Lügen in Zeiten von Print und Internet
von Bernhard Pörksen
30.9.2020

Neuordnung der Welt- und Wirklichkeitsbezüge im digitalen Zeitalter

[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 14, Frühling 2019, S. 112-123]

Vielleicht werden Mentalitätshistoriker eines Tages feststellen, dass mit Donald Trump in den USA, mit Heinz-Christian Strache in Österreich sowie Horst Seehofer und Hans-Georg Maaßen in Deutschland eine neue Epoche begann. Man könnte sie die Zeit des großen Verdachts nennen, die Ära der entfesselten Pseudoskepsis, die von den Rändern der Gesellschaft in Richtung der Regierungsmacht gewandert ist. Der amerikanische Präsident hat den Ausdruck ›Fake News‹ als Kampfbegriff zur Diffamierung der »New York Times« fest etabliert und lobte kürzlich öffentlich einen Politiker, der einen Journalisten verprügelt hatte, dessen Berichterstattung ihm missfiel. Heinz-Christian Strache, Vizekanzler in Österreich, hat den Fake-News-Verdacht für die Attacke auf den ORF und den Spitzenjournalisten Armin Wolf eingesetzt; schon 2015 – nach den Terroranschlägen von Paris mit 130 Toten – teilte er ein Video auf Facebook, das jubelnde Muslime zeigte. Sein Kommentar: »Freudenkundgebungen für den Terror!« Dann stellte sich heraus, dass der Videoclip nicht das zeigte, was Strache seinen zahlreichen Facebook-Followern (inzwischen 800.000 an der Zahl) suggerierte: In dem tatsächlich sechs Jahre alten Filmchen bejubelten pakistanische Fans den Sieg im Cricket World Cup in London. Horst Seehofer war es, der – gefragt nach seinem so offenkundig zerrütteten Verhältnis zu Angela Merkel – verlauten ließ, es gebe »immer mehr Falschmeldungen.« Er sagte weiter: »Wir müssen nicht nach Russland schauen. Die meisten Fake News werden in Deutschland produziert, von Medien wie von Politikern.« Und der im Herbst des Jahres 2018 entlassene Verfassungsschutz Hans-Georg Maaßen behauptete in seiner Abschiedsrede, die Berichte über rechtsextreme Hetzjagden in Chemnitz seien von Politikern und Medienmachern erfunden worden – was ihn, wie schon seinen (einstigen) Chef, zu einem Vergleich mit russischen Desinformationskampagnen inspirierte. 

Sebastian Riemer: Old Glory (Flag), 2017

Was diese Männer verbindet, ist die Instrumentalisierung des Totalzweifels, um sich einem ohnehin journalismuskritischen Milieu anzubiedern. Was sie – darüber hinaus – zu traurigen Trendsettern macht, ist die Tatsache, dass sie eine Art der geistigen Bündnispolitik mit Medienverdrossenen betreiben, also eine pauschale, auf Demontage und nicht auf Verbesserung zielende Kritik des Journalismus schon aufgrund ihres Amtes adeln. An ihrem Beispiel wird deutlich, dass der Begriff ›Fake News‹, eigentlich eine Bezeichnung für bewusst gefälschte Netznachrichten, analytisch weitgehend wertlos geworden ist.

Dennoch muss man, wenn man das tagespolitische Minenfeld verlässt, anerkennen, dass Desinformation unter den aktuellen Kommunikationsbedingungen an Macht gewonnen hat und sich im Feld der Falschnachrichten inzwischen ganz unterschiedliche Akteure und Gruppen tummeln. Da sind zum einen diejenigen, die aus politisch-ideologischen Gründen agitieren, also Propaganda verbreiten, um ihre eigene Position oder Partei zu stärken – ganz gleich, ob es um den Brexit oder die Annexion der Krim geht. Da sind zum anderen jene, die – ohne propagandistische Absicht – satirisch gemeinte Scherze in Umlauf bringen, die aber nicht notwendig als solche erkannt werden. Da entdeckt man die Gruppe der kühl Rechnenden, die möglichst schnell viel Werbegeld mit selbst produzierten Falschnachrichten verdienen wollen, also vor allem daran interessiert sind, Aufmerksamkeitsgewinne unmittelbar in Bargeld umzumünzen. Nicht zuletzt liefert man in den Boulevard- und Schmuddelecken des Journalismus jede Menge fahrlässiger Inszenierungen, Fakes und Fiktionen aller Art. Man denke nur an die tägliche Nonsens-Produktion der Promi- und People-Publizistik, die sich an jedem Kiosk finden lässt. »An Tankstellen oder Supermarktkassen wird mir manchmal schwindlig, wenn ich auf den Titelseiten sehe, welche Seelenqualen ich mal wieder durchlebt haben soll«, so hat der Schlagersänger Florian Silbereisen einmal seine Lektüreerlebnisse in eigener Sache bilanziert. »Jede Woche erscheinen Dutzende Klatschblätter mit neuen Dramen über mich. Meist ist es Gott sei Dank aber so, dass meine Trennung in dem einen Blatt durch meine Hochzeit in dem anderen Blatt wieder aufgehoben wird.«

