Figuren auf dem Weg vom »Westen« zum »Western«
Eigentlich waren die Ausgangsbedingungen für den bis heute der Allgemeinheit bekannten Zahnarzt „Doc“ Holliday gut, als er sein Leben als Erwachsener begann. 1851 geboren als Sohn eines Apothekers, Pflanzers und Anwalts, ausgestattet mit einem akademischen Abschluss, dazu noch in einem Beruf, der im Amerika seiner Zeit sichere Nachfrage hatte – einem Leben im sich zunehmend zivilisierenden Land schien nichts im Wege zu stehen. Doch die damals verbreitete Tuberkulose griff in den Lebensentwurf des jungen Mannes ein, nötigte dem Erkrankten einen Umzug in den so anderen Westen des Landes auf, dem einzigen Rat folgend, den die damalige Medizin ihm geben konnte: Ein anderes Klima eröffne Heilungschancen!
Doch der Umzug bedingte auch eine Emigration in den „Westen“ der jungen Vereinigten Staaten, ein Gebiet, das noch weitgehend der Zivilisierung bedurfte, eine Region, die noch auf die Institutionen des Staates wartete, in einer Sozialordnung, die vor allem die Beziehungen sozialer Gruppierungen noch nicht regulierte und schon gar nicht kontrollierte. Es mag Schulen gegeben haben, Anfänge medizinischer Versorgung. Auch waren Anfänge einer wirtschaftlichen Nationalisierung, der Entstehung der Fleischindustrie und der Entstehung von Großranchen sichtbar, der Expansion der Baumwollproduktion in den Südstaaten, der Eisen- und Stahlproduktion im Norden, zudem erster Ausbeutung der Bodenschätze (ablesbar an den diversen Goldräuschen, die wiederum zu eigenen Migrationsbewegungen führten und die später zu eigenen Mythen wurden).
Weil vor allem die Frage des Gewaltmonopols nur unzureichend in soziale Realität umgesetzt war, lag aber die Aushandlung von Konflikten, die Durchsetzung eigener Interessen ebenso wie die Verfolgung von Kriminalität oft in den Händen der einzelnen Bürger. Die Sheriffs, Marshals, Friedensrichter, die es gab, waren oft gegenüber den lokalen mächtigeren Akteuren machtlos oder standen sogar in deren Diensten, als Handlanger der Grundbesitzer oder zahlreicher lokaler Clans, aber auch als Ganten von mobilen Gruppen krimineller Figuren. Ein Land der Männer, möchte man zudem meinen, weil Frauen in dieser Konfrontation lokaler Interessen nur eine marginale Rolle spielten.
Der heute meist sogenannte „Westen“ meint eine zivilisationsgeschichtliche Phase der West- und Mittelweststaaten der USA in den Jahren zwischen 1850 und 1900. Es wurde in der kollektiven Erinnerung zu einer Zeit der „Westerner“, individueller Figuren, die in dieser Zeit gelebt haben und deren Handeln als abenteuerliche Verstrickung in die Gegebenheiten der Zeit überliefert wurden. Auch wenn manche Figuren des Westerns erfunden wurden (wie „Tom Mix“), weisen diverse auf historische Vorbilder zurück. William H. Bonney /„Billy the Kid“ (mehrfacher Mörder) und „Pat Garrett“ (Sheriff), „Jesse James“ (Anführer einer Räuberbande), Robert Leroy Parker / „Butch Cassidy“ und Harry Longabaugh / „The Sundance Kid“ (Bank- und Zugräuber), John Chisum (Rinderbaron und Großgrundbesitzer), die Dalton-Brüder (Banditen), John Wesley Hardin (mehrfacher Mörder), Roy Bean (krimineller Richter) – interessanterweise sind Gangster viel häufiger auch im Western des 20. Jahrhunderts historischen Vorbildern nachgestaltet. „Verbrechen schafft Publicity!“ – die alte journalistische Regel galt schon in der Zeit des Westens und dessen Zeitungen und wurde in die Zeit seiner Legendarisierung weitergegeben.
Neben Pat Garrett ist Wyatt Earp eine der wenigen historischen Figuren, die – zumindest in den Filmen – als aufrechte Kämpfer für Recht und Ordnung gezeichnet worden. Es sind Jäger, Trapper, Scouts, manchmal Sheriffs, vielleicht auch Anführer eines Trecks, die den zivilisatorischen Kern der Besiedlung des Landes jenseits der frontier bilden. Es sind ungebundene Männer mit festen Prinzipien, die sich für das Gute, für die Unterdrückten und Wehrlosen einsetzen. Manche, die ursprünglich Siedler und deren Frauen von marodierenden Banden ermordet worden waren, werden zu Rächern, auf der Suche nach den Mördern manchmal selbst den Raum des Rechts verlassend. Sie folgen einem Modell des Individualismus, dem sogar das Recht auf Vergeltung zukommt. Sie zahlen oft den Preis der Einsamkeit, der Ortlosigkeit und einer latenten Tragik ihrer Lebensgeschichte. Auch Hollidays Leben ist durch eine ganze Kette von abrupten Einbrüchen gegangen. Immer wieder die Krankheit, der Alkoholismus, die Spielsucht; eher en passant: diverse Morde.
