Tennis im Lockdown
von Christoph Ribbat
20.9.2023

TV-Konserven

[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 17, Herbst 2020, S. 97-101]

Sie werden den Weg aus der Krise zeigen: Stanislas Wawrinka, Stefanos Tsitsipas, Serena Williams und Justine Henin. Aber erst einmal ist da dieses schwer an der Seele reißende Bedürfnis. Mit dem Lockdown ist es gekommen. Es handelt sich um eine schmerzhafte Sehnsucht nach großen und intensiven Erzählungen von Mitmenschlichkeit. Anscheinend braucht man im Covid-19-Eingesperrtsein narrative Bestätigung für das, was man mitmacht bzw. unterlässt. Man verlangt nach dem Gesicht des Anderen, dem gegenüber man mehr von sich verlangt (so Emmanuel Levinas in »Schwierige Freiheit«).

Netflix und Amazon Prime stillen den Hunger nicht. Zu viele »How to write for TV«-Tricks: Leute werden dort nur deshalb heldenhaft, damit Akt I endlich in Akt II übergehen kann. Angela Merkels Fernsehansprache befriedigt kurz, als sie den Leuten an der Supermarktkasse und den Regaleinräumern Respekt zollt: Das seien »Menschen«, so Merkel, »denen zu selten gedankt wird.« Schnief. Aber man braucht mehr als Textbausteine. Man will menschliche Größe erleben, sie sinnlich spüren.

Eurosport liefert das, welch eine Überraschung, in seiner staubigen Ecke des TV-Senderdurchlaufs. Dort unabsichtlich hineingeklickt und plötzlich in einem Tennisspiel gelandet. Stade Roland Garros, Paris, 16. Arrondissement, French Open, Achtelfinale, Wawrinka gegen Tsitsipas. Häh? Tennis? Jetzt? Ach so: altes Spiel. 2019. Wawrinka mit einer entweder extrem sonnenverbrannten Nase oder mit roter Sonnencreme. Beides wäre gleich skurril. Tsitsipas ein griechischer Halbgott, aber wirklich. Spieldauer beim Einschalten: über vier Stunden. Was für ein Kampf. Wawrinka könnte Tsitsipasʼ Vater sein – wenn die Sexualaufklärungsprogramme in der Romandie einen gewissen frühreifen 13-Jährigen nicht erreicht hätten. Aber im Moment sieht er wirklich so aus: wie des hehren Hellenen müder Erziehungsberechtigter. Er ist fertig, Tsitsipas begnadet.

Was für ein Genuss, sie anzuschauen. Und wie einfach, sich zu identifizieren. Kein Sport entspricht dem Lockdown wie Tennis. Da ist all dieser Raum um die Akteure herum, die eindeutige Abtrennung voneinander, die Signifikanz sich ständig ändernder Zahlen. Positiv oder negativ, Vorteil oder Einstand, und im nächsten Moment folgt schon ein weiterer Test und noch ein Ergebnis. Kaum ein anderer Sport zeigt, wie großartig, so viel Intimität. Endlich sieht man wieder Menschen aus nächster Nähe. Eurosports Aufzeichnung verrät alles über die Körper der Spieler, die Gesichter, jeden Tick, jeden Ausdruck von Niedergeschlagenheit, Optimismus, Schmerz, Konzentration. So richtet der Aufschlagende die Saiten (die, davon kann man ausgehen, nicht gerichtet werden müssen). So schwitzt er. So empfängt er ein Handtuch, wischt sich übers Gesicht, wirft es wieder zurück. So nimmt er die Bälle entgegen. So wartet der Empfänger auf den Serve.

