TV-Krimis. Tod und Abwechslung
von Thomas Hecken
12.9.2023

Jeden Tag im populären Fernsehen: »Tatort«, »SOKO«, »Bones – Die Knochenjägerin«,  »Das Böse im Blick« etc.

[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 17, Herbst 2020, S. 57-65]

Krimis, oftmals in Serienform, zählen zu den meist eingeschalteten Sendungen des deutschen Fernsehens. Das ZDF verdankt ihnen zu einem guten Teil seine Marktführerschaft beim Gesamtpublikum. Sogar in der für die Werbeindustrie wichtigen Zielgruppe der 14-49-Jährigen liegen die Quoten für einige öffentlich-rechtliche Krimis hoch, obwohl diese jüngeren Zuschauer ›nur‹ 138 Minuten lang am Tag den Fernseher anstellen, die über 50-Jährigen hingegen gute fünf Stunden (Stand 2019).

Zwar erzielte z.B. der seit über zehn Jahren äußerst erfolgreiche »Tatort« zuvor mitunter geringere Einschaltzahlen, dennoch geht der hohe Quotenrang der TV-Krimis auf keine unbedingt neue Entwicklung zurück. Bereits in den 1970er Jahren waren entsprechende ZDF-Serien beliebt, etwa »Derrick« mit einer Mordkommission, die unaufgeregt in München (nicht selten in Villen) ihren Fall abarbeitete, routiniert abgedreht mittels beständiger Schuss/Gegenschuss-Montage, aber oft aufgelockert durch choreografierte Bewegungsfolgen der Sprechenden (Sitzen, Aufstehen, Herumgehen, Kreuzen, Über-die-Schulter-Schauen), zeitgemäß durch Zooms und rasche Schwenks intensiviert sowie durch Kammerspielpsychologie aufseiten der Verdächtigen dramatisiert, ohne jedoch regelmäßig Einblick in das Privatleben Derricks oder gar seiner Kollegen zu gewähren, die in kargen, aus heutiger Sicht zellenartigen Büros Befragungen durchführen; die Tristesse der Verbrechen geben sie ans Habitat ab, selbst innerlich unberührt. Für Sicherheit und Ordnung sorgt auch die Hierarchie: Oberinspektor Derrick als Vater, der Assistent als Sohn, die anderen Beamten Handlanger ohne Eigenleben.

»SOKO 5513« spielt seit der ersten Ausstrahlung 1978 ebenfalls in München. 2016 vom ZDF umbenannt in »SOKO München«, kann man an der Serie gut den Unterschied zur älteren, bundesdeutschen Krimiwelt erkennen. Jetzt gibt es ein umfangreicheres ›Team‹, das Patriarchat bleibt bei der Ermittlung nicht mehr unter sich, sondern lässt eine ganze Reihe an Kolleginnen zu. Dadurch ergibt sich für die Komposition eine neue Möglichkeit der Auflockerung: Die Gruppenszenen teilt die Montage häufiger in Einstellungen von zwei oder drei nebeneinanderstehenden oder leicht versetzt platzierten Personen auf. Der oft gehörte Vorwurf, für die Produktion der Folgen stünden im Fernsehen grundsätzlich zu wenige Drehtage zur Verfügung, kann nicht ganz stimmen, die Abfolge Schuss/Gegenschuss wird noch durch andere, zeitkostende Elemente durchbrochen, heutzutage sind es vorwiegend weitere Perspektiven auf die jeweils Sprechenden, teils von einem festen Standpunkt aus, teils von einer Kamerabewegung erzeugt, beides höchstwahrscheinlich erleichtert durch die Steadicam, auf deren Konto wohl auch regelmäßig eingesetzte leicht unruhige, Asymmetrien begünstigende Kadragen gehen. Zum Zwecke der Verfremdung werden diese Gestaltungsmittel nie eingesetzt, sie dienen aber auch nicht stets der Spannungserzeugung (etwa um das gefährlich Unüberschaubare einer Situation anzuzeigen). Früher hätte man deshalb kritisch von ›Formalismus‹ gesprochen; ›Abwechslung‹ trifft es in einer »Pop«-Zeitschrift sicher besser.

