Aktuelles zu einem komplexen Verhältnis
[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 22, Frühling 2023, S. 45-49]
Becken nach oben gereckt, Beine hinter den Kopf gestreckt, Körperöffnungen überdehnt, eventuell noch einen Fuß auf dem Kopf durchgestanden, Stellung gehalten oder hektische Bewegungen ausgeführt. Die Arbeit am Porno-Set ist anstrengend und kann an die körperlichen Grenzen gehen. Janice Griffith vergleicht ihren Beruf in einem Interview mit »Provocateur Gamer« Hasanabi deshalb mit dem des Leistungssports. Im Unterschied zum Sportsektor gehören zum Berufsrisiko von Porno-Darstellerinnen aber auch sexuell übertragbare Krankheiten und ungewollte Schwangerschaften. Letztere sind insbesondere deshalb ein Problem, weil keine Verhütungsmethode hundert Prozent Schutz bietet und es am Set immer wieder vorkommt, dass Absprachen im Eifer des Gefechts nicht eingehalten werden, was vor allem Frauen in Bedrängnis bringen kann.
Seit der amerikanische Supreme Court 2022 das Recht auf Abtreibung aus der Verfassung genommen hat, ist für viele Pornodarstellerinnen im Falle einer ungewollten Porno-Schwangerschaft auch der Ausweg einer Abtreibung keine selbstverständliche Option mehr. Einige Darstellerinnen fühlen sich laut »Vice Magazin« in die Enge getrieben, denken darüber nach, sich die Eileiter durchtrennen zu lassen oder Cream-Pie-Szenen (Ejakulation in der Vagina) künftig aus dem Repertoire zu streichen. Dass versehentlich Kinder beim Porno-Dreh gezeugt werden, kommt zwar sehr selten vor, es ist aber vor allem der psychologische Druck durch die fehlende Entscheidungsmöglichkeit, der »Vice« zufolge von manchen Porno-Darstellerinnen beklagt wird.
Auch steigt die Angst, die Aufhebung des Grundsatzurteils »Roe vs. Wade«, das die Möglichkeit zur Abtreibung zum Verfassungsrecht auf persönliche Freiheit erhob, sei nur der Auftakt für weitere Maßnahmen, die Selbstbestimmung von Frauen einzuschränken: »The biggest immediate risk is that, as with abortion, zealous state prosecutors will start picking battles that previously would have been thought unwinnable constitutionally«, gibt Mike Stabile, ein Repräsentant der Free Speech Coalition, auf mashable.com zu Protokoll. Für die Dominatrix und Sexarbeit-Aktivistin Danielle Blunt, ist die Gesetzesänderung nur die neueste Ausformung einer »criminalization of bodily autonomy impacting the health and welfare of marginalized people and communities, including sex workers.«
Historisch gesehen, ist bereits die Formierung der ästhetischen und juristischen Kategorie im Europa des 19. Jahrhundert eine Überwachungsmaßnahme. In dieser Zeit wurde der neu entdeckte Volkskörper zum Objekt umfassender statistischer Erhebungen, bei denen auch Geburtenraten und als abweichend festgeschriebene Sexualitäten in den Fokus des Interesses gerieten. Bei den Bemühungen um Kontrolle standen vor allem Maßnahmen zum Erhalt der Familiengesundheit im Vordergrund, wofür Sexualität exklusiv und vor allem prokreativ zu sein hatte. Obszönes Material widersprach dieser Idealvorstellung von Sexualität und wurde durch die Festschreibung als ›Pornografie‹ flächendeckend polizeilich verfolgbar. Das Argument für die Notwendigkeit der Zensur von Pornografie lautete, »leicht beeinflussbare« Gruppen wie jüngere und schlecht gebildete Menschen sowie Frauen (aller Schichten und jeden Alters) schützen zu müssen.
Pornografie wurde damit einerseits zur perversen Negativfolie einer als ›normal‹ imaginierten prokreativen, exklusiven Sexualität. Andererseits wurden Frauen, die an der Produktion von Pornografie beteiligt waren, kriminalisiert und sexuell pathologisiert. Mit den ›Porn Wars‹ der 1980er Jahre wurde diese rechts-konservative Position noch um eine feministische erweitert, welche die paternalistische Tradition weiterführte, wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen. Feministische Theoretikerinnen wie Andrea Dworkin und Catharine MacKinnon vertraten in den 1980er Jahren die Ansicht, dass das Konsumieren von Pornografie zwangsläufig zu Vergewaltigungen von Frauen ›im echten Leben‹ führe und sogar Pornografien selbst als Vergewaltigungen gelesen werden müssten. Frauen, die an der Produktion von Pornografie beteiligt sind, erschienen so entweder als direkte Opfer männlicher Gewalt, weil sie zur Sexarbeit gezwungen werden, oder aber als indirekte Opfer, weil sie durch patriarchale Gehirnwäsche fremdbestimmt werden. In beiden Fällen müssen Frauen vor äußerer oder internalisierter männlicher Gewalt beschützt werden, die sich bereits im heterosexuellen Akt manifestiert, weil hier der weibliche ›geöffnete‹ Körper durch die Penetration verletzt und okkupiert wird.
