Populäre Geopolitik
[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 21, Herbst 2022, S. 101-112]
Wenn in der vierten Staffel von »Stranger Things« (Episode 6) eine hochriskante Mission hoffnungslos unterlegener Kräfte als Expedition nach Mordor bezeichnet wird und einer der Protagonisten irritiert nachfragt, »What is Mordor?«, dann besteht der popkulturelle Witz natürlich darin, dass anders als im Jahr 1986, in dem die Handlung spielt, heute nicht nur eine Handvoll »Dungeon & Dragons-Fans« und »The Lord of the Rings«-Leserïnnen, sondern jede(r) weiß, was Mordor ist. Dass der unterseeische Eingang in das Reich des Bösen so lavarot glüht wie das Auge Saurons über dem Turm von Barad-dûr, baut die Analogie auch visuell weiter aus: Die Chancen der Teenager-Truppe, den Herrn des dunklen Reiches, Vecna, zu besiegen, sind so schlecht wie die von Frodo und Sam – darum zugleich jedoch auch so gut wie die der beiden Hobbits. ›It’s against all odds‹, aber Sauron wird letztlich schon besiegt werden, auch wenn derweil das Auenland in Flammen aufgehen muss.
Wenn Toponyme wie »Mordor« oder das »Auenland« (»The Shire«) und Eigennamen von Protagonisten wie »Frodo« oder »Sauron« nicht von Tolkien-Fans wie Eddie und Dustin verwendet werden, um über das Schicksal Mittelerdes zu fachsimpeln, sondern von Journalisten und Politikern in ihren Kommentaren zum Ukrainekrieg, dann geht es nicht nur um das rhetorische Ziel, mit einer Analogie blitzartig und eingängig ein Gefühl für die Verteilung von Unterlegenheit und Überlegenheit, Recht und Unrecht, Macht und Ohnmacht, Gut und Böse zu vermitteln, sondern zugleich auch darum, eine Hypothese über den weiteren Verlauf und den Ausgang des Kampfes ins Bild zu setzen: Denn wenn Putin Sauron ist, dann besagt das nicht nur alles für die Legitimation der ukrainischen Abwehr eines überlegenen Angreifers und die Rechtswidrigkeit des Aggressors, sondern vermittelt über die mit den Tolkien-Zitaten aufgerufene Narration auch die Erwartung, zuletzt würden, ›against all odds‹, Putin und seine Truppen besiegt.
Am 24.2.2022 beginnt im Anschluss an einen immer wieder als »Manöver« camouflierten Truppenaufmarsch an den südlichen, nördlichen und östlichen Grenzen der Ukraine der aktuelle Angriffskrieg der Russischen Föderation. Die russischen Truppen nutzen den strategischen Vorteil, über bereits besetzte (die sog. »Volksrepubliken« im Donbass) und annektierte Gebiete (Krim) vorstoßen zu können. In den ersten drei Wochen der Invasion gelingt es den russischen Kräften, erhebliche Geländegewinnen zu erzielen. Die Invasionstruppen erreichen die Außenbezirke von Kiew, besetzen weite Teile des Donbass, stellen eine ›Landbrücke‹ zur Krim her und schneiden Mariupol ab. Etwa 5 Millionen Bewohner sind aus dem Land geflohen, hinzu kommen 6,5 Millionen Binnenflüchtlinge. Von der Überlegenheit des russischen Militärs und der zu erwartenden Kapitulation der Ukraine ist in den ersten Kriegstagen in deutschen Medien immer wieder die Rede (vgl. Livia Gerster in der »FAS« v. 27.3.2022). Putin werde seine Kriegsziele schnell und umfassend erreichen.