Rein nach Kostenkalkül geht es auch sonst nicht zu. Das ZDF stellt »SOKO München« im Laufe des Jahres 2020 ein, trotz unverändert erstaunlich guter Quoten, das zeigt den Eigensinn von Redaktionen und Direktoren. Vom Sender heißt es zur Begründung, zum Programmauftrag gehöre die »Entwicklung von Neuem« – der Sendeplatz soll von »SOKO Hamburg« und »SOKO Potsdam« übernommen werden. Es gibt auch »SOKO Köln«, »SOKO Stuttgart« usf. Letztere läuft seit 2009 und weist bereits fast 400 Folgen auf. »SOKO München« kommt auf knapp 700 Episoden in mehr als 40 Staffeln. Hier allein lauert Stoff für viele dutzend Doktorarbeiten. Ins beinahe Unendliche steigert sich das, wenn man die komplette Krimi-Ausstrahlungszahl eines Jahres zu erfassen versucht. Bereits bei den deutschsprachigen Serien übersteigt die Ziffer mühelos die Hundert, wer will die Folgen zählen oder messen?

Neu kann demnach bloß die Ausgestaltung des Krimis sein, nicht die generelle Ausrichtung. Die einfache Möglichkeit, Krimis im Programm vollständig durch andere Formate zu ersetzen, bleibt ein leeres Gedankenspiel, so stark beherrscht das Genre in der Gegenwart den Alltag von unzähligen Schauspielern, Kameraleuten, Drehbuchautoren und Zuschauern. Monotonie muss das aber nicht bedeuten. Die Fülle an Filmen, Serien und Episoden legt die Möglichkeit sehr nahe, auch einmal Ungewöhnliches zu bieten, schon um für Aufmerksamkeit zu sorgen. Schlichtweg alle physikalisch brauchbaren Objekte müssen deshalb damit rechnen, als Tatwerkzeug Eingang in die fiktionale Welt zu finden. Der digitale Fortschritt erlaubt es, seltsamste Tathergänge recht anschaulich zu rekonstruieren; die stark angewachsene Bedeutung von Pathologen und Forensikern in TV-Krimis verdankt sich nicht nur dem medizinischen und biochemischen Wissenszuwachs, sondern auch der Attraktivität solcher Computer-Modelle; nicht ganz ohne Charme demonstriert in »Bones – Die Knochenjägerin« (deutsch synchronisiert auf Vox).

Doch nicht genug mit den sorgfältig differenzierten und erkundeten Todesarten und Mordwerkzeugen. Auch kein Milieu bleibt verschont, selbst das eigenartigste Motiv erfährt Berücksichtigung, jeder Charakter darf sein von Psychologen und anderen ausgreifenden Humanwissenschaftlern unterstelltes Tatpotenzial unter Beweis stellen. Das kriminalistisch Ungewöhnliche ist das televisionär Alltägliche. Angesichts der Lage auf dem Fernsehmarkt gehört es wahrscheinlich mit zur ersten Überlegung bei Produktionsfirmen, Drehbuchautoren und Regisseuren, ob ein als interessant eingestuftes Sujet nicht auch in Krimiform erzählt werden könnte. Dadurch gerät jeder Typ, jede soziale Gruppe, jede Handlung, jede Absicht (besonders jene, die auf eine Änderung des Gegebenen drängen) fiktional unter begründeten Verdacht, mörderisch zu wirken und tödliche Folgen zu besitzen. Wegen der immensen Zahl an Krimis streben die TV-Inventare bei all diesen Punkten zur Enzyklopädie, haben teilweise vielleicht sogar bereits Vollständigkeit erreicht.

Umso mehr fällt auf, dass Krimis in einem popkulturellen Sinn als Ausfall eingestuft werden müssen. Falls unter Pop bzw. Popkultur ein Zusammenhang von Oberflächlichkeit, Funktionalität, Konsumismus, Äußerlichkeit, Künstlichkeit und Stilverbund verstanden würde (dazu der Beitrag »Pop-Konzepte der Gegenwart« in Heft 1 dieser Zeitschrift), müsste man den heutigen TV-Krimis vor allem den Mangel an letzterem bescheinigen. Ein Stilverbund wie z.B. der rund um »Miami Vice« oder der ältere von Coolness, lakonischen Sprüchen, Barmusik, Trenchcoat, vorgeblichem Zynismus, Männlichkeit, der nicht nur Chandler-Romane, Bogart-Filme, Woody-Allen-Reprisen prägte, sondern Teil der Alltagskultur bis hin zum New Wave war, fehlt ihnen. Woran sie teilhaben, sind allenfalls bereits durchgesetzte Konfigurationen von Charakteren oder sozialen Stereotypen, etwa ›bodenständige Kumpel‹ und ›exzentrische Professoren‹; mit dem Alltag sind sie durch eigene Prägungen materieller Kultur aber nicht verbunden, ihr größter Beitrag dazu war schon die ›Schimanski-Jacke‹. Als kulturelles Archiv eignet sich der Fernsehkrimi darum bloß eingeschränkt, auch wenn seit den Zeiten von »Der Kommissar« Jugendszenen zuverlässig zum Bestandteil mörderischer Handlungen zählen (illegale Drogen! – existenzielle Traurigkeit?).