Stan Wawrinka trägt den Beinamen »Stan the Man«. Der Eurosport-Kommentator sagt, dass er als »Intellektueller« der Tenniswelt gelte. Wawrinka hat ein Beckett-Zitat auf dem Unterarm tätowiert. Es ist leider nicht die originellste Sentenz, sondern die, von der jeder weiß, dass sie in »Fail again. Fail better« mündet. Wawrinka versagt jetzt allerdings wirklich besser, ziemlich viel besser, während Tsitsipas leichte Fehler macht, zu viel Energie aufwendet, Bälle ohne Not einige Zentimeter ins Aus drischt. Der Grieche fliegt einem Passierball hinterher, erwischt den Ball noch mit dem Schläger, aber bringt ihn nicht übers Netz. Er wälzt sich in der Asche. Später, Matchball für den Schweizer, drängt ein Tsitsipas-Cross Wawrinka ganz nach außen, in der Tat fast unmöglich weit nach außen, und Wawrinka gelingt es gerade noch, den Ball mit der Rückhand über das Netz zurückzuspielen. Der aufgerückte Tsitsipas lässt den Schlag, anscheinend absichtlich, weil er denkt, dass er ins Aus gehen wird, passieren, und der Ball landet auf der Linie oder daneben. Tsitispas deutet mit seinem Schläger auf den Boden und will damit belegen, der Ball sei jenseits der Markierung aufgekommen. Der Schiedsrichter steigt vom Stuhl, geht nachschauen, beugt sich hinunter zur Linie, richtet sich wieder auf, gibt den Punkt für Wawrinka, entscheidet so das Spiel. Der Sieger steht am Netz und hebt die Arme. Sein Gegner, gefangen in seiner selbstverschuldeten Unzufriedenheit, tritt auf ihn zu.

In das Frühjahr 2020 bricht die folgende Szene mit einer Macht ein, als würde Aretha Franklin eine Schrebergartenlaube betreten und »A Change Is Gonna Come« singen. Wie Wawrinka Tsitsipas in den Arm nimmt: Der mittelalte Schweizer, smart, aber kein Halbgott, herzt den frustrierten Griechen. Die Asche klebt noch auf Tsitsipasʼ verschwitztem Rücken und Wawrinkas Hand liegt genau in dieser Körperregion, auf dem verdreckten Trikot in der Farbe der Ägäis, und man sieht irgendwie, dass Tsitsipas die Umarmung eigentlich gar nicht richtig will, zumindest nicht so eng und so lang, wie sie jetzt andauert, aber Wawrinka hält ihn, drückt ihn, spricht mit ihm, tröstend, so ist es wohl. Sie drehen bei, Richtung Schiedsrichter, und Wawrinka hat noch eine Weile den Arm um die Schulter des Griechen und lässt dann los. Darstellung menschlicher Größe. Genau das war es, was fehlte.

Mehr davon benötigt. Also bei der nächsten Gelegenheit zu Eurosport zurückgekehrt. Nun eine Zeitreise in das Jahr 2003. Halbfinale, wieder Paris, Serena Williams gegen Justine Henin, zu diesem Zeitpunkt noch: Henin-Hardenne. Und wieder ein dramatischer Konflikt. Das Publikum ist auf Seiten der Belgierin. Es wird unangenehm viel gebuht. Besonders missgünstig klingt die Menge, wenn Serena Williams Linienrichterentscheidungen korrigiert. Sie hat jedes Mal recht, jedes Mal, und der Schiedsrichter gibt ihr auch jedes Mal recht. Aber die Leute auf den Rängen von Roland Garros buhen dennoch. Sie applaudieren auch, entgegen guter Tennis-Sitten, wenn sie einen Aufschlag ins Netz setzt. Williams macht das, was richtig ist. Sie kämpft für faire Behandlung. Das gefällt den Leuten hier nicht. Sie ist eine afroamerikanische Frau und spielt gegen eine weiße Gegnerin, und das sie anfeindende Publikum ist in seiner großen Mehrheit weiß. Hat das eine Bedeutung? Es ist schwer, sich vorzustellen, dass es keine hat. Und dann schlägt Williams auf, ins Netz, also wieder Jubel in Paris – aber während des Aufschlags hatte Henin die Hand erhoben, um anzuzeigen, dass sie noch nicht fertig sei. Was heißt, dass Williams einen ersten Aufschlag bekommen müsste. Sie erhält aber nur einen zweiten Aufschlag. Sie teilt dem Schiedsrichter mit, dass Henin die Hand oben gehabt habe. Der sagt zu Williams: »I didnʼt see that« und dreht seinen Kopf zu Henin. Um der Welt ihre menschliche Größe zu zeigen, könnte diese nun andeuten, dass es wohl tatsächlich ein erster Aufschlag sein sollte. Dass ihre, Henins, Hand oben war. Wie es ja auch die Bilder dokumentieren. Der Schiedsrichter, Serena Williams und mindestens ein Lockdown-Insasse zu Besuch aus dem Jahr 2020, schauen auf Justine Henin und warten auf eine Geste der Fairness.