Es ist der Verteidigungsminister der Ukraine, Oleksii Reznikov, der am 14.3.2022 in einem Tweet angesichts der verheerenden Zerstörungen in Sumy, Kharhiv und Mariupul über die Armee der Russischen Föderation schreibt: »They aren’t Slavs. They’re orcs. But we’ll win.« Die nahezu vollständige Zerstörung von Städten wie Bucha, Irpin oder Hostomel ist zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt und gut dokumentiert. Reznikovs Tweet, der eine im Durchschnitt etwa zehnfach höhere Beachtung erfährt als andere Tweets seines Accounts, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert:
Erstens widerspricht er dem vielfach verbreiteten, problematischen ›Narrativ‹, es handele sich bei den Russen um ein ›Brudervolk‹ der Ukrainer und damit bei dem ›Konflikt‹ im Grunde um eine ›interne‹ Angelegenheit unter (Klein-)Russen oder allenfalls um einen ›Bürgerkrieg‹. Reznikov stellt jede Gemeinsamkeit in Abrede. Die russischen Soldaten seien keine Slawen, sondern Orks – mithin »bloodthirsty, hateful, and fear-driven semi-humans«, »originating from Mordor, the Land of Shadows«, wie Per-Erik Nilsson 2021 über die »Lord of the Rings«-Figuren in einem Beitrag für die »Nordicom Review« anlässlich einer migrationsfeindlichen Tolkien-Adaption aus dem Jahr 2019 schreibt.
An dieser Gleichsetzung ist prinzipiell nichts Neues, denn seit Jahrzehnten wird die internationale Politik immer wieder allegorisch auf die von Tolkien geschaffene und von Jackson bebilderte Welt (Mittelerde) bezogen. Andrew C. McKevitt hebt 2015 in seinem Aufsatz »›Watching War Made Us Immune‹: The Popular Culture of the Wars« hervor: »Tolkien’s ›Lord of the Rings‹ – reinterpreted by Peter Jackson in the most expensive set of films ever produced – has been read as an allegory for international relations since its first publication in the 1950s.« Nur fungieren diesmal nicht Osama bin Laden oder George W. Bush als Sauron, sondern Wladimir Putin.
Zweitens wird mit der Gleichsetzung von Russen und Orks eine prinzipielle moralische Asymmetrie installiert, denn die Orks sind, jedenfalls in Tolkiens Mittelerde, grundsätzlich böse, eine von satanischen Mächten gezeugte Rasse, deren einziger Lebenszweck darin besteht, alles Gute, Schöne und Helle zu verderben. Für alle, die sie sehen, ist es evident: Orks sind bösartige Geschöpfe. Sie unterscheiden sich von Elben und Menschen durch ihre Herkunft, ihr Aussehen, ihre Sprache und ihre Handlungsmaximen. »Orcs« sind »creatures, being filled with malice«, sie werden als »foul race« bezeichnet, um Tolkiens »The Lord of the Rings« zu zitieren (nach der Ausgabe London: Harper Collins 1995: 1106). Sie sind das »maggot-folk of Mordor« (687). Es versteht sich für die »Gefährten« und Alliierten des Ringkrieges von selbst, dass dieses Gezücht bekämpft und ausgerottet werden muss. »The Orcs reeled and screamed and cast aside both sword and spear. […] They fled. […] No Orcs remained alive; their bodies were uncounted; […] the heaps of carrion were too great for burial or for burning. […] ›Let the Orcs lie‹, said Gandalf« (529, 532). Wenn Orks lebendig verbrennen, können sie kaum mit Mitleid rechnen. 3049 Twitternutzerïnnen haben sich das am 1.6.2022 angeschaut.
Drittens kann gerade die große quantitative Überlegenheit der russischen Truppen (mehr Soldaten, mehr Kriegsgerät) durch die Analogie zu den Orkheeren Mittelerdes für eine Herabsetzung des Feindes genutzt werden: Denn der einzelne Ork taugt nicht viel im Vergleich zu einem Elben oder Númenor. Im »Lord of the Rings«, dies gilt für den Romanzyklus genauso wie für die Verfilmungen von Peter Jackson, treten die Orks immer als wimmelnde Masse auf. Es gibt kaum Versuche einer Individualisierung, allenfalls die Anführer der Meuten tragen Namen. Hunderte, Tausende, Zehntausende von Orks bekämpfen im Namen ihres erzbösen Herrn einen zahlenmäßig weit unterlegenen Gegner, seien es Menschen (aus Gondor und Rohan) oder (sehr wenige) Elben und Zwerge. Dass dennoch jede Schlacht (freilich unter Verlusten) gewonnen wird, etwa die Schlacht um Helms Klamm, bei der Orks fortgeschrittene Belagerungstechnik und Sprengstoff einsetzen, zeigt, dass im Falle der Orks die schiere Masse ein sicheres Zeichen ihrer qualitativen Unterlegenheit ist. Sie sind nichts wert. Das frivole Spiel, das Legolas und Gimli (im Film »Die Rückkehr des Königs«) in der Schlacht um Gondor darum führen, wer die meistens Feinde tötet, setzt anschaulich ins Bild, dass ein einzelner Ork kein ernstzunehmender Gegner für einen Zwerg oder einen Elbenprinzen darstellt. Ihr Wettbewerb »butchering by numbers« hat übrigens schon in Helms Klamm begonnen: »›Twenty-one,‹ said Gimli. ›Good!‹ said Legolas, ›but my count is now two dozen. It has been knife work up here‹« (524).