Eine Pop-Orientierung verhindert zudem die legere, unauffällige Ausstattung der Ermittler, selbst jener, die gar nicht ›undercover‹ agieren. Da sie alle weder Uniform tragen noch speziell designte Autos fahren, mangelt es an vielen Möglichkeiten, mit der ostentativen Künstlichkeit der Macht und ihren Zuschreibungen zu spielen, sei es in Form traditioneller fetischistischer Erotik, sei es in Form neuerer queerer Aneignungen. Die allermeisten TV-Krimis gehen hier unbeirrt den Glaubensvorstellungen des Normalen und Gemäßigten nach, schrullige Ausnahmen bleiben der Krimikomödie oder Nebenfiguren vorbehalten.

Rein bei der Macht bzw. einer als neutral geltenden Instanz des staatlichen Gewaltmonopols verweilen die Krimis dennoch nicht (abgesehen von humoristischen Varianten wie der immer noch in ARD-Programmen häufig wiederholten Erfolgsserie »Mord mit Aussicht«). Statt durchgehend zu zeigen, wie die Polizei einen Fall aufklärt, sind in die Krimis regelmäßig Szenen einmontiert, die Opfer oder Täter bei ihrem gefahr-, gewalt- oder leidvollen Leben für einige Zeit begleiten, ohne dass die Polizei dabei anwesend wäre und helfen könnte. Die Unsicherheit aufseiten der Zuschauer kann aber bei Serien insofern nicht sehr stark anwachsen, als sie wissen, dass die Beamten selbst bedrohliche Situationen überstehen werden, schließlich wartet in sehr vielen Fällen die Fortsetzung schon auf ihre Ausstrahlung.

Mit der Fortsetzung erweist sich allerdings auch die Vergeblichkeit kriminalistischer Bemühungen. Selbst die durchgehend erfolgreiche Fallaufklärung übt keine Abschreckung in der TV-Welt aus, die nächste Folge offenbart mit fataler Konsequenz und Regelmäßigkeit die nächste Straftat. Polizisten und mit ihnen die Zuschauer können immerhin Befriedigung daraus ziehen, den Fall gelöst zu haben, ein Täter wird am Ende festgestellt, zumeist auch sein Motiv. Aus Sicht der anderen Betroffenen fällt die Gesamtdiagnose jedoch ebenso klar wie negativ aus: Die Toten sind bei Aufnahme der Ermittlungen tot, und die Überführung des jeweiligen Täters verhindert nicht den nächsten Mordfall. Vielleicht ist das ein Grund für die Attraktivität von Serienmördern für TV-Krimis; hier verhindert die Festnahme des Killers zumindest weitere Taten derselben Person.

Ohne verdächtigen Todesfall scheint ein TV-Krimi nicht denkbar. Wochen oder Monate ohne Mord oder Totschlag, in denen das Kommissariat seine Zeit mit anderen Dienstaufgaben füllt, bilden nie den Inhalt einer Folge. Die fiktionalen Episoden prägt darum fast immer eine feste Abfolge: evtl. Vorgeschichte, Todesfall, Aufnahme der Polizeiarbeit, Abschluss der Ermittlung. Dieser starre Ablauf erlaubt jedoch in seinen drei oder vier Abschnitten eine enorme Zahl an Varianten. Jede Serie besitzt folgerichtig ebenfalls die Möglichkeit, über die ermittelnden Personen und ihre Eigenschaften hinaus in der erzählten Welt weitere Invarianten zu etablieren. Je häufiger sie vorkommen, desto stärker dürften in der Serie die Wiederholungen hervortreten – und da die Toten und die Täter (erfolgreiche Überführung vorausgesetzt) immer neue sein müssen, verblassen sie auf längere Sicht, besitzen vielleicht sogar während der laufenden Folge nebensächlichen Status, weil die bereits gewohnten Ticks der Ermittler, vertraute Handlungsorte, fortgesetzte polizeiinterne Konflikte etc. sie an den Rand schieben  – oder sie treten im Gegenteil eventuell spektakulär in der einzelnen Episode hervor. Da es aber so viele unterschiedliche Krimis gibt, die zur gleichen Zeit produziert werden, dürfte ein Vielseher in erster Linie die oft gezeigten Invarianten im Gedächtnis behalten.

