Daddy’s Lil Monster
[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 23, Herbst 2023, S. 30-40]
Bereits jetzt zeichnet sich deutlich ab, dass im US-Wahlkampf der Frauenkörper als Austragungsort herhalten muss. Reproduktive und sexuelle Rechte werden neu verhandelt, viele der aufgeregten Debatten zielen buchstäblich unter die Gürtellinie, auf den Geschlechtsapparat der Frau. Ob dieser dem naturwissenschaftlichen Feld der Biologie oder doch eher dem geisteswissenschaftlichen der Gender und Cultural Studies als Definitionsobjekt zufalle, vermag nicht abschließend geklärt zu werden. Die Demokraten bescheinigen den Republikanern so oder so, auf ungesunde Weise von Teenager-Genitalien besessen zu sein. Die Frage, ob Drag Queens oder Waffen eine größere Gefahr für die Gesellschaft darstellen, wird ernsthaft diskutiert.
Geradezu perfekt passt es darum, dass die Heldin des Sommer-Kinohits »Barbie« zwischen den Beinen nur eine glatte Zuschreibungsfläche aus glänzendem Plastik aufweist. Ein vorab veröffentlichter Teaser zum Film zeigt einen romantischen Dialog zwischen Barbie und Ken, bei der er sie bittet, bei ihr übernachten zu dürfen, schließlich seien sie ja Girlfriend und Boyfriend. »To do what?«, fragt Barbie entgeistert zurück. In einem Interview mit der »New York Post« bestätigt Titelheldin Margot Robbie, die Rollen seien ganz bewusst als Puppen ohne reproduktive Organe angelegt. Wird ausgerechnet Barbie damit zur Symbolfigur des Kulturkampfes um Geschlechtsidentität?
Komplizierte Weiblichkeit ist Margot Robbies Stammmetier. 2017 spielte sie die »Eishexe« Tonya Harding, ein Jahr später Maria Stuart. Popkulturell wird sie jedoch am stärksten mit der Figur der bisexuellen Superschurkin Harley Quinn in den »Suicide Squat«-Filmen bzw. dem Spin-Off »Birds of Prey« verbunden. Zwischen 2016 und 2021 durchlief Quinn darin eine erstaunliche Wandlung von der Psychiaterin zur Psychopathin und schließlich, nach ihrer Selbstbefreiung aus einer toxischen Beziehung mit dem Joker, zur »feministischen Ikone« (»Time Magazine«). Spannend daran ist auch, dass Quinns sexy-aggressiver Riot-Grrrl-Style mit bunten Zöpfen, Hotpants und Baseballschläger in den USA von jungen Frauen auf beiden Seiten des politischen Spektrums gefeiert wird. 2022 war Harley Quinn das beliebteste weibliche Halloween-Kostüm in 13 Bundesstaaten, darunter das erzkonservative Texas. Wenn es stimmt, dass Schauspielerïnnen die symbolischen Qualitäten ihrer Rollenfiguren auch in anderen Kontexten anhaften, wie Grant McCracken es in »Culture and Consumption II« (1989) schreibt, dann weist Robbies organlose Barbie bereits per Assoziation einige interessante Bruchstellen auf.
Das Drehbuch zum Barbie-Film schrieb Regisseurin Greta Gerwig (mit Noah Baumbach). Ihr letzter Film »Little Women« (2019) wurde für sechs Oscars nominiert, allerdings nicht in der prestigeträchtigsten Kategorie für beste Regie, was einige Kritikerïnnen als Ausdruck der Misogynie in der Entertainmentbranche ansahen. Während Winona Ryder die Hauptrolle der Jo March in der 1994er-Verfilmung von Gillian Armstrong noch ganz als ernsthaften Blaustrumpf im Sinne der Suffragetten angelegt hatte, will Gerwigs Jo March (dargestellt von Saoirse Ronan) Karriere als Schriftstellerin machen und tritt vehement dafür ein, dass Frauen schön und klug zugleich sein können.
