Zur rechten Ökologie-Zeitschrift »Die Kehre«
von Florian Sprenger
3.8.2020

Im Einklang mit der Natur leben?

Alle Linien sind gerade. Hier mischt sich nichts. Der rechte Winkel dominiert, die Grenzen sind klar gezogen. Die dynamischen, komplexen, mitunter chaotischen, rückgekoppelten, vernetzten und uneindeutigen Zustände, die ökologisches Denken prägen, schlagen sich im Layout nicht nieder.  Alles ist geordnet, hat seinen festen Ort – ob im natürlichen Zyklus der Jahreszeiten oder dem angestammten Raum eines Volkes. Rund ist allein die Ähre, welche die beiden Wörter des Titelschriftzugs trennt und sich wie eine Kehre rollt. 

„Im Wesen der Gefahr verbirgt sich […] die Möglichkeit einer Kehre.“
Dieses Zitat Martin Heideggers prangt auf dem Rückcover der neurechten „Zeitschrift für Naturschutz“, die sich eben diesen Namen gegeben hat: Die Kehre. Die erste Ausgabe ist im Frühjahr 2020 erschienen, ein vierteljährlicher Zyklus ist nun geplant, um den Platz der 2020 eingestellten, in Verfassungsschutzberichten erwähnten Zeitschrift Umwelt & Aktiv einzunehmen. Werbeanzeigen gibt es keine. Geschäftsführer und Verantwortlicher im Sinne des Pressegesetzes ist Jonas Schick, der als Teil der Identitären Bewegung für den Blog Sezession schreibt und Mitarbeiter des Bremer AfD-Abgeordneten Frank Magnitz ist. Bekanntester Autor des ersten Heftes ist Michael Beleites, Mitglied der DDR-Umweltbewegung und bis 2010 Sächsischer Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen, der sich ebenfalls im Umfeld des rechten Think Tanks des Instituts für Staatspolitik bewegt.

Die Beiträge schwanken zwischen Reportagen zur Umweltbilanz von E-Autos, Manifesten konservativer Ökologie und Schülerzeitungstexten zur Musikszene im rechten Underground. Aufschlussreich sind jene Passagen, in denen die Zeitschrift über sich selbst spricht und Bezug auf die Geschichte ökologischen Denkens nimmt. Denn dort wird deutlich, dass „die Kehre“ nicht nur die Rückkehr zu einer vermeintlich reinen Natur und damit Kultur betrifft, sondern ebenso den Anschluss an ein politisch überaus belastetes ökologisches Denken.

Das Editorial von Schick macht klar, welcher Anschauung sich die Zeitschrift verpflichtet sieht: der „aktuell stattfindenden Verengung der Ökologie auf den ‚Klimaschutz'“ soll Einhalt geboten werden, um den „Blick dafür zu weiten, worin ihre ursprüngliche Bedeutung liegt: daß [auf die neue Rechtschreibung wird verzichtet – FS] sie eine Lehre von der gesamten Umwelt ist, die Kulturlandschaften, Riten und Brauchtum, also auch Haus und Hof (Oikos) als ihren Namensgeber einschließt.“ (1) Von welcher Ökologie ist hier die Rede? Von welchem Ursprung der so vielfältigen und sich mitunter diametral widersprechenden Wissensformen ökologischen Denkens? Ein ‚ursprünglicher‘, d.h. im Sinne Heideggerschen Jargons auf die griechische Antike zurückgreifender Begriff des Oikos würde, wohlgemerkt, auch Sklaverei sowie die Unterjochung von Frauen und Kindern einschließen. 

Die Schlagworte, die hier und anderswo ins Spiel gebracht werden, sind so vage, dass sie sich immer wieder neu füllen lassen und deswegen anschlussfähig an beliebige Auslegungen sind. Die Harmlosigkeit der Beiträge über aktuelle umweltpolitische Fragen (ökologische Auswirkungen von Windrädern, geologischer Raubbau für Batterien, nachhaltiges Bauen) ist eine Strategie, um auch die programmatisch rechten Positionsbeschreibungen anschlussfähig zu machen.

