Food & Drink-Emojis
von Gala Rebane
10.02.2026

Gestaltung, Entwicklung und kommunikative Funktion

[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 22, Frühling 2023, S. 38-44]

Die Register der Food & Drink-Emojis sind so vielfältig wie die heutigen Lebensstile und Geschmäcker. Bereits die ersten Proto-Emoji-Sets aus den späten 1990er-Jahren enthielten einige Speisen- und Getränkesymbole. 1997 führte SoftBank auf seinen Handys neunzig Piktogramme ein, unter denen u.a. ein Stück Kuchen, eine dampfende Kaffeetasse, zwei anstoßende Wein- und Cocktail-Gläser, ein Bierkrug sowie ein dreiteiliges Besteck-Set zu sehen waren. Im Folgejahr wurden einige Zeichen gestalterisch verknappt. So büßte z.B. das Besteck-Set den Löffel ein, vom Shortcake verschwand die Erdbeere und die Tasse wurde nun ohne den Untersetzer serviert. Der Designer Shigetaka Kurita aus dem Konkurrenzunternehmen DoCoMo setzte dagegen gleich auf Minimalismus. Unter seinen 1999 veröffentlichten Bildzeichen befinden sich inhaltlich fast die gleichen Speisen- und Getränke-Emojis wie bei SoftBank, aber sie fallen zeichnerisch wesentlich reduzierter aus und wirken weniger synästhetisch: Weder dampft die Tasse noch schäumt das Bier, und die Geburtstagstorte wird mit Hilfe von drei Kerzen lediglich angedeutet. Sowohl Kuritas Set als auch das im selben Jahr aktualisierte und ausgebaute Piktogramm-Repertoire von SoftBank enthielten zudem jeweils noch ein Burger-Emoji.

Man mag sich an dieser Stelle eventuell über eine inhaltlich insgesamt wenig ›exotische‹ Ausrichtung der ersten Speisen- und Getränke-Emojis wundern. Zwar ernähren sich die Japaner nicht ausschließlich von Sushi und Sake, doch würden eine Schale Reis oder Essstäbchen die alltägliche Esskultur des Landes eigentlich nicht viel legitimer vertreten? Während sich die Gründe für die primäre Wahl ebendieser Symbole nicht explizit ermitteln lassen, scheint es plausibel, dass SoftBank weniger auf das Potenzial von Emojis als Mittel des kulturellen Selbstausdrucks bedacht war, sondern seinen Mobilfunk-Nutzern zunächst ein urban anmutendes und trendiges dekoratives Extra anzubieten suchte. Impulsgebend dafür war möglicherweise der Riesenerfolg des Herz-Piktogramms, das auf DoCoMos »Pocket Bell«-Pagern ein paar Jahre zuvor eingeführt worden war. Doch wenn auch nicht in Form von Onigiri-Bällchen und Teezeremonien, schlug sich das ›Japanertum‹ in den Uremojis von SoftBank hintergründig trotzdem nieder. Zum einen ist ihre Gestaltung stark der – vor allem unter jungen Generationen beliebten – Niedlichkeitsästhetik ›kawaii‹ verpflichtet, die in der Nachkriegszeit zu einem essenziellen Teil der japanischen Popkultur und modernen nationalen Identität wurde. Zum andern sind die augenscheinlich ›westlichen‹ Inhalte der ersten gastronomischen Bildzeichen selbst paradoxerweise authentisch. Offenheit gegenüber fremdkulturellen Elementen sowie ihre Übernahme und Eingliederung in den Alltag gelten als ein besonderes Charakteristikum der japanischen Landeskultur. Der ursprünglich der westeuropäischen Esskultur entliehene Strawberry Shortcake ist genau wie das Bier inzwischen längst in Japan beheimatet, und selbst der Burger ist dort keine exotische Speise mehr. Die erste Burgerkette DomDom öffnete in Tokyo bereits 1970 und war im Übrigen eine rein japanische Gründung, wie auch die bis heute ebenfalls hochpopulären MOS-Burger-Schnellrestaurants, deren Name als Akronym für »Mountain, Ocean, Sun« steht. Diese und weitere einheimische Fastfood-Ketten bürgerten die amerikanischen Originalrezepte mittels landestypischer Zutaten ein, z.B. indem sie die Burger-Brötchen aus Reis herstellten oder das Fleisch mit Sojasoße würzten. Sogar McDonaldʼs und Burger King haben ihre dortigen Menüs ›glokalisierend‹ angepasst. So lancierten ihre japanischen Niederlassungen zu Halloween 2014 z.B. Black Burger, deren Brötchen mit Oktopus-Tinte eingefärbt wurden. Burger King schwärzte zusätzlich noch die Soße und den Käsebelag mit Bambuskohle.

