›Alte Kultur‹ und aktueller Krieg
von Thomas Hecken
06.07.2026

Überlegungen zur ›Zeitenwende‹

[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 22, Frühling 2023, S. 69-76]

Der Krieg in der Ukraine gehört zu den Ereignissen, denen in vielen Ländern der Welt eine Zeit lang große mediale Aufmerksamkeit zukommt. Darum muss sich die Massenmedien-Forschung zwangsläufig mit ihnen beschäftigen. Nicht sicher ist aber, ob sie auch ein Gegenstand der Popkulturforschung sind, nicht einmal, ob sie für jene Populärkulturforschung, die gegenüber den Wissenschaften der Massenkommunikation eigene Akzente setzen möchte, Ansätze der Betrachtung bieten.

Das bei solchen Ereignissen von Politikern und einflussreichen Kommentatoren häufig verwendete Wort der ›Zeitenwende‹, des welthistorischen Umbruchs – ›nichts wird mehr so sein wie vorher‹ – spricht hingegen eine andere Sprache. Es sagt aus, dass (beinahe) alle und alles davon betroffen sind, ob sie nun wollen oder nicht. Aus dieser Sicht müsste sogar die Forschung insgesamt darauf reagieren.

Forschung kann aber auch zuvor den Einsatz des Begriffs untersuchen. Hier kommt ebenfalls die Populärkulturwissenschaft ins Spiel, wenn sie ihren Auftrag darin sieht, u.a. die quantitativ ausgewiesenen populären Begriffe zu untersuchen. Zwar gibt es keine Wort-Hitparaden, aber Einschätzungen wie »Wort des Jahres« (2022: »Zeitenwende«) geben einen ersten Anhalt – und Google-Listen etc. sorgen für Angaben, die nicht dem Votum einer Jury unterliegen. Ihnen ist leicht abzulesen, dass viele Akteure in Politik, Exekutive und wichtigen Medien das Wort für angemessen erachten. Es stützt so ihre schwerwiegenden – ›alternativlosen‹ – Entscheidungen.

Dies ist insofern nicht zu kritisieren, als Sprachteilnehmer frei sind, ein Wort nach Gutdünken zu gebrauchen, eine ewig feststehende Bedeutung gibt es nicht (es sei denn, eine repressive Macht könnte sich fortwährend durchsetzen). Dennoch ist es sinnvoll, den Gebrauch von populären Begriffen aufmerksam zu studieren; das kann zur Einsicht führen, den Begriff anders oder gar nicht mehr zu gebrauchen.

Schaut man auf die jüngere Vergangenheit, sieht man rasch, dass es beträchtliche Unterschiede beim Ausmaß der angesprochenen Wendepunkte gibt. Der 9/11-Anschlag (›the day that changed the world‹) verursachte zwar sehr viel Zerstörung und Leid, wurde aber von religiösen Kräften ausgeführt, die keinerlei Potenzial besaßen, die große Welt- und Kriegsmacht USA auch nur ansatzweise militärisch herauszufordern. Eine Zeitenwende brachte dieses Ereignis nur für jene Länder, auf deren Territorien unter Führung der USA danach Kriege und Bürgerkriege begonnen oder unterstützt wurden; aus Diktaturen wurden dadurch sogenannte ›failed states‹. Den Alltag der meisten Menschen in anderen Ländern erreichte besagter welthistorische Wendepunkt nicht, hier blieb es überwiegend bei Änderungen in den Nachrichteninhalten und bei Einreisebestimmungen. Deshalb besitzt die Ansicht einige Plausibilität, dass die Rhetorik des welthistorischen Wandels und Einschnitts ihre Bedeutung nicht zuletzt in der versuchten Legitimation der militärischen und geheimdienstlichen Operationen fand, deren Ergebnis u.a. in hohen Todeszahlen bei der Bevölkerung der betroffenen Länder bestand.