Der Barbie-Film wurde vorab mit dem Spruch »Sheʼs everything. Heʼs just Ken« beworben, der schnell zum beliebten Mem-Format wurde. Die Themen Körperpolitik, Materialismus, Empowerment und »Girl Boss«-Attitüde platzieren Barbie in typische Konfliktfelder zwischen älteren und jüngeren Feministïnnen, die sich auch im akademischen Diskurs über Barbie wiederfinden lassen. Während die einen beklagen, die Puppe würde jungen Frauen ein unrealistisches Körperbild vermitteln und sei für Depressionen, Essstörungen und plastische Chirurgie verantwortlich, loben die anderen ihr ermächtigendes Potenzial, das es Mädchen erlaube, sich als Karrierefrau statt als Mutter zu imaginieren.
Da Gerwig sich weigerte, mit digitalen Sets zu arbeiten, baute Designerin Sarah Greenwood Barbies Heimat »Barbieland« als riesige 3-D-Kulisse. Dabei, erzählte Greenwood in einem Interview mit »Architectural Digest«, habe sie so viel pinke Farbe verbraucht, dass es zu einer weltweiten Knappheit gekommen sei.
In der Mode steht Pink schon seit ein paar Jahren weit vorne, eine Tendenz, die durch den gegenwärtigen #Barbiecore-Trend weiter verstärkt wird. Véronique Hyland prägte 2016 den Begriff »Millennial Pink« für einen pudrigen Farbton, gedeutet als »ironisches Rosa«, der die »zwiespältige Haltung gegenüber Mädchenhaftigkeit« zum Ausdruck bringe. Bereits 1937 kreierte die Designerin Elsa Schiaparelli den Farbton »Shocking Pink«, der fortan zu ihrem Markenzeichen wurde und weder mädchenhaft zart noch harmlos wirkte. Für die Saison Herbst/Winter 2022 gestaltete Pierpaolo Piccioli, Kreativchef des Hauses Valentino, eine ganze Kollektion in der (nach ihm selbst benannten) Pantone-Farbe »Pink PP«. Die Farbe würde einfach jedem stehen, sagt er im Interview mit der »Vogue«, Kategorien wie Geschlecht, Alter oder Ethnie würden in einem All-Pink-Look automatisch sekundär.
Pink ist längst auch zur politischen Symbolfarbe geworden. »Paint the world Pussy Pink« singt Beyoncé auf dem Track »Cozy« ihres »Renaissance«-Albums 2022 und spielt damit auf die Pussyhat an, eine pinke Strickmütze mit zwei Zipfeln, die 2017 zum Symbol des Women’s March, dem feministischen Widerstand gegen die Trump-Regierung, wurde. Aber Pink symbolisiert nicht nur die Pussy, sondern gilt auch als queere Farbe. So werden etwa durchschaubare Bemühungen der Wirtschaft, bestimmte Produkte als LGBTQ+-freundlich zu inszenieren, analog zu dem Begriff ›Greenwashing‹ als ›Pinkwashing‹ bezeichnet.
Pläne für einen Real-Life-Barbie-Film scheiterten bisher immer an Bedenken des Mutterkonzerns Mattel. Bei Ynon Kreizʼ Wechsel als CEO von Endemol zu Mattel im Jahr 2018 stand das Projekt aber ganz oben auf seiner Liste. Strategisch besteht seine Aufgabe in nichts Geringerem, als das Unternehmen von einem Spielzeughersteller in einen Multi-Channel-Medien-Franchise zu verwandeln.
Spielzeuge performen generell gut als Filmfiguren. Der Animationsfilm »Trolls«, der auf bunthaarigen Figuren der Firma Hasbro basiert, spielte 2016 das Zwanzigfache seiner Produktionskosten ein. Weitere überaus erfolgreiche Spielzeug-Filme sind »Lego« und »Transformers«. Aber das Genre hat auch seine Tücken, ein auf dem Brettspiel-Klassiker »Schiffe versenken« (Hasbro) basierender Film floppte 2019 fürchterlich, ebenso wie der Film über die beliebten Plüschfiguren Ugly Dolls aus demselben Jahr.