Die Tendenz ist jedoch deutlich: Ökologie wird hier auf ganzheitliches Denken reduziert und dieses wiederum mit Lebensraum-Konzepten verknüpft. Aus den für die Zeit ihrer Entstehung dominanten weltanschaulichen Konflikten zwischen mechanistischen und holistischen Ansätzen wird Ökologie gelöst und auf eine verengte Lesart eingeebnet. Zurückgekehrt werden soll zu der einen Ökologie, die einer Metaphysik des Ganzen gehorcht, dieses holistisch über den Zusammenhang seiner Bestandteile stellt und dabei berücksichtigt, dass man ein Volk nicht von seinem Lebensraum trennen kann, ohne ihm die (Über-)Lebensgrundlage zu entziehen. Damit sind jene ökologischen Ansätze angesprochen, die in der Zwischenkriegszeit ihre Blüte hatten und nicht zufällig an nationalsozialistische Ideologien anschlussfähig waren, sondern diese Nähe aktiv gesucht haben – zumeist, dies sei jedoch gesagt, mit wenig Erfolg. Die Nähe von Holismus und Faschismus ist jedoch nicht nur ein Verhältnis der Rezeption, sondern eine Geistesverwandtschaft.

Gesucht wird also eine „Kehre“ zu Autoren wie dem von der Romantik geprägten antisemitischen Begründer des ‚Heimatschutzes‘ Ernst Rudorff (1840-1916), dem Lebensphilosophen und Rassenideologen Ludwig Klages (1872-1956), dem Architekten und NSDAP-Abgeordneten Paul Schultze-Naumburg (1869-1949) oder dem bereits genannten antisemitischen und dem NS nahestehenden Philosophen Martin Heidegger (1889-1976), aber im weiteren Kreis auch zum Anthropogeographen Friedrich Ratzel (1844-1904), dem Anti-Demokraten und Begründer des Umwelt-Begriffs Johann Jakob von Uexküll (1864-1944) oder zum Holisten Adolf Meyer-Abich (1893-1971).

Bei all dem geht es, so legt Schick auf dem Blog der Zeitschrift weitaus deutlicher als im Heft offen, darum, den Grünen die Ökologie als linkes Thema zu entreißen, sie für konservative Perspektiven zu öffnen (bzw. sie zurückzuerobern) und der „Instrumentalisierung der Natur für Emanzipationsbestrebungen“[1] entgegenzuwirken. Zu diesem Zweck artikuliert die Zeitschrift einen Naturbegriff, der durchaus ambivalent ist. Das Heft verortet sich gegen den „industrialisierten Technikcharakter“ (1) des Klimaschutzes (der gerne in Anführungszeichen geschrieben wird) auf der Seite des konkurrierenden Naturschutzes, der diesen technizistischen Charakter ablehnt: Die Natur, die im reinen Naturschutz an die Stelle der Natur des Klimaschutzes tritt, ist unberührt, anti-technisch, natürlich – aber ebenso kulturell, denn „die Natur des Menschen ist die Kultur“ (1).

Daher ist auch der Anschluss an Heidegger folgerichtig: Die „Kehre“ ist für Heidegger ein Ausweg aus der Moderne zurück zum griechischen Ursprung der – und d.h. einer ausgewählten – Kultur. Die Natur, von der hier die Rede ist, ist zwar anti-technisch, sie ist aber immer ein Kulturprodukt. Diese Kultur ist jedoch eine andere als jene der ihr widerstrebenden durchtechnisierten und damit entwurzelten Welt: Aber sie ist so gerade wie die Ackerfurchen im Feld und das Seitenlayout der Zeitschrift. Sie ist eine Kultur, die dort aufblüht, wo sie ihre Natur findet: in ihrem Lebensraum, der den Theorien Ratzels gemäß nur durch eine Geopolitik gesichert werden kann. Diese ist immer auch eine Biopolitik, welche Raum und Volk zusammendenkt.