Sebastian Riemer: Seargant, 2015

Allerdings: Der Blick auf besonders schrille und schräge Fake News – Barack Obama ist kein Amerikaner, der Papst empfiehlt die Wahl von Donald Trump, Hillary Clinton führt einen Pädophilenclub in Washington, getarnt als Pizzeria – verdeckt, dass diese eigentlich vor allem eines sind: Schaumkronen auf dem Meer der vernetzten Welt, Symptome der Oberfläche. In der Tiefe geht es um eine tektonische Verschiebung der Informationsarchitektur, die Neuordnung der Welt- und Wirklichkeitsbezüge im digitalen Zeitalter, die sich nur systemisch erklären lässt, als ein Zusammenspiel der unterschiedlichsten Faktoren. Generell zeigt sich, dass der klassische Qualitätsjournalismus schon deshalb an Deutungsautorität verliert, weil sich nun jeder – barrierefrei – an die Öffentlichkeit wenden kann und auch Nachrichten in entbündelter, granularisierter Form verstärkt in sozialen Netzwerken konsumiert werden.

Der Journalismus ist in Gefahr, die Hoheit über die eigenen Vertriebskanäle zu verlieren. Journalisten müssen sich – neben dem eigentlichen Publikum – im Kampf um eine naturgemäß knappe Aufmerksamkeit zunehmend an den intransparenten Prinzipien algorithmischer Informationsfilterung orientieren, die man dann (wie den immer wieder geänderten Facebook-Algorithmus) nach dem Muster von Versuch und Irrtum bedient. Die primär senderseitige Relevanz-Setzung – ›wir zeigen, was wichtig und wahr ist!‹ – verliert unvermeidlich an Kraft, weil durch Klickzahlen und Echtzeitquoten unabweisbar wird, dass sich Menschen womöglich vor allem für einen unheimlich wirkenden Riesentintenfisch in einem japanischen Hafenbecken interessieren, nicht jedoch für den zeit- und kostenintensiv recherchierten Bericht über die gerade aktuelle Konfliktdynamik im Nahen Osten. Überdies wird die Idee der einen, gemeinsamen Öffentlichkeit endgültig zur Fiktion, weil sich heute jeder empfängerseitig Wunschöffentlichkeiten konstruieren und sich in sein eigenes Selbstbestätigungsmilieu hineingoogeln kann.

Grundsätzlich betrachtet gilt: Information lässt sich, einmal digitalisiert, in immer neue Kontexte transferieren, kombinieren, wunschgemäß entlang der eigenen Perspektive arrangieren. »Mit der Digitalisierung gehen immer mehr Dinge, die zuvor an bestimmte unaustauschbare Materialien gebunden waren, in einen neuen Aggregatzustand über«, so der Netzphilosoph Peter Glaser im August 2009 in der »Berliner Zeitung«. »Kulturdinge im weitesten Sinn – aus Zeichenbrettern, Tonstudios, Fernsehern, Büchern, you name it – werden Daten. Diese digitale Substanz hat eine grundlegend neue Leichtigkeit. Die digitalen Dinge lassen sich ungleich leichter bewegen als zuvor, weltweit senden, empfangen, verändern, kopieren, mit anderen teilen, remixen.« Der Einzelne kann sich seine eigene Echokammer zusammenbasteln, ganz nach Bedarf für seine Gewissheiten Belege finden und den einen Satz aus einem Buch oder Artikel heraussprengen, der (scheinbar) belegt, was den eigenen Ideen oder Ideologien entspricht. Kurzum: Das Netz, dieses ungeheuer plastische Medium, kommt der allgemein menschlichen Bestätigungssehnsucht sehr weit entgegen. Was in der Summe offenbar wird, ist eine »Deregulierung des Wahrheitsmarktes« (eine Formulierung des Netztheoretikers Michael Seemann), die die erlebbare Fraglichkeit des Wissens und die aktuelle Fake-News-Panik in ihren Tiefendimensionen verstehbar macht. 