Man muss annehmen, dass Serena Williams in diesem Moment an jene Partie in Indian Wells denkt, zwei Jahre zuvor, als sie es ebenfalls mit einer Belgierin zu tun hatte, Kim Clijsters, und mit einem extrem feindseligen Publikum. Weil im Halbfinale des Turniers ihre Schwester Venus kurzfristig zurückgezogen hatte (verletzt, was ihr niemand geglaubt hatte), buhten die Leute sie, Serena, im Finale von Anfang an aus. Man schrie, sie solle doch nach Compton zurückgehen. Man rief das N-Wort. Sie war 19 und wollte nur Tennis spielen und ein fast ausnahmslos weißes Publikum, in einem der elegantesten Städtchen Kaliforniens, attraktiv seine Golfplätze, edel seine Hotels, wollte diesen Teenager aus bescheidenen Verhältnissen um jeden Preis verlieren sehen. Also saß sie in einer Pause beim Seitenwechsel auf ihrem Stuhl und weinte, ob der Ungerechtigkeit, des Rassismus, der Gemeinheiten, und dann aber betete sie, Serena Williams, Zeugin Jehovas, und sagte laut zu sich selbst: »Jehovah, gib mir die Kraft, von diesem Stuhl aufzustehen. Gib mir die Kraft, dieses Spiel zu Ende zu spielen. Gib mir die Kraft durchzuhalten.« Sie gewann das Spiel und damit das Turnier. In der kleinen Ansprache, die Turniersiegerinnen noch auf dem Platz halten müssen, bedankte sie sich bei ihrem Vater und bei Venus und bei den paar Leuten auf den Rängen, die sie trotz allem angefeuert hätten. Und fügte dann hinzu: »And to those of you who didnʼt: I love you anyway.«

Was signalisiert Justine Henin nun, 2003, in Paris? Noch nichts. Sie steht an der Grundlinie und schaut diszipliniert bis ausdrucklos nach vorn. Serena Williams schreibt in ihrer Autobiografie »My Life: Queen of the Court« von Martin Luther Kings berühmten Worten über die Wahrheit, die zwar unterdrückt werden könne, aber wieder aufsteigen werde, und über den weiten Bogen des moralischen Universums, der sich schließlich, irgendwann, doch zur Gerechtigkeit biege. Diese Sätze, so Williams, hätten sie tief beeinflusst. Henin hat sich möglicherweise weniger intensiv mit den Zukunftsvisionen der Bürgerrechtsbewegung auseinandergesetzt. Ja, sie könnte anzeigen, dass es der erste Aufschlag Williamsʼ sein müsste. Aber sie zeigt nichts an. Folglich zählt dieser Aufschlag als der zweite Aufschlag, und das setzt eine Dynamik in Gang, an deren Ende Henin die Partie gewinnt, die Menge jubelt, und Serena Williams wohl das Reservoir für menschliche Größe als erschöpft betrachtet. Sie hat nur einen sehr dürren Handschlag für ihre Gegnerin und erst gar keinen, dann doch noch einen für den Schiedsrichter.

Aber das Tennis vergangener Epochen bringt noch mehr zu Tage: mehr dringend benötigte spirituelle Monumentalität. Sie kommt vom hadernden Halbgott Tsitsipas, der in der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Wawrinka sein makelloses, aber unendlich trauriges Gesicht auf eine seiner Athletenhände stützt und über die Tränen spricht, die ihm nach der Partie gekommen seien und über die er erst einmal nachdenken müsse. Lange, sagt er, habe er nicht mehr nach einem Spiel geweint. Noch eine Weile später wird Wawrinka dann einen Essay schreiben. Er wird ihn auf Instagram posten. Der Text erkundet, was er jetzt, durch diese Niederlage, erst verstanden habe. »Heute«, so Tsitsipas, »war es das erste Mal in meinem ganzen Leben, in den zwanzig Jahren meiner Existenz, dass ich die ›Aura‹ des Wettbewerbs gespürt habe, in der realen Definition dieses Worts.« Weil er ihm diese Lektion ermöglicht habe, dankt er Stanislas Wawrinka, seinem siegreichen Kontrahenten. Was großartig ist: eine wirklich schöne Geste. Aber man sollte auch Stefanos Tsitsipas danken. Enorm attraktiven Tennisprofis wie ihm wird viel zu selten gedankt.

 

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