Naturschutz ist in diesem Kontext nicht nur der Schutz einer wie auch immer gefassten Natur, sondern eine Frage des Überlebens der Kultur. Regionalisierung soll nicht, sondern muss an die Stelle von Globalisierung treten, weil nur so die Grenzen gezogen werden können, die der einen Kultur das Überleben sichern. Aus dieser Warte ist Naturschutz nur als Heimatschutz möglich – was bedeutet, jedem Volk seinen Raum zu geben. Eine solche Kultur kann nur überleben, wenn sie in Opposition zur Natur des Klimaschutzes steht, die immer schon technisiert ist. Weil sie, ganz im Sinne Heideggers, durch die Technik entwurzelt ist, kann diese Kultur nur liberal werden, ihren Boden unter den Füßen verlieren und deshalb im Angesicht der Krise nicht überlebensfähig sein. Sie erscheint ortlos und damit einer Ökologie, wie sie Die Kehre prägt, als Negation und Gefährdung eines Lebens, das sich im Einklang mit der Natur sieht. Erst im Moment dieser Gefahr werde „die Kehre“ möglich. Der technisierten, liberalen Kultur wird durch die verdoppelte Opposition von Natur/Technik und Kultur/Technik eine Kultur gegenübergestellt, die ihren Ursprung in den Kulturtechniken des Ackerbaus hat und nicht durchmischt werden darf.

Die Kehre will den Weg zurück zu einer solch eindeutigen Natur und Kultur weisen, etwa einer Landschaft ohne Windräder oder einer Umweltpolitik ohne linke Verwirrungen. Das kann sie nur, wenn die Natur und die Technik des Klimaschutzes als das Gefährliche identifiziert werden, das „die Kehre“ überhaupt erst ermöglicht. Denn der Hölderlinsche Anteil an Heideggers Gedanke besagt, dass das Rettende in der Gefahr wächst. Erst aus der Gefahr wird „die Kehre“ möglich. Damit wird nicht nur klargestellt, was richtig und was falsch ist, sondern auch ein Weg aufgezeigt: „Die Kehre“ gelingt nur, wenn sie zurückführt zum postulierten ursprünglichen Begriff des oikos, zu einer Ökologie, die das Ganze in den Blick nimmt.

Der ‚wahre‘ Kern der Ökologie, der hier beschworen wird, liegt also in der Bewahrung der Natur als Lebensraum für eine Kultur, die im Einklang mit dieser Natur lebt und sich der durchtechnisierten, liberalen, urbanen Vereinnahmung widersetzt. Stattdessen will man zu einer verlorenen Harmonie zurückkehren, in der alles seinen Ort hat. Dass diese Harmonie, dass Stabilität und Gleichgewicht selbst Artefakte bestimmter Ausprägungen ökologischen Denkens und insbesondere seiner holistischen Strömungen sind, von denen sich zumindest die ökologische Forschung spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg weitestgehend verabschiedet, kommt dabei selbstredend nicht in den Blick: Konzepte wie Harmonie oder Äquilibrium können die Komplexität ökologischer Zusammenhänge, wie sie seit den 1950er Jahren erforscht werden, nicht mehr erfassen.

Zustände der Stabilität erscheinen in der ökologischen Forschung seitdem als zu problematisierende, weltanschaulich verbrämte Annahmen. Der für die Ökologie der Nachkriegszeit zentrale Begriff des Ökosystems etwa wird 1935 vom britischen Biologen Arthur Tansley als explizit sozialistisches, gegen den Holismus seiner konservativen südafrikanischen Antagonisten Jan Smuts und John Phillips gerichtetes Konzept entworfen, das nicht teleologisch auf einen Endzustand der Stabilität hinausläuft, sondern Störungen und Schwankungen als elementare Bestandteile dynamischer Systeme begreift. Eine solche Ökologie sei, so der Begründer des Resilienz-Konzepts C.S. Holling 1973, geprägt von „the need to keep options open, the need to view events in a regional rather than a local context, and the need to emphasize heterogeneity. Flowing from this would be not the presumption of sufficient knowledge, but the recognition of our ignorance; not the assumption that future events are expected, but that they will be unexpected.”[2] Doch zum Gegenteil will Die Kehre zurückkehren: zu jenen Heimatschutzideologien und holistischen Ökologien der Jahrhundertwende und insbesondere der Zwischenkriegszeit, die das Ganze noch nicht aus dem Blick verloren hätten.