Zurückhaltung ist auch deshalb geboten, weil viele Entscheidungen nicht von langer Dauer sind, entweder weil sie rasch korrigiert werden oder Folgen zeitigen, die anders als beabsichtigt ausfallen. Eine Zeitenwende findet deshalb nicht statt, weil die mächtigsten Akteure ihre Entscheidungen unbedacht treffen oder sie aus anderen Gründen nach einigen Jahren revidieren. Von einer Zeitenwende kann man in diesen Fällen nur sprechen, wenn die getroffenen Entscheidungen Wirkungen besitzen, die nicht rückgängig zu machen und so groß sind, dass sie sehr viele Staaten, vor allem auch die mächtigen Nationen, über Jahrzehnte stark verändern. Dies kommt selten vor; die Entscheidung, China zu einem wichtigen Handelspartner zu machen und große Kapitalinvestitionen und Technologietransfers zuzulassen, obwohl die dortige Regierung ausländischen Banken und Unternehmen nicht wenige Regelungen auferlegte, ist ein wichtiges Beispiel dafür, eine mögliche Zeitenwende ungewollt vorzubereiten.

Gegenwärtig deutet sich ein großer Einschnitt an, für den es aktuell einige Anhaltspunkte gibt, die über die permanente ökonomische Konkurrenz und die unablässige militärische Kriegsvorbereitung (technologische Aufrüstung; Manöver; Finanzierung und sonstige Unterstützung rivalisierender Parteien in Ländern auf der ganzen Welt) hinausgehen. Zu nennen sind hier vor allem: das militärische Vorgehen Russlands in Syrien; der Versuch, die NATO vollständig in der Ukraine zu etablieren; die gewachsene Nähe zwischen Russland und China; der Krieg Russlands gegen die Ukraine; der Ausschluss Russlands vom Swift-System und das ›Einfrieren‹ der Vermögenswerte der russischen Zentralbank; die Geheimoperation zur Zerstörung von Nord Stream 1 und 2; viele kleinere Ereignisse rund um Taiwan; die weit fortgeschrittenen Gespräche zwischen USA, Japan und Niederlande, den Export moderner Chipherstellungstechnologie nach China einzuschränken; nicht zuletzt die für den Kriegsverlauf entscheidende ökonomische und militärische Hilfe für die Ukraine, angeführt von den USA und der NATO.

Wenn man die gegenwärtige Art der Auseinandersetzung in historischer Perspektive betrachtet, fällt es dennoch schwer, bereits von einer Zeitenwende zu sprechen. Selbst der Ukraine-Krieg fügt sich dann in eine Reihe ähnlicher Konflikte der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein: ein halber Stellvertreterkrieg, in den eine Großmacht direkt mit eigenen Truppen eingreift, während eine andere nur Logistik, Waffen, Geld für das Land zur Verfügung stellt, in dem der Krieg stattfindet; den Blutzoll haben dessen Truppen, aber auch die übrige einheimische Bevölkerung zu leisten. Zwar kommt diese Variante nicht so häufig vor wie die vollständigen Stellvertreterkriege, sie verfügt aber über bekannte Beispiele in der jüngeren Geschichte, den Vietnamkrieg (nach ungefähren Schätzungen zwei Millionen tote Zivilisten) und den sowjetischen Afghanistankrieg (vielleicht eine Million tote Zivilisten). Der Ukraine-Krieg währt längst noch nicht so viele Jahre wie die beiden genannten Vorläufer; wenigstens bislang ist die Zivilbevölkerung in der Summe weniger tödlich von ihm betroffen (bis Januar 2023 einige zehntausend Opfer des russischen Militärs – das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte zählt ca. 7000 tote Zivilisten, merkt aber an, dass die tatsächliche Zahl wesentlich höher liegen dürfte).