Gesteigert wird das noch durch die permanente Wiederholung der Serien. Bei den Regionalsendern, ZDF-Ablegern und den kommerziellen Anbietern kann man sich täglich in die Ermittlungsarbeit der letzten zwanzig, dreißig Jahre einschalten. Für eine differenzierte Bilanz der inhaltlichen und gestalterischen Unterschiede eignet sich diese Gleichzeitigkeit neuer und alter Folgen jedoch wenig, falls man im Bann der digitalen Innovation steht. Zwar verfügen einige alte Serien sicherlich über Retro-Appeal, die meisten sehen aber gemessen an den neuen, farbenprächtig und tiefenscharf glänzenden Produktionen derart schäbig aus, dass die Erkenntnis, wie rückständig und dumpf selbst die jüngere Vergangenheit beschaffen gewesen sein muss, alles andere überstrahlen kann (zumindest wenn die aktuellen Folgen nicht hauptsächlich in Büros, Fluren und kleinen Wohnungen spielen).

Ausgenommen von diesem Befund sind manche Crime-›Doku‹-Serien wie »Murder She Solved – Frauen auf Täterjagd« (Super RTL) und »Das Böse im Blick – Augenzeuge Kamera« (Sixx), in denen die Schäbigkeit funktionalen Wert besitzt und hochgradig Angst erzeugen kann (zu gleichen Teilen wegen der knapp kalkulierten Produktionskosten, der authentifizierenden schlechten Aufnahmequalität, der Verletzung der Intimsphäre und der oftmals miserablen Verhältnisse, in denen Opfer oder Täter leben mussten). Einige deutsche Serien versuchen zumindest ein bisschen davon einzufangen, indem sie in letzter Zeit vermehrt übel zugerichtete Leichen frontal ins Bild rücken. Früher wurde allenfalls ein unversehrter Kopf gezeigt, der Rest war vom Leichentuch bedeckt, heute bildet die beklemmende Opferschau nach 20 Uhr fast schon einen beständigen Ausgleich zu den vielen dialoglastigen Passagen, aus denen die Krimis sonst bestehen.

Aus irgendeinem Grund sind aber die Action-Anteile in den öffentlich-rechtlichen Sendern weniger populär, obwohl sie doch gegenwärtig für Hollywood offenbar die einzige Chance darstellen, Krimis an ihr Publikum zu bringen. Unter dieser Diskrepanz – wahrscheinlich bloß ein Effekt von Demographie und Zielgruppenerwartung – musste Till Schweiger bei seinen ARD-»Tatort«-Produktionen fortgesetzt leiden. Sogar »Cobra 11« mit seinen rasanten Verfolgungsjagden, farbenfrohen Explosionen, ausgedehnten Schusswechseln läuft auf RTL längst nicht mehr so gut wie noch vor Jahren, obwohl es auf der selbst für Normalbürger vom Tempolimit befreiten und jedes Jahr von mehr PKWs befahrenen Autobahn spielt.

Das führt zu jener etwas pessimistisch klingenden Diagnose, nach der Mord und Totschlag als Sensationen nicht mehr ausreichen, um Aufmerksamkeit zu binden. Für den Krimi hat sie zwar nie richtig gestimmt, weil hier auf die Tat oftmals eine langwierige, windungsreiche, wortlastige Ermittlung folgt, ganz falsch wird sie dadurch aber nicht. Zu konstatieren ist nun einmal, dass die fiktionale Tat auch unterbleiben und der Zuschauer Abwechslung und (Ent-)Spannung an friedlicheren Geschichten finden könnte. Wenn zum Mord noch die ausgestellte Leiche, das zerrüttete Privatleben der Kommissare, der Showdown etc. hinzukommt, scheint das auf ein weiter steigendes Interesse an Problemen, Ekellust und Gewaltdemonstration zu deuten. Angesichts der ungeheuren Zahl an TV-Krimis liegt aber ebenso die Vermutung nahe, dass die neueren Varianten lediglich auf die Notwendigkeit zurückzuführen sind, sich von den vielen vorhergehenden Folgen ein wenig zu unterscheiden.