Als Ernst Hackel 1866 einer neuen Wissenschaft vom Haushalt der Natur den Namen gibt (selbst aber nichts zu dieser Wissenschaft beiträgt), ist die Natur, deren Haushalt diese Wissenschaft erforschen soll, explizit anti-kulturell und anti-artifiziell. Sie konstituiert sich dadurch, dass sie nicht Kultur und nicht künstlich ist. Die Natur, die die frühe deutschsprachige Ökologie beschreibt, ist zwar in der Tat jene der „Kulturlandschaften“, etwa in Karl Möbius‘ berühmter Studie Die Auster und die Austernwirtschaft von 1877. Doch ist diese Natur durch den Eingriff des Menschen in Unordnung gebracht. Dieser Ansatz ökologischen Denkens, für den Organismus und Umgebung reziprok verschränkt sind, wird in der Zwischenkriegszeit in der deutschsprachigen holistischen Ökologie mit der Lebensraumtheorie Ratzels verknüpft. Die Ökologie operiert in Deutschland, wo sie seit den 1920er Jahren als Fachgebiet der Biologie an den Universitäten gelehrt wird, auf der Ebene der Bevölkerung und ihrer Lebensbedingungen, erweitert sie, folgt man Benjamin Bühler, aber um ihre Einfassung in den Lebensraum: »Mit der Wende vom individuellen Körper zur Lebensgemeinschaft und ihren Räumen transformierten die ersten deutschen Ökologen die politisch-ökonomische Erfassung der Bevölkerung in die Ökologie, welche als neue Einheitswissenschaft die politische Herstellung der sozialen Homöostase anleiten sollte.«[3] Genau hier setzt die Ökologie der „Kehre“ an.

Dem Ausgangspunkt einer Kritik an den Verflechtungen von Ökologie und Kapitalismus, der durchaus auch von linken Positionen geteilt wird,[4] wird also umgehend eine ‚richtige‘ Definition von Ökologie beiseite gestellt: eine Ökologie, die Grenzen zieht. Ob eine solche Ökologie geeignet ist, die historische Konvergenz der Annahme einer Kontrollier- und Gestaltbarkeit der Natur auf der Grundlage ökologischen Wissens mit deren zunehmender Zerstörung zu erfassen, ist mehr als fraglich. Dass die technizistische Ausrichtung ökologischen Denkens – manifest etwa in der Fortsetzung öko-kybernetischer Prinzipien im Geoengineering oder im Resilienz-Diskurs – regressiv ist, insofern sie sich mit aufklärungsfeindlicher Verve ihren Gegenstand (Natur ebenso wie Subjekt) Untertan macht, kann man durchaus teilen. Deswegen eine „Kehre“ zu ziehen und von den Vermengungen und Vermischungen zum reinen Kern zurückzukehren, ist reaktionär – und will es auch sein. Doch macht „Die Kehre“ deutlich, wie wichtig es ist, mit der Kritik ökologischen Denkens fortzufahren und nicht zurückzukehren – fort zu einer Ökologie also, die Eindeutigkeit verabschiedet hat, in der nicht alles miteinander verbunden ist und die um die prekäre Geschichte ihrer Konzepte weiß.

