BeReal
von Miriam Zeh
25.4.2023

Social-Media-Authentizität, ein weiterer Versuch

[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 22, Frühling 2023, S. 10-13]

Das hier ist nicht Instagram. Hier hat sich niemand stundenlang an seinem Make-up verkünstelt, nach einem pittoresken Ort gesucht und in einer vorteilhaften Pose für ein Millionenpublikum fotografiert, wahlweise mit virtuellem Filter oder einem künstlichen Licht, das dem Teint schmeichelt. Hier zeigen sich User spontan, in authentischen Alltagssituationen und: alle zur gleichen Zeit. »Time to be real« heißt es in der täglichen Push-Nachricht der Sozialen Foto-Plattform BeReal. Die zwei gelben Warndreiecke leuchten immer zu einer anderen, zufällig ausgewählten Uhrzeit auf dem Smartphone-Bildschirm. Zwei Minuten hat eine Nutzerin dann Zeit, ein Foto zu posten. Der erste Versuch gilt. Wer sich länger zurechtrücken muss, auf eine günstigere Situation wartet oder erst einen Wiederholungsversuch freigibt, muss das seine Freunde über eine entsprechende Markierung (»Late«) unter dem Foto wissen lassen.

Dem handverlesenen Freundeskreis zeigen auf BeReal geteilte Bilder genau genommen zweierlei: den User selbst auf einem Selfie, mit der Frontkamera des Mobiltelefons aufgenommen, und gleichzeitig die direkt vor ihm liegende Umgebung über die Rückkamera. In einem markanten Foto-in-Foto-Layout wird beides automatisch übereinandergelegt. Bilder, die so auf BeReal aufgenommen und geteilt werden, sind im Gegensatz zu den akribisch inszenierten Instagram-Bildern und den aufwändig choreographierten TikTok-Videos spontan, authentisch und intim, heißt es. »A new and unique way to discover who your friends really are in their daily life.« So zumindest lautet das Versprechen der in Frankreich entwickelten Plattform, die auch als »Anti-Instagram« bezeichnet wird und zu einem internationalen Trend avanciert ist. Von einem ehemaligen Mitarbeiter des kalifornischen Action-Camcorder-Herstellers GoPro mitbegründet, gehörte BeReal im letzten halben Jahr sowohl in den USA wie auch in Großbritannien zu den zehn am meisten heruntergeladenen Apps. In Deutschland erreichte die einfache, auf ihre Haupt-Feature zentrierte Anwendung im August 2022 sogar Platz 1 der Download-Charts.

In der deutschen Version fehlt der Handlungsaufforderung »Time to be real« (als wäre man es bisher noch nicht gewesen) ihre Doppeldeutigkeit. »Zeit für BeReal« heißt es dort. Doch der Effekt bleibt derselbe: Schon nach kurzer Nutzungsdauer berauscht mich die App tatsächlich durch ihre Intimität und Spontanität. Trifft der Foto-Aufruf am Montagvormittag ein, zeigen sich müde Augen und Computerbildschirme, Selfies aus der überfüllten U-Bahn oder dem Bett in meiner persönlichen Timeline. Abends – eine diebische Freude, wenn die Benachrichtigung in einer vergleichsweise glamourösen sozialen Situation erscheint – tauchen Freundinnen in Bars und Restaurants auf. Natürlich ist die Hektik, die ausbricht, sobald BeReal Alarm schlägt, bereits selbst zum Social-Media-Format geworden. Auf TikTok finden sich zahlreiche Videos, die als ›behind the scenes‹ von den ulkigen Bemühungen erzählen, in zwei Minuten das spektakulärste Foto aus einer Alltagssituation herauszuholen. Das Handy wird dann den Fast-Food-Mitarbeitern im Drive-Through gereicht oder dem Popstar, auf dessen Konzert man gerade in der ersten Reihe steht. Der apportierende Hund wird im Sprung eingefangen oder die neue Beziehung verkündet, mit einem Foto vom gemeinsamen Zähneputzen. Und natürlich liegt die Parodie bei dieser App nicht weit: Es gibt virale BeReals von angedeuteten Intimrasuren oder Sketche über fiktive Bankräuber, die mit einem unmittelbar nach der Tat aufgenommenen Doppelfoto ihren Aufenthaltsort verraten.

Was mir allerdings im alltäglichen Gebrauch sofort auffällt: Weil der Freundeskreis, mit dem man sich auf BeReal verknüpft, vergleichsweise klein bleibt, ist die Interaktionsrate höher als in anderen Sozialen Netzwerken. Der textbasierte Nachrichtendienst Twitter wirkt anonym gegen das neue Foto-Netzwerk. Hinzu kommt, dass jede Interaktion auf BeReal personalisiert werden muss. Wer auf die Fotos seiner Freunde reagieren möchte, muss einen lachenden oder staunenden Emoji, selbst einen ›Daumen hoch‹ mit einem individuellen Foto ergänzen.

