Niedliches (Teil 3): Das Rundliche
von Katja Gunkel
18.11.2019

Gewichtige Niedlichkeiten, in Form gebrachte Tiere

„[L]ook at this absolute unit.“[1]

Die beiden vorangegangenen Konsumrezensionen über die Quetschbarkeit (Artikel hier) und die Flauschigkeit des Niedlichen (Artikel hier) haben bereits vorgeführt, dass die protoniedliche (Tier-)Form am treffendsten mit den Attributen klein, rund, weich und flauschig beschrieben werden kann. „[C]ute objects have no edge to speak of, usually being soft, round, and deeply associated with the infantile and the feminine“[2] – als ein Schlüsselmerkmal niedlicher Gestalt/ung begleitet Rundheit nun die nachfolgende Expedition durch die unendlichen Weiten digitaler Bildkulturen. 

Im Fall der zuvor exemplarisch anhand des Mini-Zwergspitzes studierten Materialeigenschaft Flauschigkeit[3] ist die rundliche Silhouette das kunstfertige Resultat eines sorgfältig getrimmten buschig-voluminösen Haarkleides. Das nunmehr näherungsweise kugelrunde äußere Erscheinungsbild der bereits qua Züchtung manieriert-niedlichen Hunderasse wird durch diesen erneuten Formgebungsprozess noch gesteigert („cutening the cute“[4]), basiert de facto jedoch auf einer optischen Illusion. Wasser hilft angesichts jenes haarigen Blendwerks der Wahrheitsfindung, enttarnt der Kontakt mit dem feuchten Element doch gnadenlos den anatomischen Kern, d.h. die schmächtige Statur des mühevoll händisch aufgeplusterten, nunmehr im Bade abschmelzenden Pommeraners[5] und führt jene Janusköpfigkeit vor, aus der sich die latente Skepsis vor dem vorgeblich allzu Niedlichen speist (vgl. Abb. 1).

Abbildung 1: Vorher-Nachher-Bildvergleich – „before and after bath.“

Obgleich Miniaturisierung und Handlichkeit nahelegen, dass die niedliche Tiergestalt idealiter leichtgewichtig, kleinformatig und zierlich ist, deutet alles darauf hin, dass jene Beobachtungen unter umgekehrten Vorzeichen ebenso Gültigkeit behalten. Kugelige Anschauungsexemplare aus der Social-Media-Menagerie sind daher diesmal nicht in Form miniaturisiert-fragiler Fellknäule von Interesse – ganz im Gegenteil. Die Aufmerksamkeit richtet sich nunmehr auf die schiere Präsenz der wohlgenährten, trägen wie schweren, mit besten Absichten liebevoll in Form gefütterten (Bio-)Masse.[6]

Die Kugel[7] gilt denn auch nicht nur Bauschigem – Stichwort: Pompon – designseitig als Idealform, eine ähnlich prominente Rolle spielt sie im semiotischen Repertoire der Beleibtheit. Dass gemeinhin ein Nexus zwischen kugelrund und übergewichtig besteht, darauf deutet bereits die synonyme Wortverwendung hin.[8] Unmittelbar anschaulich wird besagter Zusammenhang beim Blick auf jene Tierdarstellungen, die allenthalben mit #cute und #adorable verschlagwortet über Instagram-Profile wie @round.animals – „[d]aily dose of thicc & round animals“[9] – oder @round.boys – „the original round animals account“[10] – geteilt werden. 

Im virtuellen Kuriositätenkabinett der kugelförmigen Tierkörper bzw. ‚runden Lieblinge‘ reihen sich lebendige Fellknäule dabei gleichberechtigt an absichtlich ‚unvorteilhaft‘ fotografierte ein: zum Beispiel solche, die durch die Wahl einer entsprechenden Kameraperspektive füllig inszeniert wurden, sowie tatsächlich korpulente Exemplare. Die zumindest bei flüchtiger Betrachtung gegebene formale Ähnlichkeit zwischen einem flauschigen und einem fettleibigen Säugetier dient sich im wissentlich wenig überzeugenden Versuch, schiere Massigkeit als bloße (Lang-)Haarigkeit zu camouflieren augenzwinkernd der Logik der Verwechslungskomödie an – „I’m not fat, I’m fluffy!“ Das Spiel mit der ambigen, durch Behaarung umschmeichelten bzw. vorteilhaft kaschierten, Körperform verliert mit Abnahme der Haarlänge proportional an Plausibilität, so dass einer kurzhaarigen Katzenart deutlich weniger imaginärer Spielraum vergönnt ist – „I’m not fat, dammit!“ (vgl. Abb. 2).

Abbildung 2: „I’m not fat, I’m fluffy“-Meme.

Chonkcilla, Unichonk oder Chonkkin – ob reale oder fiktive Tierfiguren, alle lassen sie sich sowohl sprachlich als auch optisch an die kugelrunde Idealform angleichen bzw. anfüttern.[11] Laut urbandictionary.com, dem selbsternannten, kollektiv organisierten Nachschlagewerk für Internet-Slang, hat sich chonk als orthografische Variation von chunk – übersetzt etwa so viel wie ‚großer Brocken‘ – online zur Bezeichnung korpulenter Tiere aller Art etabliert.[12] Befeuert durch die CHONK Chart,[13] eine qua Bildbearbeitung manipulierte Körperfett-Risikoskala für Haustiere, die vor allem im Sommer letzten Jahres viral kursierte, erfreuen sich insbesondere über- bzw. schwergewichtige Stubentiger memetischer Berühmtheit (vgl. Abb. 3). 

Abbildung 3: CHONK Chart via Imgur.

Graduell von einem zwanzigprozentigen, als unbedenklich indexierten Körperfettanteil auf 70 Prozent in den dunkelroten Risikobereich ansteigend, gipfeln die begleitenden Illustrationen auf der letzten Stufe in einem unförmig adipösen Tierkörper. Die Bauchdecke hängt auf Bodenhöhe, wodurch die Silhouette der grafisch dargestellten Katze in der Seitenansicht nahezu quadratisch wirkt. 

Während das veterinäre Schaubild offensichtlich für die gesundheitlichen Konsequenzen von Fettleibigkeit bei Katzen im Speziellen wie Haustieren im Allgemeinen sensibilisieren will und dazu die massiv übergewichtige tierliche Figuration als stark gefährdete Normabweichung inszeniert, die es unter allen Umständen zu vermeiden bzw. mit sofortiger Wirkung auf strikte Diät zu setzen gilt, zielt die CHONK Chart auf das genaue Gegenteil. Dank der humoristischen Umdeutung wird die ursprünglich als abnorm deklarierte Körperform glorifiziert. Je fülliger, desto besser lautet entsprechend der Überbietungslogik alsdann