Obwohl die Vereindeutigung der Natur deren vieldeutige Geschichte ebenso verdeckt wie die Pluralität an Ökologien, ist die Zeitschrift darin konsequent, dass sie an die – im weiten Feld der Biologie höchst umstrittenen – konservativen, konservatorischen und traditionalistischen Tendenzen der deutschsprachigen Ökologie vor und nach dem Zweiten Weltkrieg anschließt. Diese Ökologien haben vor allem im deutschsprachigen Raum eine durchaus brisante Geschichte: Die Riege der bedeutenden deutschen Ökologen – Adolf Meyer-Abich, der die Schriften des Vordenkers der Apartheit Jan Smuts herausgibt, Richard Woltereck und Jakob von Uexküll, der sich allerdings nicht als Ökologe versteht – unterzeichnen 1933 das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler. Karl Friederichs spricht 1937 in Ökologie als Wissenschaft von der Natur oder biologische Raumforschung von der Verbundenheit des Volkes mit seinem Raum und bezeichnet die Ökologie als »Lehre von Blut und Boden«.[5] August Thienemanns 1939 erstmals veröffentlichtes Buch Grundzüge einer allgemeinen Ökologie erscheint 1956 um zahlreiche in der NS-Rhetorik gehaltene Abschnitte gekürzt in der Reihe Rowohlts Deutsche Enzyklopädie.[6] Hans Böker wird 1934 Mitglied der NSDAP, und der SS.[7] Meyer-Abich schreibt 1939, dass der Holismus »das Erkenntnisprogramm unserer Generation am klarsten zu umreissen in der Lage ist«, die an »entscheidenden Wendepunkten der abendländischen Geistesgeschichte« stehe.[8] Zu dieser Zeit ist Meyer-Abich am Deutsch-Dominikanischen Institut in Ciudad Trujillo in der Dominikanischen Republik tätig und möchte die ehemaligen Kolonien, deren Lebensräume er erforscht, mit einer neuen Generation von Wissenschaftlern in naher Zukunft wieder besetzen, wie er in einem Bericht an das Kolonialpolitische Amt der NSDAP schreibt: »Nun ist gewiß mit gutem Grund, nämlich um der Verschleuderung wertvollen deutschen Blutes vorzubeugen, vor Jahren von kompetenter Seite einmal der Standpunkt vertreten worden, daß von deutscher Seite aus nur verheiratete Beamte in die Kolonien geschickt werden dürften.«[9]

Mit ihrem Ansinnen gegen Liberalismus und Individualismus kann sich die holistische Tradition der deutschsprachigen Ökologie, zu der Die Kehre zurückkehren will, nicht gegen totalisierende oder gar totalitäre Gesten und die Ausblendung von Differenzen bis hin zu den völkischen Konzepten nationalsozialistischer Biologie wappnen.[10] Der deutschsprachige Holismus der Jahre vor dem Krieg fordert, alle individuellen Interessen dem Ganzen unterzuordnen – ob in der Biologie oder der Politik. Diese Sprache der Ganzheit versuchen die holistischen Ökologen der Zwischenkriegszeit der Politik bereitzustellen – während Die Kehre heute warten muss, bis die „konservative Revolution“ so weit ist, dass zu ihr zurückgekehrt werden kann. 

Der Nationalsozialismus ist für die meisten deutschsprachigen Ökologen dieser Zeit nicht nur akzeptabel, sondern ein Ordnungsversprechen auf eine von Demokratie, Individualismus und Liberalismus gereinigte Zukunft, in der das Ganze über dem Einzelnen steht. Dass die Nationalsozialisten mit dem Reichsjagdgesetz und dem Reichsnaturschutzgesetz von 1934 und 1935 versuchen, durch eine in ihren Maßnahmen durchaus innovative Naturpolitik (von Umwelt ist dabei noch keine Rede) Natur und Volk zusammenzudenken, ist historisch bereits gut untersucht.[11] Diese Perspektive ist für die Ökologen dieser Zeit durchaus reizvoll, auch wenn ihre Anbiederungsversuche letztlich erfolglos bleiben und die Ökologie nie den Einfluss innerhalb der Wissenschaften des Nationalsozialismus erreicht, den sich ihre Protagonisten erhoffen (was auch für Heidegger gilt). Während Woltereck, Böker und Uexküll vor dem Ende des Krieges sterben, bleibt Meyer-Abich bis 1958 Professor in Hamburg. Auch Friederichs behält seine Position. Dass sich an der Einstellung zu Volk, Raum und Natur auch nach dem Krieg nichts ändert, zeigt ihr Fortleben etwa in der Ökosophie des Norwegers Arne Naess, den stellenweise revisionistischen Schriften von Adolf Meyer-Abichs Sohn Michael oder dem Auftauchen von Die Kehre. 