Eine Zeitenwende träte hier erst ein, wenn der Krieg sich über das Gebiet der Ukraine hinaus erstreckte und NATO-Staaten Truppen entsendeten, von ihrem eigenen Gebiet Angriffe durchführten oder ihrerseits angegriffen würden. Die ukrainische Regierung hält dies für ein bald stattfindendes Ereignis; als Mitte November 2022 eine Rakete in Polen einschlug, nahm der Präsident der Ukraine dies nicht nur zum Anlass, seine Spekulationen über die weiteren Absichten Russlands zu wiederholen, sondern auch neue NATO-Aktionen zu fordern. »Poland, the Baltic states… Itʼs only a matter of time before Russian terror goes further. We must put the terrorist in his place! The longer Russia feels impunity, the more threats there will be to everyone who can be reached by Russian missiles. Hitting NATO territory with missiles… This is a Russian missile attack on collective security! This is a really significant escalation. Action is needed« (Rede von Wolodymyr Selenskyi am 15.11.2022; Übersetzung durch die Website des Präsidenten). Bei seinen NATO-Verbündeten stößt er damit aber nicht auf Zustimmung (im konkreten Fall handelte es sich entgegen der Darstellung Selenskyis ohnehin um eine ukrainische Rakete, die versehentlich polnisches Gebiet traf), sondern bekommt bislang nur solche Waffen geliefert, die es erlauben, den russischen Vormarsch weiterhin aufzuhalten, die gegnerischen Truppen stark zu dezimieren und teilweise kleinere Geländegewinne zu erzielen. Die russische Verfügung über ein großes und breites Arsenal an Atomwaffen verhindert einen militärischen Einsatz, wie er zuletzt etwa im Irak und in Libyen problemlos möglich war. Darum bietet sich ein Vergleich mit jener (freilich wesentlich kostengünstigeren) Unterstützung afghanischer Kämpfer gegen die Sowjetunion an, der mit zum Niedergang der Sowjetunion beitrug (im Gegensatz zum verlustreichen US-amerikanischen Einsatz in Vietnam, der nicht zu einem Rangverlust der Weltmacht führte). Dies dürfte auch die jetzige Hoffnung vieler NATO-Politiker sein, verbunden mit der (riskanten) Annahme, dass wie im Afghanistan-Krieg die Unterstützung des direkten Gegners Moskaus vor allem durch die USA auf lange Sicht nicht bewirkt, dass ein geschwächtes und eine Niederlage fürchtendes russisches System die Kriegshandlungen intensiviert.

Neu am aktuellen halben Stellvertreterkrieg ist aber zweifellos, dass die Auswirkungen des Kriegs auf die deutsche Bevölkerung nicht allein in Befürchtungen bestehen, bei einer Eskalation des Kriegs Ziel von Atomschlägen zu sein. Der Krieg fand Eingang ins heimische Wohnzimmer, keineswegs nur via TV und Smartphone. Die Verringerung russischer Energielieferungen führte zu einer eigentümlichen Situation, in der mindestens ebenso viel Beachtung steigenden Gas-, Öl- und Strompreisen galt wie den Verheerungen in der Ukraine. Unzählige Berichte über Möglichkeiten, Energie zu sparen, wurden von »FAZ« bis RTL geliefert und deuteten die Möglichkeiten an, die eine ethnografisch ausgerichtete Populärkulturforschung, welche Beschwernisse und Listen des Alltags in den Blick nimmt, auf diesem Gebiet besitzen mag.

Neu am halben Stellvertreterkrieg in der Ukraine ist ebenfalls, dass er nicht mehr wie in der Sowjetzeit auf eine Systemkonkurrenz zurückzuführen ist, die von gravierenden Unterschieden der Wirtschaftsordnung geprägt wird. In der Gegenwart konkurrieren mächtige Staaten miteinander, die dem sozialistischen Gemeineigentum allesamt abgesagt haben und mit nur teils verschiedenen Mitteln versuchen, kapitalistische Unternehmen Profite auf ihrem Staatsgebiet für ihre heimischen Währungen, ihre Kreditwürdigkeit und ihr Steuerwesen erwirtschaften zu lassen.

