Coronatrash
von Daniel Hornuff
19.10.2020

Über die Semantik weggeworfener Mund-Nasen-Schutzmasken

Seit einigen Wochen stolpere ich über eine ästhetische Veränderung im öffentlichen Raum. Zunehmend finden sich Mund-Nasen-Schutzmasken, die, scheinbar achtlos weggeworfen, auf Bürgersteigen, zwischen Straßenbahnschienen, auf Waldwegen, Grüninseln oder vor Geschäften liegen. So umstandslos ich mich einerseits an das Tragen der Maske gewöhnt habe und dieses Tragen inzwischen als ebenso selbstverständlich wie alltäglich erachte, so sehr irritiert es mich, wenn ich auf die gleichen Masken in Form öffentlichen Abfalls stoße. 

Möglicherweise rührt meine Irritation aus dem Eindruck, auf eine symbolische Umkehr zu treffen. Begegne ich Menschen, die einen MNS tragen, meine ich, in diesem Stück Stoff ein Zeichen von Rücksichtnahme, im bloßen Tragen der Maske eine Geste der Umsicht erkennen zu können. Den Maskentragenden scheint die Gesundheit anderer Menschen wichtig genug zu sein, um diese Maßnahme zu ergreifen und mitunter auch – je nach Fall und körperlicher Konstitution – Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen. Dabei spielt es für mich eine untergeordnete Rolle, ob das Tragen freiwillig oder aufgrund einer Verpflichtung geschieht. Denn jeweils erlangt der MNS neben dem Schutz vor Infektionen auch eine kommunikative Bedeutung. Er avanciert zum Ausweis eines solidarischen Miteinanders: Gemeinsinn und gelebte Rücksichtnahme gewinnen in der Maske Gestalt.  

Liegt ein solches Stoffteil auf der Straße oder am Strand, zerbröselt diese Qualität. Die Maske vor Mund und Nase dient dem Schutz der sozialen Umwelt, als Abfall wird sie zur Belastung – mindestens der natürlichen Umwelt. Nun zeigt sich die Maske im Stadium ihres Verbrauchtseins; und dies umso mehr, als in der Regel keine selbstgenähten und wiederverwendbaren Modelle am Boden liegen, sondern weitestgehend Einwegmasken. 

So kippt das Signal der Achtsamkeit endgültig. Indem die maskentragende Person das potenziell virenbelastete Element abnimmt und zurücklässt, mutet sie anderen Menschen die angemessene Entsorgung zu – und setzt sie damit nicht zuletzt einer potenziellen Gefahr aus. Während die getragene Maske eine Geste der Rücksicht darstellt, ein Dokument der Reflexion ist, repräsentiert die am Boden liegende Maske nicht nur fehlendes Umweltbewusstsein, sondern auch Gleichgültigkeit oder Anmaßung. 

Hinzu kommt: Der soziale Gewinn der Alltagsmaske liegt auch darin, dass sie ihre klinisch-medizinische Herkunft fast vollständig vergessen lässt. Vor Ausbreitung der Pandemie kannte ich derartigen Schutz vorwiegend aus Krankenhausserien und eigenen Hospital- und Pflegeerfahrungen. Offenkundig – und aus heutiger Sicht bedauerlicherweise – verfügte ich bis dahin über allenfalls rudimentäre Kenntnisse gängiger Masken-Praktiken und -Kulturen. Begegnete ich Menschen mit solchen Masken außerhalb medizinischer Einrichtungen, stellte sich bei mir leichte Unsicherheit ein: Schirmt sich dieser Mensch gegenüber anderen ab? Oder schützt die Person durch ihre Maske andere?

Die erlangte Alltäglichkeit der Alltagsmaske hat diese Unsicherheit zerstreut – jedenfalls insofern, als ich mich heute regelmäßig freue, Menschen mit Masken anzutreffen und ihnen mit eigener Maske begegnen zu können. Wechselseitig, so (über?)interpretiere ich, versichern wir uns persönlichen Respekts, ohne diese Bekundung eigens versprachlichen zu müssen. Die Maske, sie ist neben der ästhetischen auch eine soziale Errungenschaft, eine Kulturleistung, derer viele – mich eingeschlossen – erst jetzt gewahr werden. Umso mehr ist ihr zu wünschen, dass sie sich pandemieunabhängig nun auch in Ländern außerhalb des asiatischen Raumes verstetigen möge.   

Inzwischen werden die am Boden liegenden Masken auch als Bildmotiv in den Sozialen Netzwerken be- und verhandelt. Insbesondere auf Instagram hat sich eine regelrechte Bildtypologie sogenannter „Müllmasken“ etabliert. Unter Hashtags wie #masktrash, #pandemiemüll oder #coronamüll werden Funde dokumentiert – und erstaunlich oft mit dezidierten politischen Neutralitätsbekenntnissen abgesichert: „Masken am Boden, wer sieht sie nicht ständig? Masken sind die neuen Zigarettenstummel. Just für fun, kein pol. Statement!!!“ (https://www.instagram.com/maskenamboden/?hl=de) Andere User weisen darauf hin, dass „sich eine neue Kategorie Müll im öffentlichen Raum etabliert“ (https://www.instagram.com/p/CAKeSvchvdd/) habe – was wiederum dazu motiviert, belange des Umweltschutzes und nachhaltiges Handeln eigens anzumahnen: „Blau in der Natur sollten nur der Himmel und das Meer sein…“. (https://www.instagram.com/p/CE_tyQvj_fH/). 