Für den Rest der Ökologie, insbesondere im internationalen Maßstab, markiert der Zweite Weltkrieg eine Wende, weil er der Affirmation der Ganzheit ihre Unschuld raubt und eine grundsätzliche Reformierung der zugrundeliegenden Konzepte erfordert. Adornos Sentenz »Das Ganze ist das Unwahre«[12] gewinnt in diesem Zusammenhang neue Sprengkraft. Aus dieser politischen und theoretischen Lage zwischen den beiden Polen von Materialismus und Holismus heraus wird der Aufstieg systemorientierten und kybernetischen Denkens in den späten 1950er Jahren im englischsprachigen Raum verständlich – und die verzögerte Aufnahme dieser Ansätze in Deutschland. Genau sie sind es, die in Die Kehre als Elemente eines technizistischen Klimaschutzes identifiziert werden, von dem man abkehren müsse.

All diese Bezüge beschränken sich auf die programmatischen Texte im Heft und vor allem auf den Blog. Vor diesem Hintergrund werden auch die Reportagen problematisch. Immer wieder wird in den Beiträgen des Heftes die Dialektik des Klimaschutzes thematisiert: Die Umwelt zu schützen und etwa auf erneuerbare Energiequellen umzusteigen, kostet selbst Ressourcen, sei es in Form von aus seltenen Erden gewonnen E-Auto-Akkus oder den Auswirkungen von Windrädern auf Vogel- und Insektenpopulationen. Kritisiert wird ebenso die Verengung der Debatte um den Klimawandel auf den CO2-Ausstoß und die damit verbundene Ausblendung der katastrophalen Folgen der „gesellschaftszersetzenden Wirkung eines zu hohen Energieverbrauchs“ (8). In Die Kehre ist vom Dialektischen der Dialektik jedoch wenig zu spüren. Alle anderen sind die Einheitsfront, die für die wahre Ökologie blind ist und gegen die man sich wendet. In der typisch rechten Distinktionsbewegung verortet man sich selbst als Alternative zu allen anderen Positionen, auch zu jenen Konservativen, die „in der BRD zu Technokraten“ (Blog) verkommen seien. 

Die konservative Bewegung und ihre Sprachlosigkeit gegenüber der „Erhaltung der natürlichen Grundlagen der Identität des Volkes“ (Blog) kommen ebenfalls nicht gut weg. Durch ihre „Marktwirtschafts- und Industriegläubigkeit“ stehe die AfD der Rückkehr zu einer „vorindustriellen, ständischen Zeit“ im Wege: „Der bundesrepublikanische Konservativismus ist demzufolge auf allen Ebenen zum Scheitern verurteilt und dabei selbst Teil des Problems, das er vorgibt zu bekämpfen.“ Damit werden ökologische Nachhaltigkeit und individualistische Gesellschaft als Oppositionspole gesetzt, die klare Grenzziehungen erlauben – etwa im Verbund mit der österreichischen FPÖ, deren umweltpolitischer Sprecher Walter Rauch mit einem Interview im Heft vertreten ist.