Im Print-Zeitalter ist Information in sehr viel stärkerem Maße statisch, behäbig und an die Materialität des Trägermediums Papier gefesselt. Überdies erscheint Öffentlichkeit – z.B. in Gestalt einer gedruckten Zeitung – in gebündelter Form, die unvermeidlich schwache Irritationen mit womöglich unerwünschten und grundsätzlich unbekannten Informationen programmiert. Das ist der sanfte Paternalismus einer spezifischen Organisation von Information, der sich hier zeigt. Wer nicht wissen will, was gerade im Lokalen geschieht und welche Einfälle der eigene Bürgermeister gerade wieder gehabt hat (dies ist, zugegeben, ein Spezialproblem von Menschen, die wie der Autor dieser Zeilen in Tübingen leben), der wird – einmal vorausgesetzt, dass er die Zeitung vor Ort bezieht – darüber dann doch unvermeidlich in Kenntnis gesetzt. Selbst wenn man die Artikel zum Thema nicht liest, wird man doch subtil und gleichsam aus den Augenwinkeln mit Nachrichten und Perspektiven konfrontiert, die man definitiv nicht selbst gesucht hat, sondern die einem im Materialpaket des Mediums Zeitung vorgesetzt werden. Das Netz bricht mit dieser Logik eines vergleichsweise dominanten Senders und erlaubt die Emanzipation von einer stärker prädeterminierten Wahrheits- und Wirklichkeitsordnung. Die Fakten- und Quellenbindung lässt sich schon mit ein paar Klicks lockern. Man kann ohne jedes Problem seine eigenen Experten ausfindig machen und ideologisch eng verwandte Stammesmitglieder entdecken, sich auf den Plattformen der Wahl Zuspruch für gerade noch marginalisierte Standpunkte organisieren. Man findet, was man gesucht hat – und ohnehin glauben möchte, ganz gleich, ob man sich zu radikalen Impfgegnern oder Klimawandelleugnern hingezogen fühlt. Grundsätzlich zeigt sich hier ein aufschlussreiches Paradox von Netzöffentlichkeiten im Vergleich zum Print-Zeitalter: Die kognitive Schließung und möglichst effektive Selbstdogmatisierung des Einzelnen ist erst aufgrund der Offenheit und der leichten Formbarkeit der Kommunikations- und Medienumgebung möglich.

Wie ist diese Neuorganisation unserer Informationswirklichkeit und die Deregulierung des Wahrheitsmarktes zu bewerten? Die bestenfalls ambivalente Antwort lautet: Sie besitzt ein Doppelgesicht, eine grundsätzlich polymorphe Gestalt. Denn zum einen sind wir – das ist die gute Nachricht – mit einer Welt des Informationsreichtums konfrontiert, erleben eine gigantische Öffnung des kommunikativen Raumes, die es auch gerade noch Unterdrückten und Marginalisierten erlaubt, ihre Stimme zu erheben, entsetzliches Unrecht blitzschnell bekanntzumachen, Folterfotos und Dokumente des Missbrauchs zu verbreiten. Zum anderen erleben wir die Refeudalisierung von Öffentlichkeit durch Plattformmonopole, wie Evgeny Morozov 2013 in seinem Buch »Smarte neue Welt« gezeigt hat. Und schließlich wird die publizistische Welt geflutet mit Hass und Propaganda, denn nun kann jeder, einen Netzzugang vorausgesetzt, ohne größere Unkosten Gewaltdrohungen und Falschnachrichten in die Erregungskreisläufe des digitalen Zeitalters einspeisen. Wie also damit umgehen? 

Sebastian Riemer: Dancing Queen, 2016

Vielleicht eine persönliche Schlussbemerkung, die ich schon in einer kürzeren Version dieses Beitrags in der Jubiläumsausgabe des österreichischen »Standard« und in meinem Buch »Die große Gereiztheit« jeweils ans Ende gesetzt habe: Aus meiner Sicht steckt in der gegenwärtig laufenden Medienrevolution ein großer, gesellschaftlich noch gar nicht verstandener Bildungsauftrag. So wie in den 1970er Jahren das Umweltbewusstsein als Reaktion auf die Verschmutzung der natürlichen Umwelt entstanden ist, bräuchte es heute eine Art Öffentlichkeitsbewusstsein als Reaktion auf die Vermüllung der publizistischen Außenwelt. Man müsste schon in den Schulen ein Bewusstsein dafür wecken, warum unabhängiger Journalismus in einer Demokratie absolut systemrelevant ist, was überhaupt eine seriöse Quelle darstellt und wie irrtums- und ausbeutungsanfällig Menschen unter den gegenwärtigen Medienbedingungen sind. Ob es so kommt? Ob also schon übermorgen in Schulen und Hochschulen das Leitfach einer systemisch informierten Medienmündigkeit zu finden sein wird? Ich wäre sehr gerne optimistisch. Aber wer sich im Flachland einer nach wie vor weitgehend technokratisch und floskelhaft geführten Medien- und Bildungsdiskussion bewegt und die von Taktikern geprägte Digitaldebatten in einer förderalistisch zersplitterten Republik verfolgt, der wird die Frage, ob getan werden wird, was nötig wäre, unvermeidlich mit einer großen Portion Skepsis beantworten.

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