In solchen Postings wird deutlich, dass die Gefahrensymbolik des MNS nicht gänzlich getilgt worden ist. Offenbar neige nicht nur ich dazu, diese – freilich diffuse – Gefahr nun erst recht auf die weggeworfenen Masken in Fußgängerzonen und an Bahnhöfen und auf all jene Exemplare zu projizieren, die an öffentlichen Toiletten, Rastplätzen und Haltestellen herumliegen. Manchmal ertappe ich mich sogar dabei, jene zerknüllten, meist beschmutzten und oft zerrissenen Masken müllsymbolisch zwischen Zigarettenstummeln und Heroinspritzen einzuordnen – wissend, dass ich damit wohl eher persönlichen Reflexen denn einem tatsächlichen Gefahrenpotenzial folge. 

Zudem regen solche Funde auf der Straße zu moralischen Spekulationen an. Was war wohl der Anlass und Grund gewesen, dass die Person ihre Maske an diesem Ort – mutmaßlich unbeirrt – fallen ließ? Nicht auszuschließen, dass die Maske bereits während des Tragens als Ärgernis und Zumutung aufgefasst worden war. Und dass es der Person als angebracht erschien, auf die empfundene Bevormundung mit einem egoistischen Handeln zu antworten. In einem Kommentar heißt es ironisch „kein pol. Statement“ – für einige mag es das aber genau sein. Das trotzige Fallenlassen wäre demnach als hinlänglich regressiver Akt identifiziert, als Protestgehabe, das sich seiner selbst versichern möchte, indem es eine ausgestellte Rotzigkeit zur legitimen Kommunikationsform erklärt. 

 

Tatsächlich ist nicht mehr von der Hand zu weisen, dass die achtlos weggeworfenen Masken neben einem Bild- inzwischen auch zum Diskurssujet geworden sind. Wiederum auf Instagram zirkulieren Bilderarrangements, die mit eindeutig politischem Willen auf die Tragweite der Einwegmasken aufmerksam machen und dieses Ansinnen mit teils ausgreifenden Textbeigaben unterfüttern: „The effects of our ‚new normal‘ in the post-MCO and current Covid-19 world have presented new waste issues. From increase in delivery services and the single-use plastic that comes with it, to discarded masks on the street, there are new challenges and bad habits being formed in our communities. But we can find ways to be balanced and more sustainable!“

In einem aufwendig produzierten Bildarrangement versucht etwa Greenpeace Canada, der folgenreichen Dominanz der Einwegmasken sinnhaften Ausdruck zu verleihen. Darauf verweisend, dass es sowohl „die Gemeinden“ als auch „den Planeten“ zu schützen gelte, wird für die verstärkte Berücksichtigung von (selbstgenähten) Mehrwegmasken geworben. Auf drastische Bilder der Verschmutzung wird dabei verzichtet. Erkennbar subtil sollen Belastungen für die Umwelt vor Augen geführt werden, darauf setzend, durch ein visuell irritierendes Moment die gewünschte Sensibilisierung zu erreichen. Wiederverwendbare, waschbare Masken werden demnach als doppelte Problemlösung präsentiert: Fungieren sie einerseits im Alltag als simpler Infektionsschutz gegenüber Mitmenschen, stehen sie andererseits für ein Weniger an Einwegmasken und somit für ein Bewusstsein, dass sich in gleichen Maßen um eine Reduktion zusätzlicher Müllbelastungen bemüht. 

Dieser Verweis auf die zweifache Rücksichtnahme kann in seiner gesellschaftlichen Bedeutung kaum überschätzt werden. Denn in ihm fällt der Blick auf den unmittelbar anderen, im Hier und Jetzt anwesenden Menschen, mit dem Blick auf die noch nicht geborenen, die kommenden Menschen zusammen. Dient das Tragen der Maske der Absenkung eines zeitlich und räumlich direkten Risikos, bedeutet der Verzicht auf das achtlose Wegwerfen der Maske einen zumindest kleinen Beitrag mit raumzeitlicher Fernwirkung. Infektions- und Umweltschutz markieren die zwei Seiten eines gelebten Nachhaltigkeitsbewusstseins: einem Handeln im Respekt gegenüber dem Unmittelbaren, ohne die Bedürfnisse des Mittelbaren aufzukündigen. 

So sehr die Maske einen Teil des Gesichts verbirgt, so unverhohlen macht der Umgang mit ihnen sichtbar, wie tief sie mit sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Selbstverständnissen verbunden sein können. Dies wiederum mag dazu verleiten, die Maske zum letztgültigen Bekenntnismedium – zu einem Signet des guten oder bösen Menschen – zu stilisieren. Damit aber dürfte in exakt jene Interessen eingezahlt werden, die das Maskentragen zum ideologischen Endkampf verbiegen. Einmal mehr erweist sich das Abstandhalten – auch gegenüber politischen Deutungsgelüsten und einem weltanschaulichen Interpretationseifer – als zivilisatorischer Akt.  

 

Daniel Hornuff ist Professur für Theorie und Praxis der Gestaltung an der Kunsthochschule Kassel.

 

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