Wegen dieser grundsätzlich kapitalistischen Ausrichtung stellt es keine große Überraschung dar, dass die erfolgreichen Produkte gegenwärtiger Popkultur von Gucci über James Bond bis Hip-Hop in den Feindesstaaten im Unterschied zur Sowjetzeit auf geringe weltanschaulich-künstlerische Bedenken oder gar Abwehrmaßnahmen grundsätzlicher Art stoßen. Wegen des Boykotts vor allem Hollywoods ist es allerdings momentan in Russland in vielen Fällen nicht möglich, populäre Produkte aus den USA in Kinos anzuschauen oder in Verkaufsstellen zu erwerben, andere Möglichkeiten stehen aber im Social-Media-Zeitalter sicherlich offen. Zudem gelangten 2022 immerhin rund 140 US-Filme über andere Vertriebskanäle dennoch in russische Kinos, was sich Anfang 2023 fortsetzt, u.a. mit Guy Ritchies »Operation Fortune: Ruse de Guerre« (variety.com, 18.2.2023). In China werden im ersten Quartal 2023 sogar die Marvel-Filme wieder gezeigt, nachdem es zwischenzeitlich wegen »Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings« zu erheblichen Schwierigkeiten für den Disney-Konzern auf seinem zweitgrößten Superhelden-Markt gekommen war (»even kungfu cannot save a movie containing Western stereotypes and a character originating from a racist background when it was originally created for the comics«, so die Website einer chinesischen Partei-Zeitung, globaltimes.cn, am 17.11.2021).

Umgekehrt stellen sich solche Probleme einer als notwendig erachteten ›richtigen‹ Repräsentation der Nationalkultur gar nicht, weil sich in den Vereinigten Staaten (und weit überwiegend auch in den Ländern ihrer europäischen Verbündeten) kaum jemand für die eigenständigen popkulturellen Hervorbringungen aus den beiden kleineren Großmächten interessiert. Mögliche identitätspolitisch oder nationalkulturell als fragwürdig erachtete Darstellungen können deshalb gar nicht groß auffallen, ebenso wenig eine zukünftig vielleicht stärkere Nachfrage nach jeweils heimischen Popkünstlern. Schon vor 2022 waren chinesische oder russische Popmusik, Filme, Szenen dem Publikum in den USA, Deutschland etc. beinahe vollständig unbekannt, darum würde selbst ein strenger Boykott vonseiten Russlands und Chinas keinen Unterschied zum vorherigen Zustand bewirken. Von einer Zeitenwende kann gegenwärtig deshalb auf dem Feld der Popkultur insgesamt keine Rede sein. Eine ganze Reihe Pop-Waren aus dem Westen sieht man trotz der ökonomischen Restriktionen und der politischen Feindschaft weiterhin alltäglich in den Ländern der östlichen Systemkonkurrenten; nicht wenig davon wird zudem in Chinas Fabriken hergestellt.

Allerdings trifft Andy Warhols bekannter Ausspruch jetzt zumindest wieder für Moskau zu: »The most beautiful thing in Stockholm is McDonald’s / The most beautiful thing in Florence is McDonald’s / Peking and Moscow don’t have anything beautiful yet.« Es gibt dort nun aber einen »russischen McDonald’s-Nachfolger« namens »Köstlich und Punkt« (Vkusno i tochka), so berichtete im Sommer ein deutscher Reporter (rnd.de, 22.6.2022): »Die Preise liegen sogar noch etwas unter dem günstigen McDonald’s-Niveau, dafür nimmt sich die Speisekarte bei den Produktbezeichnungen auffällig zurück: Aus Chicken McNuggets werden einfach nur Nuggets, der Filet-o-fish heißt nun Fish Burger, der Hamburger Royal wird zum Grand De Luxe und Big Tasties, Big Macs sowie McFlurries sind ersatzlos aus dem Menü gestrichen – offenbar wegen bestehender Urheberrechte. Doch was soll’s. Das soll den erwartungsfrohen Biss in einen Grand-de-Luxe-Burger nicht trüben – zumal dieser mit der recht schnellen Erkenntnis verbunden ist: Schmeckt tatsächlich ziemlich genauso wie der Hamburger Royal mit dem goldenen M.« Andere deutsche Medien wollten nicht derart unkritisch sein und vermeldeten deshalb kurz darauf Erfolge der ökonomischen Boykotte: »Dem russischen McDonald’s-Nachfolger gehen die Pommes aus«, lautete eine der Schlagzeilen (stern.de, 13.7.2022).

