Wetter-Apps
von Ole Petras
23.9.2020

Neue Gespräche über das Wetter

[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 14, Frühling 2019, S. 79-82]

Es zählt zu den erstaunlichsten Entwicklungen des an erstaunlichen Entwicklungen nicht eben armen postindustriellen Zeitalters, dass das vormals als Smalltalk abqualifizierte »Gespräch über das Wetter« rehabilitiert wird. Wir eilen verbal vom Jahrhundertsommer zur Schneekatastrophe, von der Dürre zur Überschwemmung, vom Orkan zum Tsunami, beschweren uns über Extreme und abnehmende Gewissheiten. Voraussetzung und Grund dafür ist die Etablierung einer narrativen Struktur, die das doch aller Anschauung nach zufällige Wetter in eine kommentierbare Entwicklung überführt, Hashtag Klimawandel.

An die Stelle des Anfangs tritt stets der »Beginn der Aufzeichnungen«, als Ende firmiert entweder die Schreckensvision eines unbewohnbaren Planeten oder die kontrafaktische Behauptung blühender Landschaften wie zu Großvaters Zeit. Interessanterweise sind es gerade die Verfechter letzterer Lesart, die das apokalyptische Szenario einer globalen Erwärmung in Abrede stellen, obwohl es frappant dem in der Bibel beschriebenen apokalyptischen Szenario ähnelt. Die normalen Menschen müssen ihrerseits einer der rationalen Einsicht mitunter zuwiderlaufenden Wahrnehmung durch komplizierte rhetorische Operationen begegnen und Klima und Wetter differenzieren. Für den Autor des prinzipiell optimistischen Printmediums »Pop« bleibt die Aufgabe, die Kluft zwischen analoger Lebenswelt und digitalem Orientierungswissen zu schließen.

So merkwürdig es klingt: Wetter, wie wir es kennen, ist ein Resultat elektronischer Datenverarbeitung. Nicht nur ermöglichten Erfindungen wie Radar, Kamera, Satellit es, Wetterwerte beträchtlichen Umfangs zu erheben. Erst die Rechenleistung unserer Tage ist auch in der Lage, Myriaden Einzelbefunde in verlässliche Trends zu rechnen und, derart aufbereitet, an den Endverbraucher zurückzuschicken. Und ergo schauen wir auf unsere Mobiltelefone, wenn wir wissen wollen, wie das Wetter wird, und nicht in den Himmel, bemühen weder altvertraute Bauernregeln noch die persönliche Meinung des Kollegen, noch die wandernde Kugel in Großvaters Bein, sondern schnöde Algorithmen. Die Geburt der privaten Wetterstation ist gleichbedeutend mit dem Tod einer ganzen Reihe kultureller Praktiken, die mit steten Gesprächsanlässen und auch mit der Bewältigung von Kontingenz zu tun haben. Einzig das Lächeln von Judith Rakers bei der Ankündigung des Wetterberichts erinnert noch an die gute alte Zeit, in der wir Erdenwürmer der Willkür der Elemente ausgesetzt und damit froh waren.  

Da Computer nicht nur wegen ihrer Fabrikation (und natürlich Airbnb) für die Verschlechterung des Klimas verantwortlich zu machen sind, sondern unsere Wahrnehmung des Wetters selbst beeinflussen, liegt es nahe, dass Wetter-Apps mehr Informationen über das Internet als über das Wetter zu entlocken sind. Und richtig: Einer unüberschaubaren und durch die abweichende Funktionalität allein kaum zu rechtfertigenden Menge von Wetter-Apps steht eine fast ebenso große Zahl von Wetter-App-Testberichten gegenüber, die den User tränken wie ein unerwarteter Regenguss. Das Portfolio der Presseorgane bildet dabei einen polyphonen Chor der Aufmerksamkeitstrigger, die in ihrer Content-Verweigerung ein schönes Substitut für Wettergespräche selbst sind.