Aber wenn die Russen Orks sind, wer sind die Ukrainer? Etwa Hobbits, wie viele zunächst angenommen haben? Hobbits, die ohne die Hilfe westlicher Schutzmächte ihr Auenland schnell besiegen und besetzen lassen?
Viertens kommt es also darauf an, wer man ist, wenn man gegen einen zahlenmäßig überlegenen Feind kämpft. Wenn die Russen keine »Slavs«, sondern »Orcs« sind, wer sind dann die Ukrainer, die gegen die Übermacht ins Feld ziehen, um den Krieg zu gewinnen, wie Oleksii Reznikov seinen Tweet beendet? Der Kriegsreporter Illia Ponomarenko, dem auf Twitter inzwischen 1,2 Millionen Accounts folgen und der seit März zu den sichtbarsten Stimmen der Ukraine zu zählen ist, gibt einen Hinweis darauf, wie der Tweet des Verteidigungsministers zu lesen ist: Die Ukraine repräsentiert nämlich keineswegs das Auenland, wie man zunächst annehmen könnte. Die Ukrainer sind keine Hobbits. Als Kandidaten für dieses geopolitisch unbeholfene, ganz auf den Schutz durch wohlwollende Mächte (Arnor, Bruchtal bzw. USA, GB) angewiesene Völkchen von Biertrinkern und Oktoberfestfreunden werden übrigens eher die Deutschen gehandelt. Aber wer erwartet hätte, dass die USA und das UK das »Shire« vor einer Invasion aus Mordor/Russland schützen, so wie es im »Lord of the Rings« die Númenor und ihre Verbündeten seit Jahrhunderten praktiziert haben und wie es das Budapester Memorandum vielleicht nahegelegt hätte, wird ebenfalls enttäuscht. Die USA und das Vereinigte Königreich sind nicht in die maßgeschneiderten Rollen von Gondor und Rohan geschlüpft.
Das ukrainische Verteidigungsministerium teilt in einem Tweet vom 15.6.2022 mit, Oleksii Reznikov nehme am »Council of Elrond« teil, um mit den freien Völkern Mittelerdes einen Weg zu finden, über das »Böse aus Mordor« zu siegen. Die Ambivalenz der ukrainischen Erwartungen an das NATO-Treffen in Brüssel ist damit angedeutet: Der Gesandte Gondors im »Council of Elrond« jedenfalls ist nicht allzu begeistert über die Pläne des Rats (»looked at them doubtfully«) und kommt zu dem ernüchterten Schluss: „in Gondor we must trust to such weapons as we have. And at least […] we will fight on«; Tolkien: 261).