Auch Kuritas Burger war ursprünglich schwarz – wie allerdings alle bisherigen Emojis. Obwohl das erste Handy mit Farbdisplay, das Siemens S10, bereits 1997 erschien, erlangte es aufgrund der damaligen Belanglosigkeit dieser Funktion keine große Popularität. Erst das zwei Jahre später auf den Markt gebrachte Kyocera Visual Phone VP-210 mit eingebauter Kamera verlieh der Farbwiedergabe einen realen Sinn. 2000 eroberte die neue Technologie Japan mit dem von SoftBank vertriebenen Massenkamerahandy Sharp J-SH04, das nun über bunte und darüber hinaus animierte Piktogramme verfügte. Im gleichen Jahr wurden DoCoMos Emojis ebenfalls farbig, wenngleich jedes Zeichen an sich monochrom war: Der Burger gelb, die Kaffeetasse grün, das Weinglas violett.

Blieb DoCoMo bei der Entwicklung seiner Emojis zunächst eher zurückhaltend, geriet SoftBank in dieser Zeit dagegen außer Rand und Band. Im Jahr 2000 hatte sich die Zahl der Piktogramme auf seinen Handys insgesamt beinah verfünffacht, und die Ergänzungen im gastronomischen Bereich fielen ebenso massiv aus. Es waren nun ganze 32 Speisen- und Getränkezeichen; unter diesen fehlte es auch nicht mehr an Gerichten, die mit der traditionellen japanischen Küche assoziiert waren wie Dango und Oden, Reisbällchen und Reiscracker, Ramen, Sushi, Sake und – der Tradition entsprechend – in einer henkellosen Tasse servierter Tee. Kuritas Emoji-Set wurde in den 2000er-Jahren zwar ebenfalls um weitere (und inhaltlich meist dieselben) Bildzeichen kontinuierlich erweitert, erfuhr jedoch, wie gesagt, insgesamt weniger Zuwachs.

Vergleicht man die regelmäßigen Aktualisierungen und Entwicklungen in den Emoji-Repertoires beider Konkurrenzunternehmen, tritt neben dem wetteifrigen gegenseitigen Kopieren ein grundsätzlicher Unterschied zwischen ihren jeweiligen Herangehensweisen immer stärker an den Tag. Kurita konzipierte Emojis von vornherein an als »less e [picture] and more moji [letter]«. Er war bestrebt, sie zu einem möglichst effizienten sprachähnlichen Kommunikationsmittel zu machen. Dieser Vorstellung blieben DoCoMos Emojis im Großen und Ganzen lange treu: Grafisch auf das Wesentliche, inhaltlich auf das Nötigste reduziert. Kuritas Piktogramme waren vor allem metonymisch gedacht. Seine Speisen- und Getränke-Emojis stellen die zentralen, gut erkennbaren Attribute unterschiedlicher gastronomischer Einrichtungen dar – von Cafés und Cocktail-Bars bis hin zu Fastfood-Ketten und Restaurants. Sein durch die brennenden Kerzen versinnbildlichter Geburtstagskuchen tanzt in gewisser Weise aus der Gastro-Reihe, denn er verweist auf kein Lokal, sondern auf das feierliche Ereignis. SoftBank ging aber von Anfang an anders vor. Auch wenn die anfänglichen Emoji-Sets beider Unternehmen sich auf den ersten Blick extrem ähneln, sind die von SoftBank im Gegensatz zu Kuritas Ansatz weit mehr ›e‹ – Bilder – als ›moji‹, also Schriftzeichen. Die gestalterischen Zusatzelemente wie der Schaum auf dem Bier, der Dampf über der Kaffeetasse oder die bunte Kolorierung der verschiedenen Burger-Schichten rufen gleich eine holistische sinnliche Wahrnehmung auf. Sie beschwören die gustatorischen, olfaktorischen, thermalen Eigenschaften der konkret dargestellten Gerichte und Getränke und suggerieren darüber hinaus ihren gemeinschaftlichen Konsum. Ein kleines, jedoch vielsagendes Detail: Bereits im Jahr 2000 beinhaltete das Emoji-Set von SoftBank neben dem Solo-Bierkrug außerdem ein ›Prost‹-Doppelzeichen, und neben dem Keramikgefäß für Sake standen zwei Becher. Anders DoCoMo: Trotz der nun polychromen Kolorierung und grafischen Ausarbeitung erschienen seine Bildzeichen auch 2013 noch als visuelle Kürzel für geläufige gastronomische Begriffe und trugen dem Gedanken an eine Tischgemeinschaft keine Rechnung.