Eher technisch geht es erwartungsgemäß bei connect, »Europas größtem Magazin zur Telekommunikation«, zu, wenn es heißt, dass »das beim Deutschen Wetterdienst (DWD) seit einigen Jahren verwendete ICON-Modell […] trotz Hochleistungsrechner pro Vorhersagetag etwa acht Minuten Rechenzeit [benötige] und für eine 7-Tage-Prognose eine Datenmenge von rund 900 GB [erzeuge]« (8.5.2018). Wow! Investigativ gibt sich welt.de: »Manch einer hat es vielleicht schon geahnt: Die Wetter-Apps, die auf Smartphones vorinstalliert sind, liefern meist keine allzu genauen Vorhersagen – und lassen einen dann und wann unerwartet im Regen stehen« (3.5.2018). Noch unentschlossen ist man auf vodafone.de: »Intelligente und zutreffende Wettervorhersagen werden nicht zuletzt aufgrund des vermuteten Klimawandels immer schwieriger« (18.6.2018). Selektion und Sektion hilft pcwelt.de zu verbinden: »Wir haben die besten Android-Wetterfrösche im Play Store auf Herz und Nieren getestet« (3.8.2018). Wie ein Beziehungsratgeber liest sich chip.de: »Plötzliche Wetterumschwünge sind immer ein wirkliches Ärgernis und oft ließe es sich vermeiden, von plötzlichen Schauern oder Kälteeinbrüchen überrascht zu werden« (20.12.2018). Passend dazu machte bild.de schon vor Jahren mit einer bäuchlings posierenden Bikini-Schönheit auf und warnte, horribile dictu, vor dem »Schmuddelwetter-Sommer« (15.8.2011). In dieses Horn stößt nun erneut Matthias Zimmermann von der »Augsburger Allgemeinen«, der uns die »große[n] Fragen des Alltags« nahebringen möchte, »die sich Millionen Menschen jeden Morgen stellen«. Dabei handelt es sich überraschenderweise nicht um die morgendlichen Frage-Klassiker ›Warum werde ich noch wach?‹, ›Wo bin ich?‹ oder ›Ist dies die Hölle einer anderen Welt?‹, sondern um pragmatische Knacknüsse wie »Jacke oder T-Shirt? Fahrrad oder Auto?« (16.9.2018) 

Und ist es nicht eigentlich egal? Denn zweifellos sind sämtliche Tests von der für Netzpublikationen aller Art notorischen Uneinheitlichkeit der Bewertungsmaßstäbe affiziert. Das adressierte Betriebssystem (Android oder iOs) scheint eines der verlässlicheren Kriterien zu sein, in etwa der Frage vergleichbar, ob man ein Handy in den Fingern hält oder ein Stück Holz. Die Unsicherheit der Prognose vergrößert sich, man höre und staune, mit dem prognostizierten Zeitraum. Und ja, die Art der Vorhersage beeinflusst die Exaktheit, wobei eine eher schwammige Aussage offenbar als genauer, weil schlechter falsifizierbar empfunden wird. Wichtig ist zudem, ob Wettermodelle aus den USA auch in Europa angewendet werden, was, ganz kontraintuitiv, problematisch ist, denn: andere Topografie! Unterm Strich zählen subjektive Faktoren, das heißt die Möglichkeiten der Personalisierbarkeit via Ortungsdienst, das Aussehen und die Bedienbarkeit. Es kann dies nicht der Ort sein, um derartige Trivialitäten zu diskutieren. Viel eher interessiert uns der Status der App als sogenannter Problemlöser. 