Denn die Rolle Gondors musste die Ukraine selbst übernehmen. Den Part des verräterischen Zauberers Saruman übernimmt der belarussische Diktator (Minsk ist Isengard). Russland ist Mordor, und in Moskau steht der schwarze Turm Saurons. Wer den getreuen Rohirrim entsprechen könnte, lässt Ponomarenko in seinem Tweet vom 6.3. offen. Auf Twitter ist aber schon im März die Deutung populär geworden, dass alle, die die Ukraine zeitig mit Waffenlieferungen unterstützen, diese Rolle übernehmen würden: »For those who are unaware: the Ukrainian defenders have referred to Russian aggressors as ›orcs‹ for years. They have long likened their plight to the defense of Gondor. Which, by analogy, makes the rest of the world the Rohirrim, which hopefully arrives in time« (@PeterCorless, 2.3.2022). Wer mit dem Verlauf des Ringkriegs vertraut ist, und in der Ukraine sind die Filme Peter Jacksons wohlbekannt, der weiß, dass sich am Ende eine kleine, aber erlesene Schar den Heerscharen Mordors stellt, alle Gebietsforderungen Saurons zurückweist, einen Verhandlungsfrieden (= Unterwerfung Gondors und Rohans) ablehnt (»These are the terms«; heißt es bei Tolkien: 872) – und triumphiert, selbst wenn zuvor viele in den Schlachten und Scharmützeln des Ringkriegs fallen und viele Gebiete von den Invasionstruppen Mordors verwüstet und unbewohnbar zurückbleiben. Aber auch wer die Geschichte Mittelerdes nicht so genau kennt, wird die Analogie verstehen: Wenn die Ukraine Gondor ist und Russland Mordor, dann steht fest, wer (für alle anderen »free nations of Middle-Earth«) gegen den bösen Feind kämpft und gewinnen wird – und sei die momentane Lage noch so verzweifelt.
Die Analogie, die starke Accounts mit viel beachteten Tweets verbreiten, wird täglich weiter ausgebaut. Die russischen Orks sind nicht nur ein Feind, der besiegt werden wird, sondern Mordor ist auch ein Feind, der keine Kriegsziele verfolgt außer der Vernichtung selbst, die der Krieg ermöglicht. Orks zerstören das Land, das sie besetzen, und terrorisieren seine Bevölkerung, ja, sie nehmen sogar Menschenfleisch zu sich. Die Angst der Frauen und Kinder im belagerten Helms Klamm geben ein gutes Beispiel dafür ab, was von Orks zu erwarten ist: Sie führen eine »Spezialoperation« in Gondor aus, um einen Krieg in Mittelerde zu verhindern und die Erde von »Nazis« zu befreien, die die Schädel ihrer Feinde als Hüte tragen, wie Kama am 27.4.2022 mit einiger Resonanz twittert. Der Tweet nimmt die im Westen nicht gerade erfolglose russische Propaganda aufs Korn, deren Kernsätze den Orks in den Mund gelegt werden. Niemand wird ihnen Glauben schenken.
Oleksii Reznikov hat seinen Tweet mit einem Foto versehen, der den Verteidigungsminister inmitten Kiews zeigt, auf dem Maidan, jenem Platz, auf dem die Loslösung der Ukraine vom Einfluss Russlands Fahrt aufgenommen hat. Der Account @EuromaidanPress, der seinen Namen der ukrainischen Protestbewegung gegen die Nicht-Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU und den korrupten, später abgesetzten, nach Russland geflohenen Präsidenten Janukowytsch zu verdanken hat und seit Juni 2014 aus der Ukraine berichtet, müht sich um eine Korrektur des medialen ›Framing‹, es handele sich beim »Euromaidan« um einen vom Westen orchestrierten, ›faschistischen‹, gegen Russland gerichteten Putsch – ein ›Narrativ‹, das die im Februar beginnende russische Okkupation und Annexion der Krim bisher offenbar ganz gut überstanden hat. Der flagrante Bruch des Völkerrechts durch die Russische Föderation ist im Westen wortreich beklagt, aber kaum sanktioniert worden. Man wolle und müsse den »Dialog mit Russland« suchen und der »Spirale aus Drohung und Gegendrohung« entkommen, forderte etwa am 6.12.2014 – initiiert u.a. vom früheren Kanzlerberater Horst Teltschik (CDU) – eine illustre Gruppe prominenter Künstler (z.B. Wim Wenders, Ingo Schulze, Hanna Schygulla) und Politiker im Ruhestand (u.a. Gerhard Schröder, Roman Herzog, Otto Schily, Antje Vollmer).