Diese zwei prinzipiell unterschiedlichen Herangehensweisen – der Fokus auf die kognitiven Funktionen der Piktogramme auf der einen, die Exploration der eigenmächtigen Ausdruckskraft der Bilder auf der anderen Seite – wirken sich bei der Fortentwicklung des globalen Emoji-Registers bis heute aus. In den späteren 2000er-Jahren schien sich zwar der letztere Ansatz endgültig durchgesetzt zu haben. 2008 brachte Apple in Zusammenarbeit mit SoftBank das iPhone 3G auf den japanischen Markt. Bei diesem Modell wurde erstmalig eine eigenständige Emoji-Tastatur eingeführt. Während sie inhaltlich am Bildzeichen-Set von SoftBank orientiert war, ließen sich die amerikanischen Designer allerdings von ihrem eigenkulturellen ästhetischen Geschmack leiten; dabei sei der einmalige japanische Geist ihrer Vorbilder verloren gegangen – so Kurita: »Most Japanese people simply don’t find Apple’s emoji ›kawaii‹ from a fundamental design standpoint«. Doch es waren zunächst ebendiese in Kuritas Augen ihren primären Sinn als Mittel der schriftlichen Kommunikation verfehlenden Bildzeichen, die (vor allem dank ihrer Standardisierung in Unicode) den Rest der Welt nach und nach eroberten. In den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerieten sie aber erst 2015, als »Oxford Dictionaries« beschloss, das LOL-Emoji 😂 zum Wort des Jahres zu küren. Diese Entscheidung entfachte sogleich eine breite Debatte darüber, ob Emojis eine Art eigenständige und eventuell sogar ›universelle‹ Sprache wären – oder es zumindest künftig werden könnten.

Wenn man bedenkt, dass für eine einfache Alltagskommunikation lediglich knapp 1.000 Wörter ausreichen, scheint das heutige Unicode-Emoji-Set mit über 3.500 Bildzeichen sehr groß zu sein. Die thematische Unterkategorie Food & Drink-Emojis besaß bereits 2010 laut Unicode über 71 Zeichen mit Ernährungsbezug, das aktuelle Register beinhaltet sogar über 130 entsprechende Piktogramme. Inzwischen dürfen auch Privatpersonen dem Unicode-Konsortium ihre Vorschläge unterbreiten. Als Meilenstein auf dem Weg zur Demokratisierung des Emoji-Universums gilt die erfolgreiche Eingabe von Yiying Lu und Jennifer Lee für ein ›Dumpling‹-Bildzeichen. Um das kulinarische Spektrum der Unicode-Emojis damit anzureichern, traten die Freundinnen dem Konsortium als assoziiertes Mitglied bei; die Gebühren hatten sie durch eine Fundraising-Kampagne auf Kickstarter gesammelt. Ihre Teigtasche ist seit 2017 auf allen Standard-Plattformen und -Endgeräten zu genießen (und Lu verdanken wir außerdem noch die Essstäbchen-, Mitnahmebox- und Glückskeks-Emojis).

Knoblauch und Zwiebel, Falafel und Bubble-Tea, Auster und Fondue: Für die heutigen Gaumen-, Augen- und Daumenfreuden der Emoji-Liebhaber scheint nichts mehr zu wünschen übrig zu sein. Doch Vokabeln allein – so viele es auch sein mögen – machen noch keine Sprache aus. Selbst wenn man der Volksweisheit folgt, nach der ein Bild mehr als tausend Worte sagt, stellt sich die Frage, was die Emojis zum Ausdruck bringen können, wie, von wem und wo sie eingesetzt werden und worin das ›Mehr‹ gegenüber der herkömmlichen Schrift genau besteht.

Dies lässt sich nicht pauschal und abschließend beantworten, denn Emoji ist nicht gleich Emoji. Während die kommunikative Funktion und der Mehrwert der Emotionen abbildenden Zeichen wie beispielsweise 😊,😱 oder 🤬 relativ offensichtlich sind – sie färben schriftliche Mitteilungen affektiv und kommen auch ganz ohne Worte gut aus –, fragt man sich, wofür z.B. das Ingwerwurzel-Emoji nützlich sei. Die Emojipedia, ein vollberechtigtes Mitglied im Emoji-Konsortium, das sich u.a. mit der Bildzeichen-Semantik befasst, gibt hierzu folgende Auskunft: Das Piktogramm »can be used to talk about ginger root or roots in general. Can also be used to talk about spice, flavor, cooking, or baking. May also be used to talk redheads«. Ernsthaft gefragt: Wie oft führt man eine Konversation über Ingwer oder über Wurzeln im Allgemeinen? Was die Kulinarik angeht, ist diese Pflanze zwar eine verbreitete Zutat vieler Gerichte, doch eine Einkaufsliste, geschweige denn ein Rezept, mit Emojis zu verschriftlichen, wäre ein müßiges Unterfangen. Erstens müssen mindestens die Mengenangaben zwingend ausbuchstabiert werden. Sucht man nach Emoji-Kochrezepten, wird man zwar schnell fündig, jedoch bieten sie alle lediglich die gestalterische Inspiration für Tränen lachende Cake-Pops, schokoladene Poop-Emoji-Cupcakes und kinderfreundliche Pizzen mit Olivenaugen und Paprikamund; die Zubereitungsanweisungen selbst erfolgen aber dem Backerfolg zuliebe nicht in Piktogrammen. Zweitens gibt es von praktisch jedem Lebensmittel verschiedene Arten: Der nigerianische Ingwer (um bei diesem Beispiel zu bleiben) schmeckt z.B. anders als der peruanische oder der chinesische. Bei den Darstellungen von Personen folgt der Unicode nolens volens dem Vielfalt fordernden Zeitgeist, in anderen thematischen Bereichen hält er sich stark zurück; um global nutzbar zu sein, sollen die Bildzeichen möglichst generisch wirken. Vielfalt kommt da aber trotzdem zustande, denn das Erscheinungsbild von Emojis ist, drittens, anbieter- und plattformabhängig. Während speziell die Ingwerwurzel überall unverkennbar bleibt, könnte die Tomate im Microsoft-Design dagegen leicht mit einem roten Apfel verwechselt werden.