Gleichzeitig konzentriert sich meine Nutzungsdauer der App, auch in der euphorischen Anfangsphase, auf vergleichsweise wenige Minuten am Tag. Während auf Instagram Millionen von Fotos und Videos zu jeder Tages- und Nachtzeit darauf warten, durchscrollt zu werden, verlangt BeReal für einen bestimmten Moment die ganze Aufmerksamkeit, um ein Foto zu machen und dann sofort den Daumen durch die aktuellen Bilder der Freunde zu schieben. Was es zu sehen gibt, ist allerdings endlich, durch keinen Algorithmus aufbereitet – und nach 24 Stunden weg. »BeReal won’t make you famous«, warnt die App. Und das scheint allen, die hier sind, nur recht zu sein. Für diesen kurzen Moment im nimmermüden Plattformwandel des Internets ist BeReal ein kuscheliger Rückzugsort, an dem sich trifft, wer enttäuscht ist von Twitter, abgestoßen vom Spezialisten-Netzwerk Mastodon, genervt von den Werbeanzeigen auf Instagram oder erschrocken vor dem Algorithmus auf TikTok, der besser als man selbst zu wissen scheint, welche Videoschnipsel einen zum stundenlangen Prokrastinieren verleiten können.

Weil die Doppelbilder so zeitgebunden kreiert und konsumiert werden, erinnert BeReal ästhetisch an das unverblümte Oversharing der frühen Vlogs und Facebook-Status. Der Hype um die App lebt von einer Nostalgie, die in die frühen 2000er Jahre zurückführt, als wir uns – fasziniert von der vermeintlichen Anonymität des World-Wide-Web – zum Teilen zahlreicher persönlicher Alltags- und Standort-Informationen hinreißen ließen, lange bevor das als ›cringe‹ gebrandmarkt wurde oder Diskussionen über Trolle, Catfishing oder Grooming uns zum Nachdenken zwangen. Ästhetisch fällt außerdem ins Auge: Indem bei einem BeReal Front- und Rückkamera gleichzeitig eingeschaltet sind und das Selfie so bei der Aufnahme nicht kontrolliert werden kann, entstehen unzählige unvorteilhafte Selbstportraits von schräg unten oder mit ›zu wenig‹ Abstand zur Kamera. Fauxpas, die eigentlich nur Nutzern nachgesagt werden, die längst zu alt sind für die neuesten Trend-Apps (›Boomer‹).

Anfang 2023 wird ein Ende des Hypes ausgerufen. BeReal schläft ein, entwickelt sich nicht weiter. Was die App jedoch bereits nachhaltig bewirkt hat, ist eine Verschiebung des Aufmerksamkeitsfilters im Internet. Soziale Medien wie Twitter, TikTok, Instagram, aber auch Suchmaschinen wie Google filtern Informationen über ihren Kontext, über die sogenannten Metadaten, auch Beziehungsdaten genannt, nicht über Inhaltsdaten. Ein Video, das häufig angeschaut, ein Beitrag, der oft gelikt oder geteilt, und eine Website, auf die vielfach verlinkt wurde, sind relevant. Wie das Publikum reagiert, ist zu einem der wichtigsten Filter in der massenmedialen Aufmerksamkeitsökonomie geworden. Dirk von Gehlen argumentiert, dass nicht nur bestimmte Plattformen, sondern auch Phänomene wie Memes dieser Auswahllogik folgen.

BeReal legt nun ebenfalls einen Fokus auf Kontext, filtert allerdings mit einem anderen Zuschnitt: auf den Zeitpunkt. Was meine Freundinnen in einem bestimmten Moment tun und teilen, ist wichtig. Was sie zwei Stunden später machen, schon weniger. Der Zeitpunkt ist dabei erstmal zufällig, gewinnt aber an Bedeutung durch die Gleichzeitigkeit, die auf BeReal abgebildet wird. Während eine Userin einen alltäglichen Moment im Job oder Haushalt festhält, kann die andere Zeugin eines historischen Ereignisses oder Desasters werden. »imagine BeReal on 9/11«, twittert ein Nutzer. Gefälschte Doppelbilder zeigen ein Selfie, das über einem brennenden Gebäude liegt, oder einen F.B.I.-Agenten, der Donald Trumps Anwesen Mar-a-Lago in Palm Beach durchsucht. Die Gleichzeitigkeit stellt nicht das einzelne Foto in den Mittelpunkt, sondern seinen Entstehungskontext in eine direkte Beziehung zu den Lebenssituationen und Bildern meiner Freunde. Die Entwicklung »vom Werk zum Netzwerk«, die Wolfgang Ullrich für Kunst im Digitalen nachgezeichnet hat, wiederholt sich also auf BeReal mit einem momenthaften Fokus.

Es sind solche kleinen Innovationen, von denen Soziale Medien leben. Keine App kann als nostalgischer Rückzugsort bestehen, aber der Impuls zum spontanen Teilen und gemeinsamen Erleben eines vergänglichen Moments bleibt. So verwundert es nicht, dass die beiden zentralen Eigenschaften von BeReal bereits von den großen Sozialen Netzwerken kopiert wurden. Instagram hat eine Doppelkamera-Funktion für die charakteristischen Foto-Collagen angekündigt. Und TikTok inkorporiert mit TikTokNow die Spontaneität von BeReal. Täglich und zur selben Zeit für alle Freunde schickt die Funktion eine Aufforderung, innerhalb von drei Minuten ein zehnsekündiges Video oder statisches Foto aufzunehmen. Ob man es danach nun mit den engsten Freunden oder mit der ganzen Welt teilt, der Content verschwindet – wie Kendrick Lamar und Anna Wise singen: »Iʼm real, Iʼm real, ʻcause before you know it, everythingʼs gone«.

 

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