Hollidays Figur überlebte nur als Nebenfigur Wyatt Earps (abgesehen von dem biopicartigen Doc [1971, Frank Perry]), nur als Buddy des Helden, nicht als Protagonist. Und die tiefe Freundschaft zu Earp dient als Motivation dafür, dass er an Earps Seite den Konflikt in Tombstone ausfocht, seiner Position als Mann außerhalb des Gesetzes widersprechend (selbst in einem so programmatisch betitelten Western wie The Westerner [In die Falle gelockt, 1940, William Wyler]). Ob die beiden Männer durch eine latente schwule Beziehung miteinander verbündet oder ob sie „Freunde“ in einem romantischen Sinne waren, wie in einigen neueren Darstellungen behauptet wird, beruht wohl auf einem modischen Interpretationsschema, ist mit historischen Daten nicht zu belegen.
Holliday mag gelebt haben, aber er ist kein „Westerner“ im engeren Sinne der Bezeichnung. Dieser schwebt als eine der Helden-Figuren des fiktiven Westerns zwischen Mythos und Legende. Doch sind sie als Inkarnationen des Idealtypus verloren, wenn sie mit Kriminalität in Berührung kommen; selbst die Rächerfiguren müssen narrativ entlastet werden, weil sie mit gutem Grund andere umbringen. Nebenbei sei vermerkt, dass die Ambivalenz der Westerner-Figur auch ein Hintergrundthema vieler Western gewesen ist.
Im Western selbst wird die ambivalente Position zwischen Geschichte und Erfindung durchaus kolportiert; schon 1962 heißt es in The Man Who Shot Liberty Valance (John Ford): „When the legend becomes fact, print the legend!“ Als die journalistische und literarische Darstellung des Westen in den Jahren um 1900 entstand, deutet sich schon früh an, dass das entstehende Genre des „Westerns“ mythische Züge annehmen werde, als Bild einer Welt, in der gute den bösen Kräften entgegenstehen. Und es war auch schon absehbar, dass die Zeit des „Westen“ zur realen Geschichte gehört, dass aber deren Konturen immer mehr verwischen und zu einem diffus-imaginären Zwischending zwischen Geschichtsschreibung und Erfindung werden würden.
Im Übrigen endete die Zeit des „Westens“ selbst schon mit der Umwandlung von Geschichte in Unterhaltung. Figuren der Realgeschichte wurden zu Größen der Entertainment-Industrien. Der so achtsame Wyatt Earp, der später als Betreiber von Glücksspielsaloons, als Ausrichter von Pferderennen und als Grundstücksspekulant als reicher Mann in San Francisco lebte, war schon 1896 Ringrichter bei einem Kampf um die Boxweltmeisterschaft; er war befreundet mit mehreren Westerndarstellen. William S. Hart und Tom Mix, die Sargträger bei Earps Beerdigung 1929 waren, sind zwei Schauspieler der Frühzeit des Westerns, die in ihren Western-Rollen denkbar unterschiedliche Ausprägungen ihrer Figuren darboten, die bis heute als Pole angesehen werden können, entlang derer sich die „Guten“ des Spiels voneinander unterscheiden: Mix, der eine, als Mann ohne Selbstzweifel und überzeichneter Alleskönner, Hart, der andere, als oft als ambivalenter, bisweilen gebrochener Charakter, dessen Suche nach Identität und Rückhalt sowie Konflikte mit den eigenen, aber auch gesellschaftlichen Moralvorstellungen ihn immer wieder in Einsamkeit und Isolation führten.
Die Entertainisierung des Western gipfelt im Show-Business des Zirkus. Der Soldat und Revolverheld Wild Bill Hickock war bereits 1873 als Sprecher und Ansager der Wildwestshow von Colonel Sidney „Sid“ Barnett aufgetreten. Noch weiter ging der Bisonjäger William Frederick Cody, der unter seinem Westen-Namen „Buffalo Bill“ 1883 seine eigene Buffalo Bill’s Wild West Show gründete, für die er sogar einen Häuptling wie Sitting Bull als Darsteller gewinnen konnte. Robert Altmans Film Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull’s History Lesson (Buffalo Bill und die Indianer, 1976) ist auch eine Auseinandersetzung mit der Mythologisierung des Westens in den Western-Formaten der Unterhaltung; er geht sogar so weit, die Figur des „Buffalo Bill“ selbst als eine Erfindung zu befragen.
Und man mag auch fragen, ob die wenigen Frauenfiguren des klassischen Westerns wie Martha Jane Cannary Burke / „Calamity Jane“, die ab 1893 in Buffalo Bills Show als Reiterin und Kunstschützin auftrat – eine Beziehung, die in dem Film Calamity Jane (Schwere Colts in zarter Hand, 1953, David Butler) von Doris Day dargestellt wurde; oder Phoebe Ann Mosey / „Annie Oakley“, die seit 1885 fast 17 Jahre lang als Kunstschützin ebenfalls in der Buffalo-Bill-Show beschäftigt war und der bereits in den 1950ern eine eigene TV-Serie gewidmet wurde (Annie Oakley, 1954-56, gespielt wurde die Titelrolle von Gail Davis), ohne ihre Engagements im Showgewerbe überhaupt noch bekannt wären. Dass Oakley zu einer historischen Ikone der Frauenrechtsbewegung wurde, ist erst ihrer Wiederentdeckung in den 1960ern zu danken, weil die Figur nun an Diskurse angeschlossen werden konnte, die mit traditioneller Westerngeschichte nur entfernt zu tun hatten.
[*] Der Text entstand anlässlich der Filmo-Bibliographie „Doc Holliday“, online erschienen als Medienwissenschaft: Berichte und Papiere, 216, 2026.