An diesen Nachrichten erkennt man unschwer, dass popkulturelle Artefakte von den Machthabern in Russland und China nicht als Gefahr eingestuft werden, solange sie keine verständlichen politischen Botschaften aufweisen, die gegen sie und ihre Auffassungen ›richtiger‹ Lebensweise gerichtet sind: »But how can it be a bad thing if a celebrity establishes a patriotic persona for the good of the nation?«, fragt das KP-Organ rhetorisch (globaltimes.cn, 16.1.2023). Das Fragezeichen weist im speziellen Fall aber ebenfalls darauf hin, dass im florierenden chinesischen Konsumkapitalismus längst andere Antworten gängig sind. Interessanterweise wird auch dem Markt, der dies mit hervorbringt, aufgetragen, im zweiten Schritt dagegen anzugehen: »According to the guidelines, companies should boycott celebrities who have lapsed morals or who have engaged in illegal behavior such as drug addiction, gambling, drunk driving, indecent assault, tax evasion and fraud« (globaltimes.cn, 1.11.2022).

Anders stellt sich die Lage im Bereich der ›Populärkultur‹ dar. ›Populäre Kultur‹ meint in diesem Zusammenhang ›Volks‹- und ›Nationalkultur‹, sie ist einer internationalen, an Fragen der Herkunft und patriotischen Moral weitgehend desinteressierten Popkultur genau entgegengesetzt. Vorstellungen des Ursprünglich-Reinen garantieren gedankliche Problemlosigkeit, Verpflichtung auf die Tradition soll die Gegenwart erlösen. Diese von manchen so bezeichnete und imaginierte ›populäre Kultur‹ wird spätestens im Falle direkter kriegerischer Auseinandersetzungen regelmäßig zu einem Einsatzfeld, um die Feindschaft zu begründen und zu vertiefen. Besonders wichtig erscheint sie oft, wenn die materielle Lage keinen großen Anreiz zur Verteidigung gibt (aufs aktuelle Beispiel gemünzt: Bruttoinlandsprodukt 2021 pro Kopf in Russland: ca. 10.000 Euro, in der Ukraine: ca. 4.000 Euro; zum Vergleich Deutschland: ca. 43.000 Euro; Rückgang des BIP nach Schätzung der Weltbank in der Ukraine 2022: 35 %, Russland: 3,5 %). Dann müssen andere ›Werte‹ ins Feld geführt werden, um das eigene Leben aufs Spiel zu setzen bzw. für andere zu veranlassen, dass dies geschieht.

In seiner Fernsehansprache vom 21.2.2022, unmittelbar vor dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine, merkte Vladimir Putin an (Übersetzung »Osteuropa«-Zeitschrift): »Die Ukraine ist für uns nicht einfach ein Nachbarland. Sie ist integraler Bestandteil unserer eigenen Geschichte, unserer Kultur, unseres geistigen Raums.« Nicht zuletzt darum müsse der »bolschewistische« Fehler rückgängig gemacht werden, Teile des »historischen Russland« »willkürlich zugeschnittenen Verwaltungseinheiten« übergeben und diesen ›künstlichen‹ Gebilden sogar das Recht zugestanden zu haben, »ohne Voraussetzungen aus dem Staatenverbund« der Sowjetunion auszutreten. An die Adresse der antikommunistischen ukrainischen Politiker richtete Putin den höhnischen Aufruf: »Eine Überwindung des Kommunismus wollt Ihr? Alles klar, vollkommen einverstanden. Aber dann bitte nicht auf halbem Weg stehen bleiben. Wir zeigen euch gerne, was eine echte Überwindung des Kommunismus für die Ukraine bedeutet.« Die »Vladimir-Lenin-Ukraine« muss nach dieser Logik wieder ›integriert‹ werden, weil sie zur eigenen russischen »Kultur« gehöre.