Entsprechend ist klar, wem Die Kehre Angebote macht. Eine konservative Ökologie, wie sie hier vorgestellt wird, leugnet den anthropogenen Klimawandel keineswegs, deutet ihn aber stellenweise zum Bevölkerungsproblem insbesondere des globalen Südens um. Michael Beleites etwa wendet sich implizit immer wieder gegen die Klimawandelleugner im rechten Lager. Eine „konservative Ökologie“ sei nur möglich, wenn sie „die Fragen nach den Bedingungen des Menschlichen und nach einem menschengemäßen Umweltverhältnis“ bedenkt. Diese Bedingungen lägen heute in einer Begrenzung des Energieverbrauchs – und einer Deckelung des Bevölkerungswachstums.[13] In enger Kopplung an sozialdarwinistische Thesen wird so die Gleichsetzung von Entschleunigung mit Stabilisierung und Harmonie zum Instrument biopolitischer Phantasien. Sie äußern sich insbesondere dort, wo der Raubbau an der Natur auf der Grundlage des erwähnten Naturbegriffs als ein Raubbau an der Kultur erscheint, die mit dieser Natur – gegen die Technik – verschränkt sei.

Diese konservative Ökologie lebt von Eindeutigkeiten und klaren Grenzen, mit denen dem Wirrwarr und der Relationalität entgegengetreten werden soll – und damit stellt sich auch die Frage, wie eine andere Ökologie, die sich nicht derart vereinnahmen lässt, aussehen könnte. Insbesondere die kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit ökologischem Denken, wie sie in den letzten Jahren vorangetrieben worden ist, müsste sich dieser Herausforderung stellen und nach den Ordnungs- (oder auch Unordnungs-)versprechen in der Geschichte der Ökologie fragen. Das Ordnungsversprechen des Holismus jedenfalls, der das Ganze über seine Teile stellt und Einheit durch die Übersetzbarkeit von Volk, Reich und Führer sucht, entfaltet in Die Kehre seine volle Wirkung. Die Grenzen sind gezogen. Alle Linien sind gerade. Wer rein will, muss umkehren. Niemand darf sich mischen. Nur so bleibt Harmonie harmonisch, ganz egal, was in der Welt geschieht.

 

Anmerkungen

[1] https://die-kehre.de/2020/04/28/die-kehre/
[2] Crawford S. Holling: »Resilience and Stability of Ecological Systems«, in: Annual Review of Ecology and Systematics 4 (1973), S. 1-23, hier S. 21.
[3] Benjamin Bühler: »Austernwirtschaft und politische Ökologie«, in: Anne von der Heiden/Joseph Vogl (Hg.), Politische Zoologie, Zürich, Berlin: Diaphanes 2007, S. 275-286, hier S. 281.
[4] Vgl. etwa Jason W. Moore: Capitalism in the Web of Life. Ecology and the Accumulation of Capital, London: Verso 2015 und Andreas Malm: Fossil Capital The Rise of Steam-Power and the Roots of Global Warming. The Rise of Steam-power and the Roots of Global Warming, London: Verso 2015.
[5] Karl Friederichs: Ökologie als Wissenschaft von der Natur oder biologische Raumforschung, Leipzig: Barth 1937, S. 91 Vgl. zu einer historischen Einordnung Friederichs Ute Deichmann: Biologen unter Hitler. Porträt einer Wissenschaft im NS-Staat, Frankfurt/Main: Fischer 1995, S. 124.
[6] Vgl. Thomas Potthast: »Wissenschaftliche Ökologie und Naturschutz. Szenen einer Annäherung«, in: Joachim Radkau/Frank Uekötter (Hg.), Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt: Campus 2003, S. 225-256, hier S. 252.
[7] Vgl. Alejandro Fábregas-Tejeda/Abigail Nieves Delgado/Jan Baedke: »Reconstructing ‘Umkonstruktion’. Hans Böker’s organism-centered approach to evolution«, in: Biological Theory, Im Erscheinen.
[8] Adolf Meyer-Abich: »Hauptgedanken des Holismus«, in: Acta Biotheoretica 5 (1940), S. 85-116, hier 89f.
[9] Meyer-Abich, Adolf: Gedanken über die Organisation der wissenschaftlichen Forschung in den Kolonien, 12. November 1940, zitiert nach: U. Deichmann, S. 106.
[10] Vgl. Jozef Keulartz: Struggle for Nature. A Critique of Radical Ecology, London: Routledge 1998; sowie Anne Harrington: Reenchanted Science. Holism in German Culture from Wilhelm II to Hitler, Princeton: Princeton University Press 1999.
[11] Vgl. zur Umweltpolitik des Nationalsozialismus Franz-Josef Brüggemeier/Mark Cioc/Thomas Zeller (Hg.): How Green were the Nazis? Nature, Environment, and Nation in the Third Reich, Athens: Ohio University Press 2005; Joachim Radkau/Frank Uekötter (Hg.): Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt: Campus 2003; Anna Bramwell: Blood and soil. Richard Walther Darré and Hitler’s Green Party, Abbotsbrook: Kensal Press 1985.
[12] Theodor W. Adorno: »Minima Moralia«, in: Gesammelte Schriften, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1970, hier S. 55.
[13] Vgl. zu dieser Kritik an der Zeitschrift ausführlicher Jonas Fedders: Umweltschutz als Heimatschutz, Gegneranalyse – Antiliberales Denken von Weimar bis heute 2020, https://gegneranalyse.libmod.de/umweltschutz-als-heimatschutz/

