Sound-Konserven aus Hong Kong
von Maren Lickhardt
4.4.2017

Snap! Crackle! Pop!

Pop erkennt man am Geräusch. Ich zitiere Thomas Hecken: „Bei Allan Kaprow gibt es zumindest den Hinweis darauf, dass bereits in den 30er Jahren in den USA pop als Kurzform für popular gebraucht wurde; Kaprow erinnert sich an eine Radiosendung mit dem Titel Vox Pop. Er erinnert sich aber auch an die lautmalerische Verwendung des Worts in den Anzeigen für Kelloggs Rice Krispies: ‚Snap! Crackle! Pop!‘“

Während der Verweis auf die Radiosendung die Fährte in Richtung Musik legt, erscheint es mir interessant, dass mal wieder die Kellogg Company im Spiel ist, wenn es um Pop geht, wurden Kelloggs Pop Tarts doch angeblich nicht nur wegen ihres Geräuschs, sondern auch als Anspielung auf die Pop Art so benannt. Hier schließt sich der Kreis. Ist erst einmal Pop Art im Spiel, haben wir es mit einem bereits stabilisierten Begriff und Konzept zu tun, auf den oder das Kellogg bei der Namensgebung der Pop Tarts in den 60er Jahren rekurrieren konnte, während die Rice Krispies in den 30er Jahren noch ganz unmittelbar mit ihrem Sound-Potential beworben wurden. Sie snappen, cracklen, poppen.

Pop ist also zunächst einmal ganz einfach auch ein Geräusch. Und Hongkong poppt. Hongkong klackert, klickert, gluckert, kracht, bohrt, brummt, plappert, lacht, und murmelt und sprudelt in einem einzigen dynamischen Gemenge aus Tönen vor sich hin. – Und ich komme mir wirklich albern vor, während ich einen solchen Satz schreibe.

Man könnte sich mit geschlossenen Augen durch die Stadt bewegen, und man würde keinen Anfang und kein Ende einer Rolltreppe verfehlen, jeden Ausgang einer U-Bahn finden, immer bei Grün über die Straßen gehen, stets ahnen, in welchem Stadtteil man sich befindet…

Aber natürlich möchte man nicht mit geschlossenen Augen durch die Stadt gehen. Die akustische Kulisse sorgt vielmehr dafür, dass unsere Augen dafür frei bleiben, dass Hongkong auch flackert, glitzert, glänzt und leuchtet (s. Hongkong Pop!). Man muss nicht auf den Boden sehen oder auf eine Ampel starren, sondern während man hören kann, was gerade los ist, was als nächstes zu tun ist, wann man gehen kann, stehen muss etc., kann man sich die Tausenden von schreienden Farben ansehen.

Städte erkennt man an ihrem Geräusch. Das hat schon Robert Musil gewusst und Wien mit der Beschreibung seiner Sound-Kulisse auf der ersten Seite des Mann ohne Eigenschaften ein Denkmal gesetzt, auch wenn Wien sicher kein weiteres Denkmal nötig gehabt hatte. Hongkong hat auch rein gar nichts nötig – außer politische Autonomie… –, aber dennoch habe ich ein paar seiner Geräusche konserviert und mitgebracht.

1. Fußgängerampel am Victoria Harbour

2. U-Bahn-Station auf Hong Kong Island

3. Greenville Square in Tsim Sha Tsui

4. Nathan Road

5. Hongkong International Airport

Nach der Landung in Deutschland auf dem Frankfurter Flughafen erleidet man als Erstes eine kleine Panikattacke, weil man fürchten muss, taub geworden zu sein. Man hört einfach nichts. Es ist unfassbar, wie unterwältigend ein sinnlicher Eindruck sein kann. Und immerhin spreche ich von dem deutschen Flughafen, der tatsächlich funktioniert und auf dem sich täglich Tausende von Menschen bewegen.

PS: Beim Wiederhören bin ich ein bisschen enttäuscht von den Soundaufnahmen, denn man muss sich nun vorstellen, dass das in Wirklichkeit viel fetter und lauter ist und dass wirklich IMMER ein maschinelles Geräusch irgendwo zu hören ist. Autos eh, aber auch Baustellen, Hubschrauber und dann permanent diese Klapper-, Klicker- und Schepperakustik in verschiedenen Ausformungen, die man gar nicht mehr bewusst wahrnimmt, wenn man nicht auf die Idee kommt, das mal bewusst aufzuzeichnen. Und dann noch das Gemurmel der
Menschen… Und wenn das nicht, dann sprudelt schon noch irgendein Brunnen. Das Vogelgeräusch auf dem Greenville Platz ist übrigens künstlich und kommt auf einem Lautsprecher.

 

Maren Lickhardt ist Assistenzprofessorin am Institut für Germanistik an der Universität Innsbruck.