Am Krimi lassen sich darum Auffassungen der Unterhaltung besonders gut studieren, weil er a) für die Freizeitgestaltung von Menschen eine besonders radikale Offerte unterbreitet – den Mord eines anderen Menschen (einer fiktiven Figur) zu betrachten – und b) in größter Zahl vorliegt. Fragen formaler und inhaltlicher Entscheidungen, Fragen von Repräsentation und Widerspiegelung bekommen dadurch besonders auffällige oder diskutable Antworten. Wegen der vorliegenden extremen Bedingungen des Genres – durchgehend: Mord; und gegenwärtig: äußerst hohe Zahl ausgestrahlter Varianten – drängen sich für alle Begründungen, weshalb eine Folge über bestimmte Figuren, Handlungen, Abläufe etc. verfügt, mindestens zwei verschiedene Angaben in besonders zugespitzter Weise auf: entweder Abwechslung – oder alles andere.

Die Verpflichtung auf das Ziel realistischer Darstellung trägt zweifelsohne zu einer Einschränkung der fiktionalen Möglichkeiten bei. Derricks Büro sei der detailgetreue Nachbau eines Zimmers im Münchner Polizeipräsidium an der Ettstraße gewesen, weiß derrick-fanclub.de zu berichten; solch naturalistischer Ehrgeiz schließt folglich eine Vielzahl anderer Bürogestaltungen aus, die von den Set-Designern der Bavaria-Filmstudios nur zu gerne angefertigt worden wären. Andererseits besitzt die Wirklichkeit außerhalb eines Münchner Büros viele Facetten und wandelt sich zudem mitunter im Laufe der Zeit, deshalb bleibt in Serien bei Tatorten, Tätern, Ermittlungen selbst unter der Maßgabe eines wie auch immer gearteten Realismus einiges möglich. Wenn Episoden neue, aktuelle soziale Milieus und/oder Problemlagen ins Bild setzen – im Frühling/Sommer 2020 führten in der ARD Krimis etwa in die ganz unterschiedlichen Szenen der Identitären Bewegung und der Öko-Mode-Designer ein, das ZDF ließ eine Mörderin aus einer Rollstuhlfahrergruppe hervorgehen –, muss das darum nicht unbedingt als mehr oder minder gelungener Versuch eingeordnet werden, die Wirklichkeit getreulich zu erfassen und manchmal zusätzlich vor ihr sozialpolitisch engagiert zu warnen. Es bleibt immer die Alternative, es als Bestreben einzustufen, Abwechslung zu bieten und dadurch Aufmerksamkeit zu binden.

Im Gegensatz zu Genres, die nur wenige TV-Exemplare hervorbringen und deren Besonderheiten vom Zuschauer darum leichter eine individuelle – politische, moralische, künstlerische – Absicht zugerechnet werden kann, liegt es besonders bei den zahlreich hergestellten Krimis näher, die konkreten Selektionen auf Neuerungsbemühungen (oder auf Konvention/Opportunismus) zurückzuführen. Das betrifft auch Entscheidungen, die gerade nicht einer realistischen Vorgabe verpflichtet sind; zu nennen wären hier neben den fast immer äußerst komplexen Tatumständen und der daraus erwachsenden zeitkostenden Überführung des Täters vor allem der verglichen mit deutschen Polizeibehörden sehr hohe Anteil von Frauen in den TV-Kommissariaten sowie die häufige Aufdeckung von Dienstvergehen.

Wegen solcher Realitätsferne – in den Polizeiabteilungen außerhalb des Bildschirms dominieren in den höheren Rängen bekanntermaßen nach wie vor Männer und allgemein Korpsgeist – muss den Krimi-Episoden vom Betrachter nicht zwangsläufig ein Anliegen des Produzenten, die Wirklichkeit bessernd umzugestalten, unterstellt werden. Nicht nur weil in denselben Serien auch hin und wieder sexistische Klischees bedient oder illegale Ermittlungsmethoden wie selbstverständlich angewandt werden, bietet es sich (ebenfalls) an, all das auf das Konto unterhaltender Abwechslung zu verbuchen. Dann bleibt lediglich die Frage: Hätte sich nicht trotz der Höchstmenge an TV-Episoden im Krimi-Sektor weiterer Quoten-Erfolg auch ohne solche Varianten einstellen können? Hätten nicht Mini-Variationen bei Derrick-Replikanten für ausreichend populäre Abwechslung und Unterhaltung gesorgt? Wir werden es niemals wissen.

 

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