schmerzhaft durch die Formulierung „Guess I’m only human after all“ aus, was seine Unfähigkeit, mit der Situation und den damit verbundenen Ängsten und Sorgen zurechtzukommen, nachfühlbar macht: „Running faster than that cloud of rain / Thought that’d be enough / Guess I’m only human after all / There’s no end in sight / Is there a way out?“

Im Gegensatz zu „We Lost The Summer“ schlägt „Life Goes On“ einen deutlich persönlicheren Ton an und verzichtet dabei auch auf eine klassische Performance-Ebene mit farbenfrohen Outfits und aufwendigen Choreografien. Vielmehr werden die Mitglieder von BTS bei einfachen Aktivitäten und in leicht entsättigter Bildoptik gezeigt. So sieht man etwa Jimin beim Zähneputzen oder gemeinsame Videospiel-Sessions. Die Locations sind überwiegend begrenzt auf ein Haus, in dem die Gruppe gemeinsam wohnt, sowie einige Außenaufnahmen und eine Autofahrt durch die Großstadt. Durchwegs sind sie durch das Haus und das Auto von der Welt draußen isoliert.

Im Kontrast zu „We Lost The Summer“ ist außerdem hervorzuheben, dass BTS nicht in Rollen schlüpft und ein relativ universales Szenario darstellt, sondern sich selbst in das Geschehen des Musikvideos verortet: V wirft einen sehnsüchtigen Blick aus dem Auto auf ein Stadion in der Ferne, wo die Gruppe schließlich vor leeren Sitzen performt.

„Life Goes On“ adressiert damit nicht nur die eigene Fan-Community – die sogenannte „A.R.M.Y“ –, sondern verarbeitet die Pandemie als Einschnitt in die wechselseitige Beziehung. Fast therapeutisch wenden sich die Mitglieder an ihre Fans und versichern ihnen, dass irgendwann alles wieder in Ordnung sein wird: „Like an echo in the forest / The day will come back around / As if nothing happened / Yeah life goes on.“

BTS – „PERMISSION TO DANCE“ (09.07.2021)

„Permission To Dance“ knüpft knapp neun Monate später an „Life Goes On“ an und strotzt nur so vor positiven Botschaften – ob in den Lyrics als Aufruf, sich keine Sorgen zu machen, als explizite Graffitis irgendwo im Hintergrund oder einfach durch seinen poppigen Sound. Wo „Life Goes On“ noch im Lockdown verharrte und unter anderem komplett auf eine Choreografie verzichtete, wirkt „Permission To Dance“ wie eine überglückliche Antwort nach viel zu langem Warten: „THE WAIT IS OVER“ zeigt ein Graffiti, während BTS fröhlich tanzt und singt, dass sie keine Erlaubnis bräuchten, um zu tanzen. Überall auf der Welt steigen Menschen, teils mit Mund-Nasen-Schutz ein – egal ob jung oder alt – und werfen sich die Masken vom Gesicht.

Ohne es explizit auszusprechen, wird das bedrückende Pandemie-Leben und insbesondere das in „Life Goes On“ dargestellte Szenario für beendet erklärt, und BTS kann ihre Rolle als Performer wieder voll ausleben. Passend dazu findet der Großteil des Musikvideos in einer an den Wilden Westen angelehnten Gegend statt – einem Sinnbild für Freiheitsliebe. Gerade im Anschluss an „Life Goes On“ wird sichtbar, dass in „Permission to Dance“ kein Neustart präsentiert wird, sondern das, was viele sich in den letzten 18 Monaten sehnlichst gewünscht hatten: Dass alles wieder so sein kann, wie zuvor.

Sosehr Covid-19 politisiert haben mag, den hier besprochenen Darstellungen ist diese Entwicklung nicht zu entnehmen. Politische Haltungen werden nicht artikuliert und auch keine Forderungen gestellt. Begriffe wie „Corona“ oder „Pandemie“ werden nicht explizit ausgesprochen. Es sind auch kaum Darstellungen der Pandemie zu finden: Anstatt Bildern von Krankenhäusern, Infektionsstatistiken oder Nachrichtensprechern sieht man selten maskierte Menschen oder Freunde in einem Zoom Call, und gesprochen wird allerhöchstens von einem „ewigen Winter“, gezeigt werden leere Straßen. Die K-Pop-Musikvideos, die sich am deutlichsten mit der Pandemie-Situation und ihren Folgen auseinandersetzen, beinhalten auffallend wenige explizite bildliche oder sprachliche Darstellungen des Virus. Vielmehr werden allgemeine Empfindungen geschildert und visualisiert. 

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