Aus den sonstigen Gebrauchsmodi des Ingwer-Emojis blieben dann nur noch die von der Emojipedia angeführten Scherze über Rothaarige, allerdings sind sie weniger populär als Blondinenwitze und wären ferner nur im Englischen verständlich. Für Wortspiele und Rebusse werden Speisen- und Getränke-Emojis zwar tatsächlich gelegentlich verwendet. In seinem Blog präsentiert Ben & Jerry’s beispielsweise ein Emoji-Quiz zu den verschiedenen Eissorten. Wofür steht »🎃+🧀+🍰«? Lust auf »🚌+illa?« (Achtung: Um ein Bussi geht es nicht!). Dennoch ist ihre Nutzung in diesem Bereich weder alltäglich noch universell möglich. Viel öfter werden Speisen- und Getränke-Emojis nicht ›buchstäblich‹, sondern metaphorisch eingesetzt. Ein gutes Beispiel bietet die Geburtstagstorte, die laut der Unicode-Statistik für das letzte Jahr das am häufigsten verwendete Speisen-Emoji ist und auf Platz 25 der absoluten Nutzungshäufigkeit einzelner Bildzeichen steht – gefolgt von der Kaffeetasse (Platz 124) sowie den Duo-Bier- und Sektgläsern (Platz 140 und 155). Alle diese Bildzeichen stehen weniger für die abgebildeten Speisen und Getränke sowie ihren Konsum, sondern vielmehr für freudige Ereignisse, festliche Anlässe und fröhliche Freizeitkontexte.

Das nächstpopulärste Speisen-Emoji ist die Aubergine. Während der Unicode seinen Nutzern sogar einen Austausch über Ingwerknollen gönnt, fehlen im Emoji-Register nach wie vor spezialisierte Bildzeichen, mit deren Hilfe man sich über Sex austauschen könnte. Zu diesem Zweck widmeten die Nutzer vor allem viele Obst- und Gemüse-Emojis um, die wohl vor allem dieser Nebentätigkeit ihre soliden Nutzungsstatistiken verdanken. Die Aubergine – die sich übrigens schon 2000 unter den SoftBank-Emojis befand – ist neben dem Pfirsich das bekannteste Sexting-Zeichen. Da man der naturgegebenen phallischen Optik der Aubergine nichts anhaben konnte, blockierte Instagram 2015 den Hashtag #🍆 kurzerhand in der Suchfunktion. Apple versuchte 2016, seinen längst auf ›Po-Emoji‹ umgetauften Pfirsich optisch anständiger umzugestalten. Doch der kollektive Protest fiel so entschlossen und massiv aus, dass beide Hüter der digitalen Sittlichkeit gleich wieder aufgeben mussten – zur großen Freude der Anhänger von zeitgemäßen gesunden Lebenspraktiken.

Gerade dieser Anwendungsbereich bietet zahlreiche Beispiele für Emoji-Ausdrucksketten, denen man durchaus eine Art Proto-Syntax bescheinigen könnte: z.B. »🍩🍌« oder auch »👋🍑😈«. Mit den vielen bereits etablierten ›Redewendungen‹ sind die humorvollen und erfinderischen Kombinationen von Obst und Gemüse, Baguettes und Honigtöpfen, Fingerfood und Naschereien keineswegs erschöpft. Keimt da doch vielleicht eine neuartige Schriftsprache, die ihrer eigenen, in der Wirkungsmacht der Bilder begründeten Logik folgt und dank der unsere Kommunikation an Unmittelbarkeit des Selbst- und Weltbezugs zu gewinnen vermag?

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