Es mag unterschiedliche Anwendungsbereiche geben, die eine spezifische Vorhersage notwendig oder wünschenswert erscheinen lassen. Wer früher den Seewetterbericht via Funkgerät abhören musste, wird sich über einen aktuellen Dienst freuen, der die nächste Kurz- oder Langwelle, die perfekte Böe zuverlässig vorausdeutet. Ihnen seien der Windfinder (aus Kiel), Windy (ein vormals Windyty benanntes »pet project« des tschechischen Entrepreneurs Ivo Lukačovič) oder der MSW Surf Forecast (magicseaweed.com) in die blondierten Locken geweht. Das finnische Untenehmen Wärtsilä vertreibt nicht nur neuerdings die App iSailor, sondern auch Seekarten und andere GPS-gestützte Navigationsmittel. Dann gibt es noch Yachting Weather (Esirion), Tidenkalender (z.B. den Tides Planner von Imray) und so weiter. Der Verdacht liegt indes nicht fern, dass die beschriebenen Anwendungen Daten liefern, die der landläufige Nutzer anders rubrizieren würde. Deshalb gibt es auch Unwetter-Apps wie Warnwetter (vom Deutschen Wetterdienst), RegenRadar und WetterRadar (beide wetteronline.de) oder bergfex/Wetter. Wem das Wetter egal ist, nicht aber die Vegetation, kann sich über die partiell pharmaindustriell gesponserten Apps Pollenflug-Vorhersage (Hexal), Pollen-Radar (Ratiopharm), Pollen-Alarm-App (Livocab©), Pollen (screencode), Pollenflug-Gefahrenindex (DWD), Pollen-Warner (DVGE), Klara – deine Pollenvorhersage (ALK e-com A/S), Pollen-News (Stiftung aha! Allergiezentrum Schweiz), Allergiehelfer und AsthmaApp (GlaxoSmithKline PLC) oder Husteblume (Techniker Krankenkasse) freuen. Es ist ein weites Feld. 

Die Relevanz von Wetter-Apps außerhalb spezialisierter Zusammenhänge – und das heißt auch: als Gegenstand diverser Wetter-App-Tests – ist derart gering, dass selbst das NDR-Satiremagazin »Extra 3« einen länglichen Beitrag über den »Wetter-App-Wahnsinn« (11.10.2017, via Youtube) produzierte, Punchline: »Ohne Wetter-App wärst du jetzt total falsch angezogen!« Wir sparen uns deshalb weitere Werbung – häufigster Testsieger ist die App WeatherPro (MeteoGroup) – und switchen gleich zum humorigen Fatalismus, hier in Gestalt der App What The Forecast?!! (Night Cat Productions), die das Unausweichliche mit unangemessener Direktheit kombiniert: »What a lovely evening. I sure hope you don’t throw up on a coworker« heißt es da, oder: »I’d love to tell you that the sun will come out tomorrow, but it might not. I’m no miracle worker.« Ebenfalls hilarious der schon vor Jahren von der Stiftung Warentest (06/2013) bemängelte Umgang der Apps mit den Daten der Nutzer, Hashtag GeräteidentifikationsnummerAnDrittfirmenSenden. 

Uns ärgert vielmehr, dass Wetter-Apps Gespräche über das Wetter scheinbar unnötig machen und uns Gespräche über Wetter-Apps aufzwingen, die doch nie mehr sein können als lückenhafte, schlecht recherchierte Artikel, verwackelte Snapshots digitaler Wolkenfronten, Passatwinde des Codings, Montgolfières meteorologischen Halbwissens. Warum also gibt es keine Wetter-Apps mit Kommentarfunktion, in die wir jeden Morgen in der S-Bahn unseren Unmut tippen können, weil wir wieder das T-Shirt angezogen haben, statt mit dem Fahrrad zu fahren? Wir wünschen uns Tweets pöbelnder Präsidenten, die sich ausschließlich mit dem Wetter auseinandersetzen. Halt, nein, die gibt es: »Brutal and Extended Cold Blast could shatter ALL RECORDS – Whatever happened to Global Warming?« (22.11.2018) Dann lieber ausgleichende Allgemeinplätze der ewigen Kanzlerin, wenn es regnet im Juli oder schneit im April: »Wir schaffen das!« Oder wie der User bozorblx unter den YouTube-Rewind 2018 schrieb: »jesus christ it gets worse every year«. 

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