Unbeirrt jedoch setzt Mattel neben Barbie auf eine Reihe von Projekten dieser Art, darunter ein Film über das Kartenspiel »Uno« sowie ein Live-Action-Film über die Minifigur Polly Pocket, für den »Girls«-Erfinderin Lena Dunham als Drehbuchautorin und Regisseurin verpflichtet worden ist. In einem Interview mit dem »Independent« betont Dunham, solche Stoffe müssten junge Frauen klug und ohne Herablassung ansprechen.
Vorbild für Mattel ist eindeutig Marvel, das den Wandel vom Comic-Buchverlag zum Entertainment-Giganten bereits erfolgreich durchlaufen hat. Neben den üblichen muskelbepackten Männerhelden entwickelte das »Marvel Cinematic Universe« in den letzten Jahren eine Reihe ›starker‹ Frauenfiguren wie Black Widow (dargestellt von Scarlett Johansson) oder Captain Marvel (dargestellt von Brie Larsson). Filmkritiker James Hunt schreibt dazu auf der Plattform Screen Rant, es sei ein Problem, dass die Studios darauf verzichteten, ihre als weiblich gelesenen Heldinnen mit einem Sexualleben auszustatten. Es herrsche die Idee vor, ein ›love interest‹ lasse Frauen schwächer erscheinen. Hunt räumt aber auch ein, dass die Darstellung der männlichen Superhelden ebenfalls prüde bis asexuell sei. Die Fetischisierung von Muskulatur werde als klinisches Selbstverwirklichungsideal verkauft. Es sind Kämpfer, keine Liebhaber.
»Barbie« wurde in den USA ebenso wie die meisten MCU-Filme als »PG-13« eingestuft (für Kinder unter 13 Jahren ungeeignet; entspricht der deutschen FSK-Freigabe ab 12). Dies wird jedoch nicht mit Gewaltdarstellungen begründet, die im Barbieland kaum zu erwarten sind, sondern mit ›suggestiven Referenzen‹, auf die der Unterleibsgag aus dem Teaser einen Vorgeschmack bietet. Schon aus rein taktischen Gründen erscheint es für Mattel klug, sich als Anti-Disney zu positionieren (der Disney-Konzern kaufte Marvel 2009 für vier Milliarden US-Dollar): ein knallpinkes queeres Mädchen-Universum als Gegenentwurf zur streng binären, heteronormativen Welt der Superhelden.
Die ambivalente Spannung zwischen Objektifizierung und Selbstermächtigung begleitet Barbie von Anfang an. Als ihre Erfinderin gilt die US-Amerikanerin Ruth Handler, welche die Rechte 1964 an Mattel verkaufte. Während einer Europareise war Handler auf eine 30 Zentimeter hohe Figur der »Bild-Lilli« gestoßen, Protagonistin der beliebten Cartoon-Reihe »Lilli«, die von 1952 bis 1961 voll schlüpfriger Gags in der »Bild«-Zeitung abgedruckt wurde. Ebenso wie Barbie war Lilli langbeinig und spitzbusig, trug anmodellierte High Heels und Make-up. Während sie aber als Geschenk für Erwachsene konzipiert war, wollte Handler die Puppe an kleine Mädchen verkaufen. In einem Interview mit dem »Stern« erzählte Handler 1998, sie habe jungen Frauen einen unverkrampfteren Umgang mit »ihren Brüsten« ermöglichen und ihnen die Chance eröffnen wollen, sich eine Zukunft auszumalen, in der sie alles sein könnten. Lilli arbeitete ganz bodenständig als Sekretärin, Barbie firmierte hingegen in ihrer ersten Inkarnation 1959 unter der glamourösen Berufsbezeichnung »Teenage Fashion Model«. Das änderte sich jedoch bald und Barbie wurde Ärztin, Anwältin, sogar Astronautin und Präsidentin der USA. Zu ihren bestechendsten Fähigkeiten zählt es, immer wieder in unterschiedlichen Varianten ihrer Selbst in Erscheinung zu treten. Jede neue Barbie ist eine neue Möglichkeit, wobei alle Barbies um einen fixen Bedeutungskern herumwabern. Auch deshalb passt Barbie als Figur so gut zur Gen Z, die diese Erzähllogik mit Hilfe diverser ›Moods‹ und ›Aesthetics‹ täglich auf TikTok rekreiert.