Vierzig Jahre später kann weder die Kausalität zwischen Pornokonsum und sexuellem Missbrauch nachgewiesen werden, noch lässt sich die These halten, Pornografie zeige Vergewaltigungen vor der Kamera (auch wenn sich Darsteller nicht immer an Abmachungen halten und Darstellerinnen wenig Möglichkeiten haben, eine Szene abzubrechen, wenn sie nicht riskieren wollen, unbezahlt nach Hause zu gehen).
Auch die Frage nach weiblicher Agency im Bereich der Sexarbeit musste auf Drängen feministischer Zensurgegnerinnen neu diskutiert werden, was sich u.a. in Neuinterpretationen des Berufs der Porno-Darstellerin niederschlug. Jenna Jameson, der »world’s most famous porn star«, wie es Matthew Miller 2005 im »Forbes Magazine« formuliert, verweigerte sich z.B. Szenen, die Analverkehr beinhalteten, und baute sich bereits in den 1990er Jahren eine Karriere auf, die ihre Berufswahl zumindest von der Konnotation des ökonomischen Prekariats befreite. Mit Sasha Grey erlebte das Business dann in den 2000er Jahren den Superstar weiblicher Selbstbestimmung. Nicht weil sie Grenzen verteidigte, sondern (fast) alle überschritt. Egal ob sie sich in »Face Fucking Incorporated« in die eigenen Augen übergab, oder sich in »Waterbondage« mit dem Kopf unter Wasser halten und mit Elektroschocks traktieren ließ, Greys einziges Limit betraf die Konsensfähigkeit ihrer Sex-Partnerïnnen: »I won’t do […] children, and I won’t do animals«, wie sie 2007 in einem Interview mit Tyra Banks zu Protokoll gibt. Grey widersetzte sich jeglichen paternalistischen Ansätzen, indem sie das sowohl von rechts-konservativen als auch feministischen Porno-Gegnerinnen vertretene essenzialistische Verständnis weiblicher Sexualität ad absurdum führte.
Die Angst vor Frauen, die ihre eigene sexuelle Lust thematisieren oder, noch schlimmer, in ihren Beruf integrieren, bleibt jedoch bei allen relativen Öffnungen in Bezug auf die Sichtbarkeit und Diskussion von Pornografie bestehen. Das hat kulturhistorische Wurzeln, die sich vor allem um die Rolle der Frau als (potenzielle) Mutter drehen und in der Madonna/Hure-Dichotomie ihre symbolische Entsprechung finden. Frauen müssen demnach zwar Sex haben, um ein Kind zu gebären, aber eben nur zu diesem Zweck und nur mit dem richtigen Partner. Darüberhinausgehende sexuelle Bedürfnisse von Frauen bilden ein ökonomisches Problem, weil sie potenziell zu außerehelichem Sex führen können, womit Erbfolgen und Eigentumsverhältnisse nicht mehr klar feststehen.
Auch psychoanalytisch gelesen ist die Mutterliebe ein familiales bzw. gesellschaftlich-ökonomisches Problem. Hier ist die frühkindliche Bindung an die Mutter ein erotisches Verhältnis, das sich aus der körperlich-emotionalen Nähe der Kinder zu ihrer ersten wichtigen Bezugsperson ergibt. Mit der Entdeckung der sexuellen Differenz wird das Verhältnis dann aber zwangsläufig von seinem sinnlichen Element befreit. Das ist nicht nur ein Effekt, der Inzucht verhindert, sondern auch Jungen und Mädchen in ihre zukünftige soziale und auch heterosexuelle Rolle zwingt, die innerhalb patriarchal organisierter Gesellschaften von ihnen erwartet wird.
Als Teil ihrer Sozialisierung müssen Frauen bereits im Kindesalter dem Lustprinzip entsagen, um das bisschen gesellschaftlichen Wert, der ihnen ohne den Besitz des Phallus (als Signifikant sexueller Differenz) zusteht, erlangen zu können. Weiblichkeit meint im Folgeschluss, möglichst kein sexuelles Verlangen zu haben, sondern Kinderwünsche. Abseits des prokreativen Geschlechtsverkehrs sind Mütter »safe from sex«, wie es E. Ann Kaplan in ihrer Monografie »Motherhood and Representation. The Mother in Popular Culture and Melodrama« formuliert. Durch die erfolgreich erlernte Weiblichkeit haben Mütter schließlich bereits einen Partner angelockt und müssen und sollen sich nun hauptsächlich um ihren Nachwuchs kümmern, was wiederum ihren (symbolischen) Wert innerhalb der Gesellschaft sichert.