Aufseiten der jetzigen ukrainischen Regierung betont man angesichts der manifesten Gewalt selbstverständlich jene Einheit des Landes, die nicht von russischen Integral-Drohungen abhängig zu machen ist: »Our sovereignty extends to the entire territory. We are a unitary state. Our territory within the existing borders is integral and inviolable. That is why in the east and west, in the south, in the north and in the center, our people are heroically fighting for these principles«. Ausgerichtet ist dieser Einheitsstaat in die andere Richtung – der Weg nach Westeuropa sei mit höchsten Mächten im Bunde. Behauptet wird »the irreversibility of the path to Europe. This is the responsibility to God, to oneʼs own conscience, to previous, present, and future generations« (Rede von Selenskyi am 28.6.2022). Es mag an solchen traditionellen Pathosformeln liegen, dass wenig überraschend auch der damit so oft verbundene Topos althergebrachter Kultur noch aufgerufen und mit bekannteren ukrainischen Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts in Einklang gebracht wird, um die Einheit zu beschwören: »Unity is encoded in the patterns of our embroidery, the storylines of Kosiv painted ceramics, the Petrykivka decorative painting and the Ornek ornament. Unity can be heard in the sounds of the kobza, bandura, trembita and Crimean Tatar zurna musical instruments. Unity plays beautifully in the music of Leontovych, Skoryk, and Ivasyuk. Unity is rhymed in the lines of Franko, Ukrainka, Shevchenko, Stus, Symonenko and Kostenko. Unity is painted with colors in the canvases of Prymachenko, Bilokur and Marchuk« (Rede von Selenskyi am 22.1.2023).

Verlassen will man sich auf die angeblich unverbrüchliche, fundamentale Nationalkultur aber nicht, wie sich an zahlreichen Bestimmungen zeigt. Das Gesetz »Über die Sicherstellung der Funktion des Ukrainischen als Staatssprache« sieht vor, dass z.B. Zeitungen nicht mehr allein in russischer Sprache veröffentlicht, russische Filme und Serien synchronisiert, russische Lesungen übersetzt werden (in einem Land, in dem in nicht wenigen südlichen und östlichen Städten überwiegend russisch gesprochen wird).

Sogar der herkömmliche Grund weit zurückreichender Kultur, die Religion, wird einer Revision unterzogen, es geht um nicht weniger als um die Durchsetzung einer neuen gegen die alte orthodoxe Kirche: »We will ensure, in particular, spiritual independence. We will never allow anyone to build an empire inside the Ukrainian soul.« Zur Rettung der heimischen Seelen werden tiefgreifende Maßnahmen ins Auge gefasst: »Unfortunately, even Russian terror and full-scale war did not convince some figures that it is worth overcoming the temptation of evil. Well, we have to create conditions where no actors dependent on the aggressor state will have an opportunity to manipulate Ukrainians and weaken Ukraine from within. So, first. The National Security and Defense Council instructed the Government to submit to the Verkhovna Rada a draft law on making it impossible for religious organizations affiliated with centers of influence in the Russian Federation to operate in Ukraine. Second. The State Service for Ethnopolitics and Freedom of Conscience was commissioned to ensure the religious examination of the Management Statute of the Ukrainian Orthodox Church for the presence of a church-canonical connection with the Moscow Patriarchate and, if necessary, to take measures provided for by law« (Rede von Selenskyi am 1.12.2022).

Doch nicht nur der »State Service for Ethnopolitics and Freedom of Conscience« ist aufgerufen, die ukrainische Kultur zu begründen, auch das geltende Kriegsrecht ist darauf ausgerichtet, die in Reden als gegeben angesehene einheitliche Kultur tatsächlich mit Zwangsmitteln zu schaffen. Dies ist keineswegs eine ukrainische Besonderheit, sondern einer der Standards solcher ›Kultur‹-Postulate, wie vor allem an den Ausführungen Putins zu sehen, der sich bei seiner Kriegserklärung von der ukrainischen Wirklichkeit löst, um im angeblich unteilbaren »geistigen Raum« Ruhe zu finden. Dass es einen Krieg braucht, um die vorgeblich gemeinsame »Kultur« zu ›sich selbst‹ kommen zu lassen, irritiert diese Konzeption Putins nicht.

Fast schon als Gesetz kann darum gelten: Je heftiger die Einheitlichkeit und unbestreitbare Bedeutung der unveränderlichen Kultur reklamiert wird, desto stärker geht es darum, sie zu formieren und zu stiften. An dieser Stelle kann man von einer Zeitenwende rein gar nicht sprechen. Es ist bemerkenswert, wie stark die Anziehungskraft dieser Semantik noch auf die ukrainische Seite wirkt, die sich ihr doch derart martialisch ausgesetzt sieht.

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