Der Tweet von @EuromaidanPress vom 11. Dezember 2014 versucht es mit einem ›Framing‹, das im Westen vermutlich jeder verstehen wird: »Putin’s Russia, Tolkien’s Mordor: What’s the difference?« Es versteht sich, dass hier nicht nach den Unterschieden gefragt wird, die sich ja benennen ließen (so führt etwa kein »black gate« nach Russland, und Putin verfügt auch nicht über neun Nazgûl), sondern die Gemeinsamkeiten betont werden: Ein bösartiger Führer regiert ein mächtiges Reich, rüstet unermüdlich auf, um den verhassten wie beneideten Westen zu unterwerfen. Verbündete gewinnt er durch List, Drohungen und Versprechungen. In der Tat. »What’s the difference?«, fragt die einflussreiche politische Journalistin und Kommentatorin Julia Davis (288.000 Follower. Claim: »I watch Russian state TV, so you donʼt have to«) am 29.7.2015 noch einmal.
Wer wollte schon mit Sauron einen ›Dialog‹ führen oder einen ›Ausgleich‹ suchen? Alle, die dies versucht haben (wie Saruman), werden es mit dem eigenen Tod oder ihrer völligen Unterwerfung (wie die neun Nazgûl) bezahlen. Während die Dringlichkeit der ukrainischen Notlage jedenfalls in deutschen Medien kaum angemessen vermittelt wird, wie 2014 eine Gruppe von Osteuropa-Experten, darunter Historiker (etwa Karl Schlögel) und Politikerinnen der Grünen (etwa Marieluise Beck), diagnostizierte, etabliert die Mordor-Analogie ein populärkulturelles Angebot, das nicht nur die geopolitische Lage in drastischer Weise transportiert, sondern so erfolgreich ist, dass es bei der Suchmaschine Google zu einer Fehlauszeichnung kommt und die automatische Übersetzungsfunktion »Russia« in »Mordor« verwandelt. Wie die BBC berichtete, basiert der Fehler auf der algorithmischen Auswertung einer aktuellen Praxis der Nutzer: »The errors had been introduced to Google Translateʼs […] service automatically, Google said. The terms mirror language used by some Ukrainians following Moscow’s annexation of Crimea in 2014.«
Es sind also immerhin so viele Russland-Mordor-Analogien im Umlauf, dass der Google-›Translation Algorithm‹ dazu übergeht, »Mordor« für eine Übersetzung von »Russia« zu halten. Russland-Mordor – ›what’s the difference‹? Tweets aus der Ukraine wie die von Ponomarenko vom 3.3. und von »Euromaidan Press« vom 29.3.2022 werden vielfach verbreitet, geliked und zustimmend kommentiert. Tweets über das Reich Saurons, die sich auf nichts anderes als Tolkiens Mittelerde selbst beziehen, erreichen dagegen keine derart hohe Beachtung. Die geopolitische Analogie ist – auf Twitter – populärer geworden, als die Fankommunikation über Mordor es je gewesen ist. Selbst der offizielle Account der neuen »Lord of the Rings«-Serie »Rings of Power« erzielt mit knapp 29.000 Likes weniger Zustimmung als Ponomarenkos knappe Einordnung der »barbaric« Kriegsführung der Russen als »just a fucking Mordor«, die 32.500 Likes erhält (Tweet v. 4.3.2022).
Was Saruman angeht, den ehemaligen Herren von Isengard (Minsk), so wird ihm am Ende von einem seiner eigenen Vasallen, Grima Wormtongue, die Kehle durchgeschnitten. »A nasty end […] And the very last end of the war« (997). Was aus Sauron nach der Vernichtung des Rings geworden ist, ob er lebt oder nicht, lässt der Roman offen. Saruman aber findet ein schmähliches Ende. Nach ukrainischer Lesart müsste man sich fragen, wer Lukaschenkos Schlangenzunge sein wird. In der populären Geopolitik, die den »Lord of the Rings« als Medium nutzt, ist der Krieg bereits entschieden. »Gondor will prevail.« Und auch das Auenland werde daher nach dem Ringkrieg wieder sicher behütet sein, »despite their silly mayor«, wie ein finnischer Nutzer mit einem kleinen Seitenhieb auf den deutschen Kanzler anmerkt.