Pornografie als dezidiertes Gegenmodell gesellschaftlicher Reinheits- und Abstinenzgebote nimmt natürlich auch Bezug auf das Tabu der sexuell aktiven bzw. sexualisierten Mutter. Das manifestiert sich beispielsweise in Inzest-Fantasien, in denen Mütter die eigenen ›Söhne‹ verführen. Oder in der heute ubiquitären MILF-Kategorie, die ursprünglich durch die Teenie-Komödie »American Pie« populär wurde. Während der Porno-Begriff zwar auch auf ›Mütter‹ (›Mother I’d like to fuck)‹ verweist, ist der Mutter-Bezug in den Inhalten selbst allerdings kaum noch relevant. MILF kann jede Darstellerin sein, die nicht mehr in die Teen-Kategorie fällt, ohne Referenzen auf vorhandenen Nachwuchs oder ›mütterliche‹ Qualitäten, die über große Brüste hinausgehen.
Deutlicher in der Sexualisierung des mütterlichen Körpers ist die Kategorie des ›pregnancy porn‹. Sie hat laut »Pornhub« zwischen 2014 und 2017 um 20 % zugelegt, dümpelt 2017 aber auf Platz 107 herum, gleich neben ›Redhead‹ und ›Babysitter‹. Die Inhalte zeigen unter anderem Hochschwangere beim Sex, umfassen aber auch Porno-Fantasien, in denen es um das Schwängern von Frauen geht. Ob insbesondere letztere Kategorie als Versuch einer Re-Romantisierung des Genres gelesen werden kann, das per definitionem allgemeine menschliche Zusammenhänge ausschließt, kann nur spekuliert werden. Klar ist aber, dass weder die MILF-Kategorie noch der Schwangerschafts- oder Inzest-Porno die Madonna/Hure-Dichotomie abseits einer Fantasiewelt transzendiert. Pornografie thematisiert zwar sexuelle Begierden, die mit dem tradierten Ideal ›sexloser‹ Mütter brechen. Die Transgression bleibt in ›Pornotopia‹, dem ›Land‹ der exzessiven Überzeichnung sexueller Begierden, nur eine unter vielen.
In der Realität ist das öffentliche Ausstellen von Sexualität weiterhin nur schwer mit dem Mutter-Dasein vereinbar. Selbst dem gesellschaftlichen Stigma ausgeliefert zu sein, mag für kinderlose Pornodarstellerinnen noch vertretbar sein, schwierig wird es allerdings, wenn sie als Mütter nun auch die Verantwortung für ihre Kinder tragen. Vor allem dann, wenn sie mehr denn je befürchten müssen, dass ihr Nachwuchs oder deren Freundïnnen irgendwann über ihre Filme stolpern und sich dazu verhalten müssen. Die Angst, die eigenen Kinder könnten die Urszene über das Sichten eines Pornoclips (neu) durchleben, wird immer wieder als zu zahlenden Preis diskutiert, der für die lukrative berufliche Laufbahn zu entrichten ist.
Als Mütter müssen Frauen sich in und außerhalb der Porno-Industrie ständig zu neuen Anforderungen verhalten, weil Mütterlichkeit vor allem am Grad der Bereitschaft gemessen wird, die Bedürfnisse des Kindes vor die eigenen zu stellen. Gerade in der Schwangerschaft sind dies nicht nur gesellschaftliche Erwartungen: Was Schwangere sich selbst zuführen dürfen, wann und wo sie gebären, welche Untersuchungen und Behandlungen notwendig sind, ist auch gesetzlich festgelegt. Frauen, die sich nicht konform dazu verhalten, müssen nicht nur mit rechtlichen Konsequenzen rechnen (z.B. wegen Drogenkonsums während der Schwangerschaft), sondern verlieren das »Recht« auf ihr Kind und damit auch ihren Wert als Mutter.
Da bei Pornodarstellerinnen das öffentliche Zurschaustellen von Sexualität mit der Sicherung ihres Lebensunterhalts zusammenfällt, stehen sie grundsätzlich vor einem Dilemma. Jenna Jameson thematisiert das Problem in ihrer Autobiografie »How to Make Love Like a Pornstar: A Cautionary Tale«. Die einzige Konsequenz aus ihrem Kinderwunsch und der darauffolgenden Schwangerschaft 2008 war für sie, ihre Karriere an den Nagel zu hängen und sie in die Vergangenheit zu absentieren, um einen neuen ›unschuldigeren‹ Status Quo leben zu können: »Iʼm just one of the moms who walk[s] a double stroller every day. Iʼm a normal girl with all the same worries and insecurities. I just happen to have done porn«, erklärt sie in einem Interview mit »W Magazine«.
Pornodarstellerinnen sind besonders vulnerabel, aber nicht weil sie der patriarchalen Gehirnwäsche unterliegen oder ihre Körper vor männlicher Penetration geschützt werden müssen, wie es Dworkin gerne hätte – sondern weil ihr gesellschaftlicher Status aufgrund fehlender Akzeptanz für Frauen, die ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit verdienen, weiterhin prekär ist. Pornografie fungiert hier als Brennglas für die Frage nach körperlicher Autonomie von Frauen im Allgemeinen, als sexuelle Wesen, als Schwangere oder als Mütter. Das Recht auf Abtreibung ist dabei nur der Gipfel des Eisbergs.