Joss Paper Pop in Hong Kong
von Maren Lickhardt
03.03.2026

Gaben für die Ahnen

Es dürfte bekannt sein, dass den Ahnen unter anderem in kantonesischen Erinnerungsritualen durch Verbrennen Gaben dargebracht werden. Die westliche Interpretin jedenfalls erachtet es als plausibel, dass es um das Versenden geht und dass das Überführen von fester Materie in Rauch eine metaphysische Transzendierung bedeuten oder symbolisieren soll. Allerdings ist Vorsicht geboten. Fragt man Locals in Hongkong, warum sie welche Gegenstände verbrennen (Räucherstäbchen, Weihrauch, Joss Paper), erhält man uneindeutige bis widersprüchliche Antworten. Werden Ahnen oder Gottheiten adressiert? Wird der Rauch als Essenz des Verbrannten verstanden? Oder dient er als Kommunikationsmedium für gute Wünsche an die Adressierten und Bitten für sich selbst? Oder geht es gar nicht um das Gegenüber und einen ‚Transport‘, sondern um das Bewusstwerden von Erinnerungen und Wünschen seitens der praktizierenden Personen? Aber um diese Fragen zu erörtern, bin ich nicht kompetent und liegt der Artikel nicht vor.

Interessant im vorliegenden Kontext ist die Gestaltung des Joss Papers. Traditionell besteht Joss Paper aus (symbolisch) verziertem Bambus- und Reismaterial, das mehr oder weniger kunstvoll gefaltet und verbrannt wird.

© für sämtliche Fotografien: Maren Lickhardt.

Das Falten impliziert eine skulpturale Dimension, auf die zurückzukommen sein wird. Dass Joss Paper mehr oder weniger für Geld steht (wobei Geld natürlich wieder für etwas anderes steht, und das zu erörtern wäre nun wirklich zu kompliziert), zeigt sich nicht nur in der ebenfalls geläufigen Bezeichnung Ghost Money, sondern darin, dass es anstelle des traditionellen Joss Papers auch das so genannten Hell (oder Heaven) Money gibt. Dadurch dass Hell Money wie Spielgeld konkrete Werte ausweist, wird der Aspekt des quasi-materiellen Schenkens ästhetisch dominant. In meiner kindlichen, westlichen Vorstellung sehe ich die Ahnen gut mit den ins Immaterielle verflüchtigten Symbolen eines symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums versorgt.

Neben dem Hell Money gibt es auch Gaben. Man kann in Kennedy Town in kleinen Geschäften, in denen man kein Englisch spricht, Räucherstäbchen, Weihrauch und traditionelles Joss Paper kaufen; außerdem natürlich Hell Money und darüber hinaus Papp-Gegenstände zum Verbrennen. Da bei diesen der skulpturale Aspekt wieder zum Tragen kommt, scheint sich ‚Geld‘ wieder zu materialisieren, selbst wenn auch die Papp-Statuetten die Gaben substituieren, die teilweise im Original nicht teurer wären als jene, wenngleich nicht brennbar. Es liegt ein vielstufiger Prozess des Ersetzens, Signifizierens und Stilisierens vor.

Das Geschäft, in dem ich über die Jahre bereits mehrfach war und dessen Betreiberin mich wieder erkennt (die, die kein kantonesisch spricht), betreibt seine Angelegenheit mit Ernsthaftigkeit und Pietät. Umso merkwürdiger wirkt es, wenn die Betreiberin heiter und flapsig das Sortiment vorführt und wohlwollend und aufmunternd lächelt, wenn ich fotografiere. Trotz Google Translator gelingt es nicht herauszufinden, wie sie zu diesen Gegenständen steht. Allerdings würde sie es mir wohl auch nicht verraten, weil sie sie schließlich verkauft, und ihr ist es ganz offenkundig egal, warum ich sie kaufe.

Die Pappgegenstände dienen dazu, anstelle von Geld, das ja an die Stelle von etwas tritt, etwas zu verbrennen. Essen ist in dem Kontext traditionell wichtig, wobei auch für das leibliche Wohl von Hunden und Katzen gesorgt wird. Süßigkeiten und Zigaretten dürfen nicht fehlen, und auch Körperpflege sollte im Jenseits nicht zu kurz kommen. An Schmuck ist ebenfalls gedacht. Kommunikation und Fortbewegung wird nicht vergessen. Freizeitvergnügungen spielen eine Rolle. Neben Mahjong-Steinen kann auch gleich ein ganzer Tisch in Miniatur mit Mitspieler:innen ‚versendet‘ werden. Das Gedenkritual dupliziert alle denkbaren Aspekte des Lebens, um sie (so die wiederum westliche Interpretation) ins Jenseits zu projizieren, das dadurch als Heterotopie erscheint. Manches im Sortiment mag merkwürdig anmuten, aber warum sollte das Jenseits nicht mit der Zeit gehen? Zwar sind Ahnen unzählige Jahre ohne Handys und Autos ausgekommen, aber da waren sie das ja auch noch nicht aus dem Diesseits gewohnt.

Nun bleibt es aber nicht bei unbestimmten Gegenständen, sondern es werden konkrete Marken nachgebildet. Und nur deshalb liegt dieser Artikel vor. Man kann z.B. ein ganzes Apple-Set kaufen. Mit Mordldaro und Lvcky Stplke stehen nicht irgendwelche, sondern erkennbar bekannte Zigaretten-Marken zur Verfügung. Außerdem ist einiges aus dem Sortiment von McDonalds zu haben, ebenso von Ferrero, dessen Produkte auch die Lebenden in Hongkong besonders gern zu essen scheinen, wenn man die Berge an Goldkugeln in Läden bedenkt.

Und was wäre das imaginierte Leben nach dem Tod ohne Fashion-Labels? Man erkennt Gucci-Logos sowie Coach- und Louis Vuitton-Muster usw. usf. Die hübschen Hahnentritt-Schuhe waren vor nicht allzu langer Zeit Bestandteil einer Chanel-Kollektion.

 

Es passt (nicht nur) zur kantonesischen Kultur, dass Konsum, Hedonismus, Wohlstand und das Anzeigen von Wohlstand im skizzierten Kontext eine Rolle spielt. Dass dabei westliche Insignien der Disktinktion eingesetzt werden, verwundert ebenfalls kaum an einem Ort, an dem auch unter den Lebenden keine Logo- und Labelscheue zu konstatieren ist. Die weiteren pop-kulturellen Interpretation des Sortiments überlasse ich den kompetenten Leser:innen. Die kleine Bildergalerie spricht im Grunde für sich.

Ich habe mir aus dem Sortiment die Louis Vuitton-Tasche ausgesucht, obwohl ich hoffe, dass man meiner später mit einer grauen Lady Dior in Lammleder mit silberner Hardware gedenkt. Aber ich glaube nicht, dass ich mit ihr in ein Flugzeug steigen kann. Ich fühle mich mit ihrem Kauf vermutlich erst wieder gut, wenn ich sie noch vor Ort pietätvoll verbrannt habe, obwohl ich mir sicher bin, dass die Betreiberin des Geschäfts mich jetzt ein bisschen auslachen würde.

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