Literatur

Adorno, Theodor W.: »Minima Moralia«, in: Gesammelte Schriften, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1970.

Bramwell, Anna: Blood and soil. Richard Walther Darré and Hitler’s Green Party, Abbotsbrook: Kensal Press 1985.

Brüggemeier, Franz-Josef/Cioc, Mark/Zeller, Thomas (Hg.): How Green were the Nazis? Nature, Environment, and Nation in the Third Reich, Athens: Ohio University Press 2005.

Bühler, Benjamin: »Austernwirtschaft und politische Ökologie«, in: Anne von der Heiden/Joseph Vogl (Hg.), Politische Zoologie, Zürich, Berlin: Diaphanes 2007, S. 275-286.

Deichmann, Ute: Biologen unter Hitler. Porträt einer Wissenschaft im NS-Staat, Frankfurt/Main: Fischer 1995.

Fábregas-Tejeda, Alejandro/Nieves Delgado, Abigail/Baedke, Jan: »Reconstructing ‘Umkonstruktion’. Hans Böker’s organism-centered approach to evolution«, in: Biological Theory, Im Erscheinen.

Fedders, Jonas: Umweltschutz als Heimatschutz, Gegneranalyse – Antiliberales Denken von Weimar bis heute 2020, https://gegneranalyse.libmod.de/umweltschutz-als-heimatschutz/.

Friederichs, Karl: Ökologie als Wissenschaft von der Natur oder biologische Raumforschung, Leipzig: Barth 1937.

Harrington, Anne: Reenchanted Science. Holism in German Culture from Wilhelm II to Hitler, Princeton: Princeton University Press 1999.

Holling, Crawford S.: »Resilience and Stability of Ecological Systems«, in: Annual Review of Ecology and Systematics 4 (1973), S. 1-23.

Keulartz, Jozef: Struggle for Nature. A Critique of Radical Ecology, London: Routledge 1998.

Malm, Andreas: Fossil Capital The Rise of Steam-Power and the Roots of Global Warming. The Rise of Steam-power and the Roots of Global Warming, London: Verso 2015.

Meyer-Abich, Adolf: »Hauptgedanken des Holismus«, in: Acta Biotheoretica 5 (1940), S. 85-116.

Moore, Jason W.: Capitalism in the Web of Life. Ecology and the Accumulation of Capital, London: Verso 2015.

Potthast, Thomas: »Wissenschaftliche Ökologie und Naturschutz. Szenen einer Annäherung«, in: Joachim Radkau/Frank Uekötter (Hg.), Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt: Campus 2003, S. 225-256.

Radkau, Joachim/Uekötter, Frank (Hg.): Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt: Campus 2003.

 

Florian Sprenger ist Professor für Virtual Humanities an der Ruhr-Universität Bochum.

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