Barbie-Animationsfilme werden von Mattel schon seit mehr als zwanzig Jahren durchaus erfolgreich produziert, wobei zunächst klassische Stoffe wie der »Nussknacker« (2001), »Rapunzel« (2002) oder »Schwanensee« (2003) adaptiert wurden. Ab 2005 entstanden dann die Franchise-Reihen »Barbie: Fairytopia« und »Barbie: Mermaidia«. Bereits an den Titeln lässt sich ablesen, dass hier alle Klischees des ›Mädchenhaften‹ bedient werden sollen: Ballerinas, Feen, Nixen. Nach 2012 brachen die Umsätze jedoch jäh ein. Die Einführung der »Lego Friends«-Serie, die das ursprünglich genderneutrale Konzept der Plastikblöcke auf den Kopf stellte und Mädchen nun Märchenschlösser, Kindergärten oder Einhorngehege nach Bauplan vorlegte, half Lego dabei, Mattel als größten Spielzeug-Konzern der Welt zu überrunden. Zudem konnte Konkurrent Hasbro sich 2014 die Herstellungsrechte an den Disney-Prinzessinnen sichern, und Elsa aus der »Frozen«-Filmreihe entthronte Barbie als beliebteste Spielzeugfigur für Mädchen, was in einem dicken Umsatzminus von 500 Millionen US-Doller für Mattel resultierte.
2015 reagierte Mattel, indem es die Barbie-»Diversity Line« herausbrachte und sich das Zauberwort ›Repräsentation‹ auf die Fahnen schrieb. Im Januar des Jahres zierte Barbie das Cover des »Time«-Magazin und stellt die Frage »Now can we stop talking about my body?«. Barbie wurde nun als die »inklusivste« Puppe auf dem Markt beworben. Jedes Kind sollte sich fortan seinen eigenen Zwilling als Barbiepuppe zusammenstellen können. Auf der Website wirbt Mattel mit neun verschiedenen Bodytypes, 35 Skintones und 97 Hairstyles. Ab 2021 lässt sich dann auch in den animierten Filmen ein deutlicher Richtungswechsel ausmachen. Barbie zieht in dem Film »Big City, Big Dreams« nach Manhattan und trifft dort eine Schwarze Barbie aus Brooklyn, mit der sie eine Band gründet. 2022 veröffentlicht Mattel zum Barbie-»Pride Month« eine Puppe der Schauspielerin Laverne Cox, die bei den Konservativen als »Transgender Barbie« erwartungsgemäß für Empörung sorgt. In diesem Jahr bringt Barbie die erste Puppe mit Down-Syndrom auf den Markt. Den Vorwurf der ›Wokeness‹ schwächte der rechtspopulistische Politkommentator Matt Walsh jedoch ab, weil man die Puppe auch als Appell gegen Abtreibung verstehen könne. 2022 übernahm Walsh in einem umstrittenen Dokumentarfilm des »Hulk«-Regisseurs Justin Folk die Erzählerrolle. Walsh und Folk treten damit gegen die »Genderideologie« an. Der Titel des Films: »What Is a Woman?«. Die Ironie daran dürfte den beiden entgangen sein.